AUSSENHANDEL Güter mit Intelligenz
Die Hamburger Außenhandelsfirma Theodor Wille wußte Rat, als brasilianische Geschäftspartner neben Roh- auch Pulverkaffee exportieren wollten. Wille lieferte den Brasilianern nicht nur die gesamte Pulverkaffee-Fabrik, sondern übernahm auch noch den Vertrieb des Löskaffees in Europa.
Die Hamburger Illies & Co. Export GmbH half, als den petrodollarschweren Saudi-Arabern der traditionelle Basar-Handel nicht mehr reichte. Das Export-Unternehmen baute in dem nahöstlichen Beduinen-Staat eine Supermarktkette auf und sorgte zugleich für geschultes ausländisches Personal.
Die Hamburger Außenhandelsgesellschaft Jos. Hansen & Söhne zapfte Flüsse an, ließ Brunnen bohren und baute Kläranlagen, um Städte und Dörfer in Nigeria und Kenia, Ghana und Äthiopien mit Frischwasser zu versorgen. Die Export-Firma bildete heimische Techniker für die Wartung der Installationen aus und lieferte mobile Werkstätten für Instandhaltungsarbeiten und Reparaturen.
»Die großen Außenhandelsunternehmen«, erklärt Hans-Jürgen Müller, Geschäftsführer des Vereins Hamburger Exporteure, solche Verkaufserfolge, »exportieren keine Produkte, sondern die Lösung von Problemen.«
An noch ungelösten Problemen fehlt es nicht. In den vergangenen Monaten erhielt die deutsche Export-Wirtschaft einen Orderschub, der selbst Optimisten überraschte.
Trotz allmählich nachlassender Weltkonjunktur konnten Industriekonzerne und Handelsfirmen ihr Export-Geschäft in den ersten drei Monaten dieses Jahres real, also nach Abzug von Preisaufschlägen, um etwa 13 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Zeitraum steigern.
Vor allem zwei der wichtigsten Ausfuhr-Branchen, die Elektro- und die Chemie-Industrie, legten kräftig zu. So gingen bei Siemens, AEG, Bosch und Co. von Dezember bis Februar 17 Prozent mehr Auslandsaufträge ein als im Jahr zuvor. In der Fernmeldetechnik schnellten die Auslandsbestellungen im Februar sogar um 73 Prozent nach oben.
»Die Elektrokonjunktur«, erläutert Dieter Rath vom Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie die gute Geschäftslage, »hinkt der allgemeinen Konjunktur um ein halbes Jahr nach.«
Noch besser sieht es in der chemischen Industrie aus. Mit einem Export-Zuwachs von 30,5 Prozent übertrafen die Chemie-Konzerne in den ersten beiden Monaten dieses Jahres das Ausfuhr-Plus des vergangenen Jahres (19,8 Prozent) noch erheblich.
Dazu dürfte nicht zuletzt, vermuten die fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem gemeinsamen Frühjahrs-Gutachten, der Ölpreisschub und die angespannte weltpolitische Lage beigetragen haben: Die Besteller rechnen mit höheren Preisen und ziehen ihre Aufträge vor.
Haben die Wirtschaftsforscher mit dieser These recht, wird der kräftige Export-Boom schon bald schlaffer werden. Aber die Auftragspolster sind zur Zeit noch dick: Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft rechnet im laufenden Jahr mit einem Export-Zuwachs von sechs bis acht Prozent.
Auch mit solchen Zuwächsen wird sich zwar nicht verhindern lassen, daß die vor allem durch teure Öleinfuhren und hohe Touristen-Ausgaben belastete Leistungsbilanz dieses Jahr noch tiefer in die roten Zahlen rutschen wird.
( In der Leistungsbilanz werden der ) ( Waren- und Dienstleistungsverkehr mit ) ( dem Ausland, die unentgeltlichen ) ( Übertragungen ) ( (Gastarbeiterüberweisungen und ) ( staatliche Zahlungen an internationale ) ( Organisationen) sowie die aus dem ) ( Ausland empfangenen und dorthin ) ( überwiesenen Zinsen und Dividenden ) ( erfaßt. )
Für 1980 wird ein Defizit von über 20 Milliarden Mark erwartet.
Aber immerhin machen die deutschen Exporteure auf den internationalen Märkten Boden gut: Der Welthandel insgesamt wird in diesem Jahr voraussichtlich nur halb so rasch expandieren wie der Auslandsabsatz deutscher Unternehmen.
»Die Wettbewerbsposition der deutschen Wirtschaft ist draußen in der Welt nach wie vor relativ gut und widerstandsfähig«, versichert Franz Schoser, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT).
Schosers Verband hatte die 40 deutschen Auslandshandelskammern vor wenigen Wochen nach den Export-Chancen deutscher Firmen abgefragt. Ergebnis: »Nur deutsche Güter mit hoher Intelligenz haben Aussichten auf Markterhaltung und Markterweiterung.«
In der Maschinenbau-Branche führte dies beispielsweise dazu, daß statt einfacher Drehbänke nur noch elektronisch kontrollierte Werkzeugmaschinen oder voll integrierte Verpackungsstraßen deutsche Export-Renner sind.
Mit einfachen Massenfrachtern und Tankern haben Deutschlands Schiffbauer kaum noch Absatz-Chancen. International gefragt dagegen sind Kabelleger, schwimmende Fischfabriken oder Bohrplattform-Teile aus deutschen Werften.
Deutsche Reifenproduzenten fielen im internationalen Wettbewerb weit zurück. Verkaufsschlager auf dem Weltmarkt sind dagegen elektronische Einspritz-Anlagen oder Hochleistungsbatterien »made in Germany«.
Auch billiger deutscher Massen-Stahl hat keine Zukunft. Die heimischen S.46 Stahlproduzenten mischen dafür im internationalen Edelstahl- und Großrohr-Geschäft kräftig mit.
Deutsche Ausfuhr-Hits aber sind vor allem komplette Fertigungssysteme oder Infrastruktur-Anlagen aller Art. So unterzeichnete AEG-Telefunken Anfang des Monats einen Vorvertrag über den Bau einer Farbfernseher-Fabrik in China. Die Chinesen wollen das Farbfernseh-System Pal von AEG für ihr nationales Fernsehnetz übernehmen.
Auf Expansion können die Deutschen auch wieder beim Anlagen-Export in die Opec-Staaten schalten.
Der einst wichtigste Kunde unter den Opec-Staaten, der Iran, fällt nach dem Embargo-Beschluß der EG vom vorletzten Wochenende als Abnehmer deutscher Export-Güter zwar fast völlig aus. Den übrigen Opec-Ländern aber spült die Ölteuerung seit dem vergangenen Jahr soviel Überschuß-Devisen in die Kassen, daß diese Staaten nach einer Einfuhrstagnation in den Jahren 1978/79 nun wieder verstärkt im Ausland ordern werden.
Nach den oft planlosen Aufträgen für Fabriken und Hochbauten im Einfuhrboom der Jahre 1974 bis 1977 investieren Opec-Länder wie Saudi-Arabien nun gezielter. Sie kaufen Müllverbrennungs- und Klär-Werke, Bewässerungs-, Zollabfertigungs- und Nahverkehrssysteme, Schlachthöfe, Kühlanlagen und Krankenhäuser.
Als Ausfuhr-Schlager für noch kaum industrialisierte Länder erweisen sich vor allem deutsche Lehrwerkstätten. Die deutschen Lieferanten hoffen, durch diesen Berufsbildungs-Export langfristig im Geschäft zu bleiben. Denn wer auf deutschen Maschinen lernt, so kalkulieren die Exporteure, wird auch später bevorzugt deutsche Fabrikate kaufen.
Neben den deutschen Industriekonzernen haben längst auch große Export-Handelshäuser wie die Hamburger Firmen Coutinho, Caro & Co. und Münchmeyer, Petersen & Co. komplette Fertigungssysteme und Anlagen auf ihrer Verkaufsliste.
So liefern erfolgreiche Händler nicht mehr einfach nur Maschinen, Zement und Stahl. Sie beraten ihre Kunden und planen für sie, machen Rentabilitäts-Studien und spüren die geeignetsten Zulieferanten auf. Sie überwachen die Bauarbeiten, bilden die für den Betrieb benötigten Arbeitskräfte aus und übernehmen manchmal sogar das Management in der Anlaufphase des Betriebes.
Und die Deutschen könnten noch mehr verkaufen, wenn es vielen Ländern der Dritten Welt nicht schlicht am Geld fehlte. Länder wie Pakistan, Indien, Jamaika und fast alle afrikanischen Staaten können nur noch mit massiver Kredithilfe des Auslands das teure Öl bezahlen. An zusätzliche andere Importe ist kaum zu denken.
»Früher gab es nur alle drei Jahre ein Land, für das eine Umschuldung fällig war«, erinnert sich Export-Verbandsmanager Müller, »heute haben wir bis zu acht pro Jahr.«
S.44In der Leistungsbilanz werden der Waren- und Dienstleistungsverkehrmit dem Ausland, die unentgeltlichen Übertragungen(Gastarbeiterüberweisungen und staatliche Zahlungen aninternationale Organisationen) sowie die aus dem Ausland empfangenenund dorthin überwiesenen Zinsen und Dividenden erfaßt.*S.46Teile einer Zementfabrik.*