Ground Zero: Kampf um jeden Quadratmeter - DER SPIEGEL
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Ground Zero Kampf um jeden Quadratmeter

In New York ist der Kampf um den "Ground Zero" entbrannt. Opferangehörige wollen ein Denkmal, Stadtplaner fordern Straßen, und die Pächter verlangen Bürotürme und ein Einkaufszentrum. Um alle Interessen zu befriedigen, muss der Platz vielleicht erweitert werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Es wird eng am "Ground Zero": Wie man die Pläne auch dreht und wendet, das 6,4 Hektar große Grundstück ist für die Ansprüche der New Yorker einfach zu klein. Die Angehörigen der Opfer des 11. September fordern eine Gedenkstätte, die fast die Hälfte (2,8 Hektar) der Fläche einnehmen soll. Die Pächter des World Trade Center bestehen auf dem Wiederaufbau von 90 Hektar Bürofläche und rund sechs Hektar Ladenfläche. Die neuen Türme sollen aber nicht höher ragen als 60 Stockwerke - halb so hoch wie die Twin Towers. Außerdem sollen ein Bahnhof, Straßen und kulturelle Einrichtungen entstehen, die vorher nicht da waren.

Ein unmögliches Unterfangen? Zumindest keine dankbare Aufgabe, die John Whitehead, der Chairman der Lower Manhattan Development Corporation (LMDC), da zu lösen hat. Überraschenderweise ist der frühere Goldman-Sachs-Manager durchaus optimistisch: "Allmählich bildet sich ein Konsens heraus", sagte er kürzlich auf einer Journalistentagung.

Mitte Juli werden die ersten Design-Vorschläge der Öffentlichkeit vorgestellt. Die sechs Szenarien, ausgearbeitet vom Architektenbüro Beyer Blinder Belle, sollen den verschiedenen Interessen unterschiedliches Gewicht geben. Doch dann, so befürchtet Bürgermeister Michael Bloomberg, werde das "Gezeter und Geschrei" erst richtig losgehen.

Die Fronten in dem Monopoly sind klar abgesteckt: Da sind zum einen die Kapitalisten, die über 70-jährigen Kumpels Larry Silverstein und Frank Lowy. Der New Yorker Silverstein besitzt die 99-Jahre-Pacht für die Twin Towers, der Australier Lowy, Chef des Mall-Betreibers Westfield, hält die ebenso lange Pacht für das unterirdische Einkaufszentrum. Sie pochen auf den Wiederaufbau ihrer wertvollen Quadratmeter. "Wir haben eine Menge Geld bezahlt, um hier zu sein", sagte Lowy dem "Wall Street Journal". Die Mall unter dem World Trade Center zählte zu den profitabelsten Einkaufszentren des Landes. Die beiden Pächter-Greise werden unterstützt von der Hafenbehörde (Port Authority), die als Grundstückseigentümer auf die jährlichen Mieteinnahmen von 120 Millionen Dollar angewiesen ist.

Demgegenüber stehen die Angehörigen der Opfer, die die Vorstellung eines Einkaufszentrums auf dem Grab ihrer Lieben nicht ertragen. Sie wollen einen großen Teil des Platzes für Trauer und Gedenken reservieren.

Das wiederum findet den Zorn der Anwohner. "Das hier ist nicht Gettysburg oder die Normandie. Dies ist ein Platz, der lebendig ist und lebendig bleiben sollte", sagte Madelyn Wyls, Sprecherin des Community Board 1, das die Bewohner Lower Manhattans repräsentiert, der "New York Times".

Anwohner und Stadtplaner wollen dem Finanzdistrikt, der nach sechs Uhr abends wie ausgestorben ist, neues Flair verleihen. Die Gedenkstätte dürfe daher nicht zu dominierend ausfallen. Auch Bürgermeister Bloomberg hat sich gegen einen "Friedhof" ausgesprochen. Planer wie David Childs sehen vor allem eine Chance, die Straßen wiederherzustellen, die durch den Bau des World Trade Centers 1973 unterbrochen worden waren. Die Twin Towers mit der windigen Fußgänger-Plaza seien im Rückblick ein städtebauliches Desaster gewesen, meint der Architekt von der angesehenen Firma Skidmore Owings and Merrill.

Childs, der im Auftrag von Silverstein bereits das eingestürzte World Trade Center Nummer sieben neu konzipiert hat, würde am liebsten alle vier Straßen, die einst den Platz kreuzten, wieder aufbauen. Das kommt jedoch für Mall-Betreiber Lowy überhaupt nicht in Frage. Er beansprucht für seine Geschäfte eine verkehrsfreie Zone, am besten noch überdacht. Autos und zu viel Urbanität störten das Einkaufserlebnis, sagte er gegenüber dem "Wall Street Journal". Silverstein habe zwischen seinem Architekten Childs und seinem Freund Lowy vermitteln müssen, schreibt die Zeitung. Inzwischen würde Lowy wohl zwei Verkehrsadern auf "Ground Zero" (Fulton Street von Westen nach Osten und Greenwich Street von Norden nach Süden) zulassen.

Doch damit ist die Liste der Forderungen noch nicht vollständig. Bürgergruppen wie die Municipal Arts Society (MAS) sähen auch gerne kulturelle Einrichtungen auf dem Platz. Die MAS hat das Projekt "Imagine New York" gestartet. Damit soll sichergestellt werden, dass die Öffentlichkeit in der Planung Gehör findet. 3500 verschiedene Vorschläge von New Yorkern sind online  einsehbar. Auch ein Bahnhof, der den Finanzdistrikt endlich an die Schlafstädte im Norden und Osten anbindet, wird immer wieder gefordert. Und natürlich grandiose Architektur, die alles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt.

Die LMDC ist damit beauftragt, die Quadratur des Kreises zu vollbringen. Die 16 Mitglieder der Kommission wurden vom Bürgermeister und vom Gouverneur des Staates New York ausgewählt. Sie werden beraten von "Advisory Councils", die jeweils eine Interessengruppe repräsentieren.

Der Konsens, den Whitehead vor Augen hat, sieht in groben Zügen so aus: Die verlängerten Greenwich Street und Fulton Street würden den "Ground Zero" in vier Quadranten teilen. Die Südwestecke, wo die beiden Türme standen, sei der wahrscheinlichste Platz für die Gedenkstätte. "Entschieden ist aber noch nichts", betonte Whitehead. Und das Platzproblem wäre damit auch nicht gelöst: Denn übrig blieben bloß dreieinhalb Hektar - nicht genug für alle Ambitionen.

Um alle Interessen zu befriedigen, scheint es nur einen Ausweg zu geben: Das Neubaugebiet muss über den "Ground Zero" hinaus erweitert werden. Auch diese Möglichkeit werde diskutiert, sagte der Präsident der LMDC, Louis Tompson, vergangene Woche vor dem New York Building Congress . So könne man insbesondere Teile der Büro- und Ladenfläche in den anliegenden Straßenblocks bauen. Das wirft allerdings zwei Fragen auf: Lassen sich Silverstein und Lowy aus ihrer Eins-A-Lage verdrängen? Und: Kann man die Eigentümer der umliegenden Gebäude davon überzeugen, ihr Land abzutreten?

Tompson ist überzeugt, dass man beides mit großzügigen finanziellen Anreizen schaffen könnte. Es habe aber noch keine Gespräche mit den Nachbarn gegeben. Dazu zählt unter anderem die Deutsche Bank, die den Bankers-Trust-Wolkenkratzer in der Liberty Street besitzt. Bei den Abreißdiskussionen geht es allerdings nicht um die Hochhäuser, sondern um die niedrigeren, älteren Gebäude der Gegend. Davon gibt es viele, und es wäre nicht das erste Mal, dass New York sich neu erfindet.