BIOTECHNOLOGIE Grünes Gold
Seit Jahrtausenden gehen die Buschmänner vom Stamme der San in der Kalahari auf die Jagd. In der lebensfeindlichen Wüste im südlichen Afrika sind die Jäger oft tagelang unterwegs. Ihren Hunger stillen sie, indem sie auf Teilen des Hoodia-Kaktus herumkauen.
In Zukunft sollen fettleibige Europäer und Amerikaner von dem Wissen der kleinwüchsigen Buschmänner profitieren. Die britische Biotech-Firma Phytopharm hat sich drei Hoodia-Kakteenarten weltweit patentieren lassen. Denn die Wirkstoffe im Kaktus eignen sich nicht nur als Hungerhappen für Jäger, sondern auch als Appetitzügler für Wohlstandsbürger.
»Unser größtes Problem ist zurzeit die unglaubliche Potenz des Stoffes«, sagt Richard Dixey, Vorstandsvorsitzender der Firma Phytopharm. In einem ersten klinischen Test traten vor kurzem 18 übergewichtige Briten an, die 15 Tage lang so viel essen konnten, wie sie wollten. Neun Männer, denen das aus dem Kaktus gewonnene Präparat P57 verabreicht wurde, gaben sich mit 2200 Kalorien am Tag zufrieden und verloren Gewicht. Die andere Hälfte der Freiwilligen, denen Placebos verabreicht wurden, schaufelten Fritten, Cola und Eis für 3200 Kalorien am Tag in sich hinein und legten dabei kräftig zu.
Da schon die ersten Versuche an Ratten durchschlagende Wirkung hatten, sicherte sich vor gut drei Jahren der weltgrößte Pharmariese Pfizer die Vermarktungsrechte an P57 und finanziert seither die Forschung von Phytopharm. In Südafrika wird bereits vom »grünen Gold« geschwärmt.
Die Aussichten sind viel versprechend. 25 Milliarden Euro werden allein in Deutschland für die Behandlung von Fettsucht und deren Folgen ausgegeben. »P57 hat das Potenzial, eines der meistverkauften Medikamente weltweit zu werden«, sagt Erling Refsum von der japanischen Investmentbank Nomura.
Doch wem gehört das Wissen, das sich hinter P57 verbirgt? Wer hütet die Rechte an der jahrhundertealten Entdeckung? Dürfen sich Pharmakonzerne einfach Kakteen patentieren lassen, die seit Jahrtausenden in der Kalahari-Wüste wachsen?
»Das sind Biopiraten«, meinen Entwicklungshilfegruppen wie die Londoner ActionAid. Sie sehen eine neue Art des Kolonialismus am Werk, den patentgeschützten Genklau. Die Angst scheint nicht ganz unberechtigt. Schon haben westliche Chemiekonzerne Patente auf Basmati-Reis aus Indien oder mexikanische Bohnen beantragt. »Die Kontrolle über Früchte, Pflanzen und deren genetischen Code wird eine der wichtigsten Fragen des 21. Jahrhunderts«, glaubt Alex Wijeratna von ActionAid.
Phytopharm-Chef Dixey reagiert betroffen auf die Kritik. »Wir sind keine Neokolonialisten«, beteuert er. Der Westen lasse sich doch erstmals wirklich ein auf das traditionelle Wissen der Dritte-Welt-Völker. Dass es noch rund 5000 Buschmänner vom Stamm der San gebe, habe er schlicht nicht gewusst. Behauptet er.
Doch das schlechte Gewissen ist dem Biophysiker anzusehen. Schließlich war es sein eigener Idealismus, der ihn 1989 nach einer Indienreise zur Gründung seines Biotech-Unternehmens veranlasste. »Wir wollten den Flüchtlingen aus Tibet helfen, ihr traditionelles Wissen in der Medizin zu vermarkten«, sagt der Vorstandschef, dem heute noch rund 21 Prozent der Phytopharm-Aktien gehören.
Dixey ist überzeugt davon, dass die Zukunft der Pharmaforschung darin liegt, das noch vorhandene Wissen der Menschen um Heilpflanzen und -methoden anzuzapfen. Der erst seit den fünfziger Jahren dominierende Weg, künstliche Substanzen zu kreieren, sei dagegen viel weniger effizient.
Neben seinem Appetitzügler bezeichnet Dixey P58, ein mögliches Medikament gegen Alzheimer, als seine größte Hoffnung. Dahinter steckt eine Pflanze, die in vielen asiatischen Getränken verwendet wird und deren Name Dixey nicht verraten will. Offenbar ist der Patentschutz noch nicht ausreichend gewährleistet. Seine Forscher jedenfalls hätten bereits 60 verschiedene Moleküle isoliert, die Teil einer komplexen Wirkungskette seien, schwärmt der Brite an seinem Firmensitz, einer ausgebauten Farm in der Nähe von Cambridge.
»Das könnte die Welt verändern«, sagt Dixey enthusiastisch. Ewige Jugend, große Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter - es sind die alten Menschheitsträume, die sich an ein paar unscheinbare Moleküle knüpfen.
Ob die großen Versprechen jemals eingelöst werden, weiß niemand. Wie die meisten anderen Biotech-Firmen macht Phytopharm noch kräftig Verluste. Bei dem Alzheimer-Präparat wie bei dem Appetitzügler wird es - wenn alles gut geht - noch mindestens drei Jahre dauern, bis tatsächlich ein Medikament auf den Markt kommt. Zudem sind nicht alle Länder glücklich über dieses plötzliche Interesse westlicher Konzerne an den genetischen Grundlagen ihrer Pflanzen.
Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass der Hoodia-Kaktus patentiert worden war, organisierten sich die über die Länder Botswana, Namibia und Südafrika verteilten Buschmänner. »Sie dachten, dass ihr Familiensilber weggenommen würde«, sagt der Anwalt Roger Chennells, der die häufig diskriminierten Buschmänner bereits nach dem Ende der Apartheid erfolgreich gegen die südafrikanische Regierung vertreten und erreicht hatte, dass ihnen über 40 000 Hektar Land ihres alten Siedlungsgebietes zugesprochen wurden.
Entwicklungshilfeorganisationen wie die deutsche Misereor und die britische ActionAid organisierten für die Betroffenen eine internationale Konferenz in Genf. Seit 1992 existiert durch die »Konvention zum Schutz der Artenvielfalt« eine rechtliche Grundlage, mit deren Hilfe Länder oder Volksgruppen eine Beteiligung an Patenten für sich reklamieren können, die aus ihren biologischen Ressourcen entwickelt werden.
Der internationale Druck zeigte Wirkung. Das südafrikanische Forschungsunternehmen CSIR, das das Hoodia-Patent an Phytopharm weiterverkauft hatte, ist nun grundsätzlich bereit, einen Teil der künftigen Gewinne an die Buschmänner abzuführen. In der vorläufigen Vereinbarung heißt es: »Die CSIR erkennt die San als Entdecker des traditionellen Wissens für die menschliche Nutzung des Hoodia-Kaktus an.«
Damit stehen die Buschmänner vor einem historischen Sieg. Ihnen ist es als erstem Volk gelungen, an dem möglichen Erfolg eines Medikaments beteiligt zu werden, das mit Hilfe ihres Wissens entstehen wird. Wie konkret die künftige Gewinnverteilung aussehen wird, soll in weiteren Verträgen mit der CSIR und den Pharmakonzernen ausgehandelt werden. »Wir haben Angst, für zu wenig Geld abzuschließen«, sagt der deutsche Entwicklungshelfer und Berater Alex Thoma. Es gebe keine Vorbilder für solche Abkommen.
Dabei sind die Rechte der Völker, auf deren traditionelles Wissen die Pharmakonzerne plötzlich so scharf sind, mittlerweile weltweit ein Thema. Im vergangenen November haben die Indios aus dem mexikanischen Chiapas durchgesetzt, dass ihr Wissen um medizinische Heilpflanzen der Mayas nicht angezapft wird. Das von der US-Regierung finanzierte Forschungsprogramm, an dem auch eine walisische Biotech-Firma beteiligt war, musste nach drei Jahren eingestellt werden.
Eine ähnliche Erfahrung hat auch Phytopharm-Chef Dixey schon hinter sich. Mehrmals kam er im indischen Ladakh mit den von ihm sehr geschätzten buddhistischen Führern zusammen. Er schlug ihnen vor - zum Wohle der Menschheit natürlich - die Wirkungen tibetischer Medikamente gemeinsam zu studieren.
Die Mönche lächelten höflich - und sagten ab. Schließlich sei ihre Medizin nur mit einer zusätzlichen Dosis Meditation wirksam. Und die gibt's in keiner Apotheke. CHRISTOPH PAULY