Großmutters Saft - DER SPIEGEL
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Lebensmittel Großmutters Saft

Aus einer privaten Geschenkaktion wurde ein Millionengeschäft: Hollywood-Star Paul Newman eilt mit seinen Soßen von Erfolg zu Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 21/1991
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Paul Newman, 66, der unbesiegbare Junge von nebenan, kommt in die Jahre. »Seit ich 60 geworden bin«, so der Filmstar, »habe ich von der Welt eine andere Sicht.«

Die neue Weltsicht verinnerlicht der einstige Amateur-Rennfahrer - ein zweiter Platz in Le Mans - auf der Leinwand mit dem elegischen Schauspiel Mr. und Mrs. Bridge und in der richtigen Welt mit der Arbeit in seiner Salatsoßenfirma Newman''s Own.

Newmans Küchenprodukte - neben Salat-Dressing noch Popcorn, Spaghetti-Soße und Limonade nach altem Hausrezept - waren zunächst meist nur in Delikatessenläden geführt worden. Aber seit einigen Jahren steht Newman''s Own auch in gewöhnlichen Geschäften, hierzulande in den Regalen der Edeka-Läden und im Kaufhaus des Westens in Berlin.

Zur weiteren Verbreitung von Newmans Edelware - alles ohne Chemie - trägt ausgerechnet Burger King bei. Die amerikanische Schnellfraß-Kette will sich von dem Ruch befreien, ungesunde Nahrungsmittel zu verkaufen. Burger King bietet neuerdings Newmans Salat-Dressing in verschweißten Kleinpackungen an, das leicht verjüngte Konterfei des Meisters obendrauf.

Der Mime betreibt seine vom Filmruhm ermöglichten Sondergeschäfte von Westport aus, einem vornehmen Ort an der Küste des US-Bundesstaats Connecticut. Seine beiden Firmen, Newman''s Own Inc. und Salat King Inc., siedeln dort in einem schlichten Bürogebäude.

Der karge Stil soll sein. Der Geschäftszweck seiner Firma, sagt Newman, sei nicht auf Pomp und nicht auf Eigennutz gerichtet: »Sämtliche Gewinne von Newman''s Own- und Salat-King-Produkten«, so steht es in Kardinalsrot auf den Packungen, »gehen nach Abzug der Steuern an gemeinnützige Organisationen.«

Fast 40 Millionen Dollar, verkündete Newman vergangenen Monat auf der Zehnjahresfeier seiner Unternehmen in New Yorks »Russian Tea Room«, seien der Caritas zugeflossen - meistens an Organisationen für Kinder, Alte oder Krebskranke. Alles voll versteuert. »Andere setzen ihre Wohltätigkeit von der Steuer ab«, erklärt Newman den kleinen Unterschied.

Das Geschäft hatte zunächst ohne so hohen Zweck begonnen. Newman, Ästhet und Gourmet, war dafür bekannt, daß er sich sogar in Feinschmecker-Lokalen die Salat-Soße selber mischte. Vor 15 Jahren begann der Filmheld damit, seine Mixturen auf Weinflaschen abzufüllen und sie seinen meist wohlhabenden Freunden zu Weihnachten vor die Tür zu stellen. Eigenkosten pro Flasche: 15 Dollar.

Die Abfüllung besorgte Newman mit seinem alten Freund und Nachbarn Aaron Edward Hotchner im Keller seines Westporter Privathauses. Hotchner, 70, Rechtsanwalt und Hemingway-Biograph, hatte einst das Drehbuch für einen Newman-Film geschrieben.

Die Soßen-Geschenke waren so erfolgreich, daß Newman und Hotchner 1980 beschlossen, das Ganze zu kommerzialisieren. Sie beauftragten die Lebensmittelfabrik Ken''s Food Company in Framingham bei Boston, Newmans Kreation auf handlichere Flaschen abzufüllen und zu plakatieren. »Wir investierten beide je 40 000 Dollar«, erinnert sich Hotchner.

Dann erkundigten sie sich bei einer New Yorker Marketing-Firma nach Technik und Kosten der Produkteinführung: 400 000 Dollar für Testmärkte, eine Million Dollar Verlust im ersten Geschäftsjahr, sagten die Profis.

Soviel Geld aber wollte der Film-Millionär für seinen Soßen-Spleen nicht ausgeben. Newman und Hotchner testeten im Freundeskreis und ließen das Produkt als »Newman''s Own Oil and Vinegar Salad-Dressing« 1981 in den Delikatessenläden des Newman-Freunds Stew Leonard im Nachbarort Norwalk (Connecticut) verkaufen. Statt des prophezeiten Millionenverlustes kamen die Amateure mit 920 000 Dollar Gewinn heraus.

»Damals«, schwärmt Hotchner, inzwischen Geschäftsführer der Firma, »lag im Lebensmittelgewerbe der Gewinn vor Steuern bei 3,3 Prozent. Wir verdienten auf Anhieb 16,6 Prozent.« Erschreckt beschloß Newman, der nicht als Salatsoßen-Krösus in die Geschichte eingehen wollte, sämtliche Gewinne für gemeinnützige Zwecke zu verwenden.

Inzwischen kletterte die Gewinnspanne der Firma nach Steuern auf 18 Prozent, bei 50 Millionen Dollar Umsatz. Der Newman-Laden arbeitet mit geringen Verwaltungskosten und ohne den branchenüblichen Werbeaufwand. »Wir machen das Ganze hier mit drei Prozent Personalkosten«, rechnet Hotchner-Ehefrau Ursula vor.

Die gebürtige Kölnerin, von Newman aus ihrem Redaktionsjob beim US-Nachrichtenmagazin Time herausgelockt, herrscht mit teutonischem Furor in Newmans Firmen. Neben ihr sind in der Zentrale nur sechs Leute beschäftigt. Die Hauptarbeit verrichten Tisch-Computer. Newman, formal Chef, schaut gelegentlich vorbei.

Das langt, um aus der Verwaltungszentrale eine Mischung von High-Tech und Künstlerkneipe zu machen - mit stets ausreichenden Biervorräten für den Chef. Vergangenes Jahr blockierte Newman die Anschaffung von Büromöbeln und schickte statt dessen ein Sortiment seiner weißen Gartenmöbel aus Korb. Statt Bildschmuck hängen Newman-Plakate, Newman-Sprüche und _(* Vor einem Werbeplakat, auf dem die ) _(Geschäftspartner Hotchner und Newman ) _(abgebildet sind. ) die Kunststoffhaube von Newmans einstigem Rennwagen an der Wand.

Als Werbung genügt dem Unternehmen Newmans Filmruhm. Was produziert wird, bestimmt der Geschmackssinn des Meisters. Zum Entsetzen der Marketing-Leute bestand der Chef darauf, sein zweites Produkt unter dem gedrechselten Namen »Newman''s Own Industrial Strength Venetian Spaghetti-Sauce« auf den Markt zu bringen. Die Soße wurde ein Hit.

Wenig später führte Newman eine Limonade ein. Das Saft-Rezept stammte von der Großmutter seiner Frau. Für Werbezwecke ließ sich Newman in Zimmermanns-Kluft mit der schwarzen Komikerin Whoopie Goldberg fotografieren. Werbezeile: »Virgin-Limonade - bringt die Jungfräulichkeit zurück«.

Zwei Jahre lang versuchten sich Newman und Hotchner zudem an einer neuen Popcorn-Sorte. Die von US-Firmen gelieferten Körnersorten gefielen ihnen nicht. Nun baut eine Farm in Ohio exklusiv Mais für »Newman''s Oldstyle Picture Show Popcorn« an.

Newman''s Own-Produkte werden inzwischen von 15 verschiedenen Fabriken im Lohnauftrag hergestellt - darunter sind auch Betriebe in Großbritannien, Frankreich und Australien. Nach ihrem Start in Delikatessenläden gibt es sie inzwischen in vielen amerikanischen Supermärkten, von King Kullen an der Ost- bis Bristols'' an der Westküste. Zu den ersten Großabnehmern hatten A & P und Waldbaums gehört. Beide Firmen sind US-Ableger der deutschen Tengelmann-Gruppe.

Vergangenes Jahr, mitten in der US-Rezession, schafften Newmans Firmen einen Umsatzsprung von 28 Prozent.

Wem die Gewinne aus ihrem blühenden Gewerbe zukommen, entscheiden Newman und Hotchner allein und formlos. Da alles erst nach Steuern weggegeben wird, bindet sie keine Satzung. Inzwischen haben die beiden mehrere hundert gemeinnützige Einrichtungen bedacht, darunter die Deutsche Gemeinschaft für Leukämie. Das meiste floß in ein von Newman 1987 gegründetes Dorf für krebskranke Kinder: das »Hole in the Wall-Gang-Camp« in Ashford (Connecticut).

Der Name stammt aus Newmans Film »Butch Cassidy and the Sundance Kid«. Newman will krebskranken Kindern gratis einen Ferienaufenthalt bieten, fern von Krankenhäusern und Wartezimmern. Ärztliche Betreuung ist eingeschlossen, aber unaufdringlich.

Für 500 000 Dollar kaufte er deshalb 1987 ein See-Grundstück und ließ darauf von Thomas Beeby, Dekan der Architekturschule an Connecticuts angesehener Yale-Universität, eine Siedlung im Stil alter Wildwest-Städte bauen.

Das zuerst auf fünf Millionen Dollar veranschlagte Camp kostete am Ende zwölf Millionen, weil Newman auf bester Material-Qualität bestand. Ein Fünf-Millionen-Scheck des saudischen Königs Fahd und andere private Spenden glichen das Budget aus. Mehrere Baulöwen, die sich im normalen Leben gegenseitig austricksen, gaben 250 000 Dollar für ein Schwimmbecken im Olympia-Format.

Das Medizinische erledigen die Fachleute der Yale-Universität unter der Führung des Kindermedizin-Professors Howard A. Pearson. Im Verwaltungsrat sitzt Senator Edward Kennedys ältester Sohn Edward, der als Kind wegen Krebs ein Bein verlor. Demnächst sollen weitere Dörfer dieser Art in Florida, Missouri, Südfrankreich und Großbritannien entstehen.

Um das alles finanzieren zu können, steht Newmans Amateur-Laden zum Mißvergnügen seines gelegentlich unberechenbaren Chefs plötzlich unter Wachstumszwang. Ursula Hotchner und ihre Mannschaft sind gar nicht begeistert über die Geschäftsausweitung.

Der Erfolgsdruck könnte die Idylle von Westport jäh beenden und dem Gründer, der das Ganze eher spielerisch betreibt, die Lust verderben. Newman sträubt sich gegen die Bürden eines echten Unternehmens. »Wenn der Spaß daran aufhört«, hat er einmal gesagt, »machen wir den Laden dicht.« o

* Vor einem Werbeplakat, auf dem die Geschäftspartner Hotchner undNewman abgebildet sind.

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