Ground Zero: Merrill Lynchs patriotische Rückkehr-Party - DER SPIEGEL
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Ground Zero Merrill Lynchs patriotische Rückkehr-Party

Mit einer patriotischen Orgie hat Merrill Lynch die Rückkehr ins World Financial Center gefeiert. Doch trotz des "Homecoming" eines der größten Arbeitgeber kämpft die Gegend um den Ground Zero noch mit erheblichen Problemen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Diesen Einzug hätte auch Hollywood nicht besser inszenieren können. Wie Helden schweben Merrill-Lynch-Bosse und New Yorker Politiker auf einer Rolltreppe herunter in die Rotunde mit dem Marmorboden. Von der umlaufenden Galerie klatschen und jubeln die Mitarbeiter der Investmentbank. Die Manager auf der Rolltreppe winken und grüßen, mal rechts, mal links. Unten warten bereits die Journalisten und die geladenen Gäste mit Standing Ovations.

Merrill Lynch, einer der größten Player an der Wall Street, ist nach Hause gekommen. So zumindest porträtieren es die Chefs am Mittwoch im World Financial Center, direkt am Ground Zero. Nach dem Terroranschlag am 11. September waren die rund 9000 Mitarbeiter, die in der Unternehmenszentrale gearbeitet hatten, über ganz New York und New Jersey verstreut worden. Ende Oktober waren dann die ersten 5000, darunter Präsident Stanley O’Neal und CEO David Komansky, in den kaum beschädigten Turm Nummer vier zurückgekehrt.

Die neue Dreifaltigkeit

Heute ist der Tag, an dem die Mitarbeiter auch den stärker betroffenen Turm Nummer zwei wieder in Besitz nehmen. Gleich hinter der Drehtür begrüßen Hostessen die Rückkehrer mit einem freundlichen Lächeln und einem rotweißblauen Schild, auf dem steht: "Merrill Lynch Homecoming". Die Fenster der Eingangshalle sind zwar noch ungeputzt, aber der Marmorboden blitzt wieder. "Dies ist ein triumphaler Tag für Merrill Lynch", sagt Komansky. Sein Kollege O’Neal betont: "Dieser Ort ist nicht nur ein Arbeitsplatz. Wir nennen ihn Zuhause." Die Rückkehr sei "kathartisch".

Gefeiert wird nicht bloß eine Investmentbank, sondern eine neue Dreifaltigkeit: Merrill Lynch, New York, Amerika. Wie die Wiedereröffnung der New York Stock Exchange wird die Rückkehr des Finanzgiganten zum Symbol für den Aufbauwillen der New Yorker und die Kampfeslust aller Amerikaner. "Merrill Lynchs Rückkehr ist ein Tribut an den Geist jedes einzelnen Amerikaners", sagt US-Präsident George W. Bush in einer Video-Ansprache.

"We're back!"

Ein Trailer zu Beginn der einstündigen Veranstaltung zelebriert den amerikanischen "Spirit": Überall wird geschweißt, gestrichen, geschrubbt. Dazu läuft pompöse Musik. Mitarbeiter von Merrill Lynch strecken den Daumen nach oben oder gleich die ganze Faust. "We’re back", sagen sie in die Kamera und umarmen sich. Bilder von der Zerstörung am Ground Zero wechseln ab mit der Hektik des Trading-Floors. Der Film endet mit der Botschaft: "Wir glauben an New York und wir glauben an Amerika."

Derart angewärmt, steigern sich die Redner danach in eine patriotische Orgie. Jeder der Politiker hat seinen eigenen Superlativ mitgebracht. "New York ist die Hauptstadt der Welt, und niemand kann uns diesen Titel wegnehmen", sagt Senator Charles Schumer. "New Yorker sind die Besten, egal ob sie Millionen-Deals machen oder um Mitternacht den Boden schrubben." Der Kongressabgeordnete Jerrold Nadler setzt noch einen drauf: "Amerika ist das beste Land der Erde." Der Höhepunkt ist erreicht, als die Menge in die Hymne "God bless America" einstimmt.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich Lower Manhattan wieder erholt und mit welchen Problemen die Geschäftsleute zu kämpfen haben.

Die Rückkehr des Geldadels

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg hält sich dagegen wohltuend zurück. Er begrüßt das "Homecoming" als Zeichen dafür, dass die verwundete Gegend auf dem Weg der Besserung sei. "Lower Manhattan erholt sich schneller, als alle denken", sagt er. Unrecht hat er nicht: Die U-Bahn-Station "World Trade Center" ist bereits wieder eröffnet. Das Kaufhaus Century 21 hat Ende Februar aufgemacht - mit Blick auf Ground Zero. 74 Prozent der Bewohner des Luxuskomplexes Battery Park City sind zurück, nachdem die meisten Mietsenkungen von 30 Prozent ausgehandelt haben. Sogar eine "romantische Komödie" (Castle Rock Entertainment) mit Hugh Grant und Sandra Bullock wurde in der ehemaligen "Frozen Zone" bereits gedreht.

Auch viele Firmen sind rückkehrwillig: American Express hat versprochen, aus Connecticut zu kommen. Das "Wall Street Journal" und Lehman Brothers wollen wieder in das World Financial Center einziehen. Sogar der Versicherer Aon, der 175 Mitarbeiter in den obersten Stockwerken des World Trade Center verloren hatte, schaut sich bereits nach einem neuen Büro in der Nähe um.

Umsatz von Restaurants und Shops hat sich halbiert

Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gegend noch weit von ihrem ursprünglichen Zustand entfernt ist. 1,2 Millionen Quadratmeter Büroraum wurden am 11. September vernichtet. Doch statt Büromangel herrscht in Lower Manhattan Überfluss: Der Leerstand habe sich von 6,5 Prozent am 10. September auf 13 Prozent Ende Februar verdoppelt, sagte ein Immobilien-Experte dem Dow-Jones-Newsletter "Rebuilding Wall Street". Der Hauptgrund: Auf Grund der Rezession wurden unerwartet viele Leute entlassen, Firmen brauchen weniger Platz. Der Leerstand könnte laut dem Experten in diesem Jahr sogar noch auf 17 Prozent steigen.

Auch die Infrastruktur ist noch nicht wieder hergestellt. Vier U-Bahn-Stationen und der Nahverkehrsbahnhof nach New Jersey sind weiterhin geschlossen. Der Weg zur Arbeit dauert länger, führt dann über Baustellen und vorbei an dunklen Straßenfronten. Viele Läden und Restaurants haben aufgegeben. Die, die bisher überlebt haben, kämpfen mit über 50-prozentigen Umsatzeinbrüchen.

3500 Dollar pro Nase, Gottes Segen inklusive

Doch John Whitehead, ehemaliger Goldman-Sachs-Chef und Vorsitzender der Entwicklungskommission für Downtown, versichert: "Es wird täglich besser." Und für Firmen, die ein Schnäppchen suchen, eröffnen sich enorme Vorteile: Die Mieten sind Experten zufolge 30 Prozent niedriger als in Midtown Manhattan, wohin viele Unternehmen nach dem Anschlag geflohen sind. Zusätzlich bieten Stadt und Staat deftige Subventionen. 3500 bis 5000 Dollar pro Mitarbeiter bekommt, wer zusagt, mindestens fünf Jahre in Lower Manhattan zu bleiben.

Und wer besonders wichtig ist, so wie Merrill Lynch, der bekommt bei seiner "Homecoming"-Party obendrein hohen Besuch von Senatoren, Kongressabgeordneten, eine Ansprache des US-Präsidenten und ein herzliches "God bless you".