VIDEO Gut gewappnet
Die sieben japanischen Techniker, die sich im Juli vergangenen Jahres im Berliner Zweigwerk der Fernsehfirma Telefunken meldeten, waren willkommen: Es waren keine neugierigen Konkurrenten, sondern Partner.
Ihre Aufgabe war klar. Die Experten der Vicor Company of Japan (JVC) sollten ihren deutschen Kollegen im angeschlagenen AEG-Telefunken-Konzern (Werbeslogan: »Erfahren im Erfinden") beim Aufbau einer Videorecorder-Fabrik behilflich sein.
Eine Woche lang berieten die Japaner - einst Schüler und Bewunderer der deutschen Elektronikindustrie - ein fünfköpfiges Telefunken-Team. Dann wußten die Deutschen genug, um mit den Vorarbeiten für das erste Videowerk in Europa zu beginnen, das fast allein nach japanischen Plänen errichtet wird.
Vierzehn Tage später reisten die Telefunken-Leute nach Jokohama, um weitere Baudetails zu erfahren. Nach zwei weiteren Treffen konnte dann schließlich das ehemalige Telefunken-Lagerhaus im Märkischen Viertel für 30 Millionen Mark als moderne Fabrik hergerichtet werden.
Damit die Produktion ihrer Videoaufzeichner in der kommenden Woche auch reibungslos anläuft, schickten die Telefunken-Planer sogar ein Dutzend Fließbandarbeiter, drei Frauen und neun Männer, für mehrere Wochen nach Fernost. Sie sollten in den JVC-Fabriken lernen, wie die Einzelteile der komplizierten Geräte zusammengesetzt werden.
Ob die Deutschen gute Schüler waren, wird sich in den nächsten Wochen erweisen, wenn die ersten in Berlin gefertigten Recorder vom Typ VRV 620 bei den Verbrauchern stehen. Bislang wurden Geräte dieses Telefunken-Modells, Ladenpreis 2298 Mark, aus Japan importiert.
Läuft die Produktion gut an, wird Telefunken die Geräte in stetig wachsender Stückzahl herstellen. Spätestens im Mai nächsten Jahres sollen im Märkischen Viertel rund 800 Beschäftigte an vier Bandstraßen täglich 1400 Videorecorder nach dem VHS-System zusammenschrauben.
Dann werden auch die anderen Partner der europäisch-japanischen Video-Allianz, die sich in der Holdinggesellschaft J 2 T zusammengeschlossen haben, zum Zuge kommen. Neben JVC wird dann der englische Konzern Thorn-Emi aus Berlin mit dem »klassischen Videorecorder für Qualitäts- und Preisbewußte« (Werbetext) beliefert.
Auch dem englischen Partner werden die JVC-Techniker in den nächsten Monaten Entwicklungshilfe leisten. Denn in Newhaven nahe Brighton soll im Oktober eine weitere europäische Videofabrik anlaufen, bis Mitte nächsten Jahres wollen die Briten jeden Monat 20 000 Recorder mit JVC-Lizenz produzieren.
Für die Telefunken-Manager ist die internationale Zusammenarbeit ein »zukunftsweisender Schritt«. Das deutsche Unternehmen schafft so nämlich einen Einstieg in die lange vernachlässigte Recorder-Technologie.
Am meisten profitieren jedoch die Japaner. Mit den Recordern aus Berlin und Newhaven ist JVC - die Firma verkaufte vergangenes Jahr allein in Deutschland rund 35 000 Videorecorder mit ihrem eigenen Markennamen - gegen mögliche Einfuhrbeschränkungen europäischer Länder gut gewappnet.
Ebenso wie JVC versuchen deshalb auch andere Unternehmen in Fernost einen Teil ihrer Videoproduktion nach Europa zu verlegen und die europäischen Partner fester an sich zu binden.
So drängt die JVC-Muttergesellschaft Matsushita seit Monaten den noch zögernden Bosch-Konzern, einen bereits präzise ausgearbeiteten und vom Kartellamt gebilligten Kooperationsvertrag zu unterschreiben. Die Japaner möchten am liebsten schon Anfang nächsten Jahres damit beginnen, in Deutschland VHS-Geräte für die Marken Blaupunkt und Panasonic zu bauen.
Auch der Sony-Konzern, dessen Beta-System in Deutschland derzeit Marktanteile verliert, sucht nach Partnern in Europa. Bislang vergebens, kein europäisches Unternehmen hat sich für die Sony-Technologie entschieden, obwohl das Beta-System in den meisten Tests hervorragend abschneidet.
Um dennoch gegen mögliche Einfuhrbeschränkungen gerüstet zu sein, entschloß sich Sony zum Alleingang. Firmengründer Akio Morita überraschte Anfang des Monats die Branche mit der Ankündigung, er werde seine deutsche Tochtergesellschaft Wega auf die Produktion von Videorecordern umstellen.
Durch Rationalisierungsmaßnahmen sollen in der Wega-Fabrik in Fellbach bei Stuttgart, wo Sony unter anderem jährlich 160 000 Fernseher mit der Trinitron-Röhre produzieren läßt, Arbeitskräfte frei werden, die schon Ende Mai die ersten Beta-Recorder montieren werden. Die zunächst noch bescheidene Fertigung von 5000 Geräten pro Monat soll später auf mindestens das Doppelte gesteigert werden.
Durch die Anstrengungen der japanischen Konkurrenten alarmiert, sucht nun auch der niederländische Philips-Konzern nach neuen Partnern. Philips S.67 hat zusammen mit Grundig das System Video 2000 entwickelt.
So bemüht sich Philips, den noch schwankenden französischen Konzern Thomson-Brandt, der bisher im japanischen VHS-Lager mitmischt, für eine Kooperation zu gewinnen.
Aber auch Sony macht den Franzosen Angebote, denn Thomson-Brandt ist nicht nur Marktführer in Frankreich, sondern mit Nordmende und Saba der größte VHS-Anbieter in Deutschland. Der Verlust dieser wichtigen Abnehmer wäre für die Matsushita-Gruppe ein harter Schlag.
Die Chancen für Philips stehen nicht schlecht, seit die französische Regierung dem auf der Verstaatlichungsliste stehenden Konzern untersagte, zusammen mit JVC, Thorn und Telefunken ein europäisch-japanisches Videoquartett zu gründen. Das Joint-Venture, meinte Paris, stärke vor allem die Japaner und schaffe nicht genug Arbeitsplätze in Frankreich.
Die Holländer boten deshalb Thomson-Brandt an, zusammen mit Grundig einen europäischen Dreierbund zu bilden. Um den Franzosen den Ausstieg aus dem VHS-Lager zu erleichtern, lockt Philips mit Arbeitsplätzen: Von Oktober an sollen im französischen Le Mans monatlich bis zu zehntausend Recorder des Typs Video 2000 hergestellt werden.
Schon jetzt läßt sich absehen, wohin alle Anstrengungen der Videohersteller letztlich führen werden: Es werden bald mehr Aufzeichner angeboten werden, als die Verbraucher kaufen möchten. Denn auch ohne die neuen europäischen Werke haben die Japaner, im eigenen Land, bereits eine Produktion aufgebaut, die derzeit allemal ausreichen würde, um den Weltbedarf zu decken.
Allein die beiden größten Firmen, Matsushita-JVC und Sony, können in ihren Fabriken inzwischen Monat für Monat zusammen fast 700 000 Videorecorder herstellen. Das sind beinahe so viele Geräte, wie in Deutschland im vergangenen Jahr abgesetzt wurden.
Die Japaner müssen in diesem Jahr, wollen sie ihre Werke einigermaßen auslasten, zehn bis zwölf Millionen Videorecorder verkaufen. Mehr als drei Viertel der Produktion sollen im Ausland abgesetzt werden.
Dem Verbraucher kann das alles nur recht sein: Denn die Überkapazitäten werden auf die Preise drücken. Fachleute erwarten, daß Videorecorder bis zum Jahresende im Schnitt um 400 Mark billiger werden könnten.
Die europäischen Hersteller Philips und Grundig indes kommen dann in Bedrängnis. Anders als die Japaner können sie noch lange nicht in kostengünstigen Großserien fertigen und sind schon froh, wenn in diesem Jahr eine Million Geräte des Typs Video 2000 vom Band laufen.
»Wenn Philips und Grundig nicht bald in lukrative Größenordnungen vorstoßen«, ahnt ein Manager aus dem Video2000-Lager, »werden wir die Schlacht verlieren.«