Gruner+Jahr: Bilanz des Familienvaters - DER SPIEGEL
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Gruner+Jahr Bilanz des Familienvaters

Nach knapp zwanzig Jahren an der Spitze von Gruner+Jahr konnte sich Gerd Schulte-Hillen mit einem Rekordumsatz verabschieden. Sein Nachfolger Bernd Kundrun will die Taktzahl neuer Entwicklungen erhöhen.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Schulte-Hillen gab sich auf seiner letzten Bilanz-Pressekonferenz wie ein guter Familienvater. Er halte es für seinen wichtigsten Erfolg, dass bei Gruner+Jahr eine Kultur der selbstbewussten Auseinandersetzung herrsche, sagte er. "Dies gilt in besonderer Weise für unsere Redaktionen. Sie sollen frei und unabhängig berichten".

In seinem fast vollständig abgelesenen Resümee nannte Schulte-Hillen die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher "das Schwerste, was ich damals erlebt habe". Ihn ärgerte am meisten, dass "dieses Unglück bei etwas mehr Sorgfalt, etwas mehr Misstrauen, auch bei mir, hätte verhindert werden können". Schön und schmerzvoll zugleich war für ihn die Zeit mit der "Hamburger Morgenpost". Sein Haus habe nach dreizehn Jahren nicht mehr an die Zukunft dieser Zeitung geglaubt und sie deshalb verkauft.

Misserfolge wie auch die gescheiterte Zeitschrift "Tango" nannte Schulte-Hillen "eine Lehrzeit" oder begründete sie mit einem "Mangel an Training". Insgesamt wertete er seine 27 Jahre bei Gruner+Jahr als "tolle Zeit".

Bei dieser positiven Bilanz halfen ihm auch die Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres. Ein durch die gute Wirtschaftslage ausgelöster Anzeigenboom hat den Umsatz von Gruner+Jahr um fast sieben Prozent auf 5,76 Milliarden Mark hochschießen lassen. Der Gewinn vor Steuern stieg vor allem Dank außerordentlicher Erträge auf 751 Millionen Mark und war der zweitbeste in der Firmengeschichte. Ohne diese Einkünfte aus Firmenverkäufen musste der Verlag allerdings ein kleines Gewinnminus von 0,8 Prozent auf 605 Millionen Mark hinnehmen.

57 Prozent des Umsatzes kommen inzwischen aus dem Ausland, 42 Prozent sind Anzeigenerlöse, wie der scheidende Vorstandsvorsitzende sagte. Als besondere Leistungen des abgelaufenen Jahres nannte er die europaweite Einführung des Magazins "National Geographic" und die Einführung der "Financial Times Deutschland" ("FTD").

Bei dem Wirtschaftsblatt habe man bereits jetzt die Hälfte der angepeilten Auflage von rund 120.000 erreicht, sagte Schulte-Hillen. Dies ist die Auflage, bei der die "FTD" nach Verlagsrechnung ohne Verlust laufen würde. Laut Plan müsse diese aber erst in drei Jahren erreicht sein. Bei der Zahl der Abonnenten musste der Gruner+Jahr-Vorstand jedoch zugeben, dass man erst bei 20.000 angelangt sei. Um profitabel zu werden, müsse die "FTD" eine Zahl von knapp 100.000 Abonnenten erreichen, sagte Bernd Kundrun, der designierte Nachfolger von Schulte-Hillen.

Kundrun, der auf der Pressekonferenz seine Zukunftsvisionen darstellte, will die Taktzahl bei der Entwicklung neuer Zeitschriften und Online-Inhalte erhöhen. Seiner Meinung ist es nicht mehr möglich, sich auf das Stammgeschäft zu verlassen, da sich die Zielgruppen immer stärker zersplitterten. Für die Zukunft setzt er auf eine gemeinsame Entwicklung von Print- und Online-Titeln. So soll bei der geplanten Zeitschrift "Living@home" zuerst das Internet-Portal gestartet und dann mit der Zeitschrift ergänzt werden. Er gab sich zuversichtlich, dass gerade die Verlage mit starken Marken im Internet gute Entwicklungschancen hätten.