Gute Bank, schlechte Bank - DER SPIEGEL
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FINANZMARKT Gute Bank, schlechte Bank

Mit Hilfe der Kreditanstalt für Wiederaufbau wollen die Geldinstitute ihre Bilanzen entlasten. Für Anleger ergeben sich schwer durchschaubare Risiken.
Von Wolfgang Reuter und Ulrich Schäfer
• aus DER SPIEGEL 18/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kein Wort erregte die deutsche Finanzwelt mehr als das von der »Bad Bank«. Diese »schlechte Bank« sollte, so die Idee führender Branchenvertreter, den angeschlagenen Geldinstituten die faulen Kredite abnehmen. Die Branche wäre saniert, das Risiko trüge der Staat.

Um die Jahreswende verhandelten Banker aus Frankfurt und München deshalb mit Vertretern der Bundesregierung in Berlin. Dass die durch jahrelanges Missmanagement aufgelaufenen Verluste der Finanzkolosse auf diese Art sozialisiert werden, konnte Finanzminister Hans Eichel zwar nicht zulassen. Vollständig verweigern wollte er sich dem Ansinnen aber auch nicht.

Zu viel stand auf dem Spiel: Die Pleite einer der großen Banken könnte den Staat Milliarden kosten und den Ruf des Finanzplatzes auf Jahrzehnte schädigen.

So entstand der Plan, den der Chef der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Hans Reich, zusammen mit Bankenvertretern am vergangenen Mittwoch verkündete. Das böse Wort von der »Bad Bank« vermieden die Herren dabei geflissentlich. Genau das Gegenteil soll jetzt zur Lösung der Probleme entstehen:

Eine »gute Bank« wollen Deutsche, Dresdner, Commerz- und HypoVereinsbank zusammen mit der DZ Bank und eben der KfW gründen. Deren einziger Zweck ist es, Kredite von den Banken anzukaufen, zu bündeln, um sie dann in Form von milliardenschweren Anleihen an Investoren weiterzuverkaufen - an Versicherungen, Pensionsfonds oder andere Investmentgesellschaften.

Schon 2004 soll ein zweistelliger Milliardenbetrag aus den Büchern der Banken verschwinden, alles in allem könnten sich die Institute in den nächsten Jahren von Krediten in Höhe von 50 Milliarden Euro befreien - eine Zahl, die offiziell dementiert wird.

Dermaßen entlastet können die Banken, so Teil zwei des Plans, auch wieder neues Geld vergeben, das vor allem der hiesige Mittelstand bitter benötigt. So soll, jubeln Banker und Politiker, sogar die Wirtschaft wieder in Gang kommen.

Ein genialer Coup also, bei dem Banken, Anleger und letztlich das gesamte Land gewinnen? Und das ohne jedes Risiko, weil die neu verpackten Kredite, so schwärmt Reich, überwiegend ein Triple-A-Rating haben, also die beste Bonität, die es überhaupt gibt?

Nicht ganz. Kein einziger deutscher Industriekonzern und auch kein Mittelständler kann derzeit mit so einem Gütesiegel aufwarten. Deshalb können auch ihre Kredite solche Ratings nicht haben.

Das Problem lässt sich lösen - durch einen Griff in die Trickkiste. Eine neue Anleihe könnte etwa unter dem Namen »German Technology Repackaged« 500 Kredite von deutschen Technologie-Unternehmen mit einem Gesamtvolumen von 1,1 Milliarden Euro bündeln. Auf Grund des vorhandenen Ausfallrisikos haben die zusammengefassten Kredite für die Bank nur einen Wert von einer Milliarde Euro - zu diesem Preis wird das Papier platziert.

Zehn Prozent der Kredite - oder 100 Millionen Euro - können platzen, bevor der Investor einen Verlust erleidet. So lassen sich im Prinzip tatsächlich aus mittelmäßigen Krediten Anleihen bester Bonität basteln. Sollten alle in der Anleihe gebündelten Kredite tatsächlich bedient werden, machen die Banken ein Plus von 100 Millionen Euro. Der Anleger erhält nur das zurück, was er bezahlt hat, insgesamt eine Milliarde Euro.

Auf der anderen Seite trägt der Anleger jedoch ein Risiko, denn die neue Gesellschaft gleicht ihm keinen Cent aus, wenn die Rückzahlung nur 900 Millionen Euro beträgt. Schon im Gefolge der Mega-Pleiten von Enron und WorldCom mussten etliche Anleger schmerzhaft erfahren, dass auch sie plötzlich als Gläubiger von Pleitefirmen dastanden - trotz zuvor bester Bonitäten der verbrieften Kreditpakete.

Argwöhnisch betrachten deshalb vor allem die Bankenaufseher in aller Welt den rasanten Aufschwung, den der junge Markt dieser »verbrieften Kredite« in den letzten Jahren vor allem im angloamerikanischen Raum erlebt hat.

Denn wenn die verliehenen Gelder aus den Bilanzen verschwinden, unterliegen sie nicht mehr der strikten staatlichen Aufsicht und den hohen Kapital-Anforderungen, die nur für Banken gelten. Wohl auch deshalb soll die neue Kreditfabrik gar keine Bank werden, sondern eine GmbH.

Die EU-Kommission sieht sogar mögliche Risiken für das Weltfinanzsystem heraufziehen, weil ein Teil der weitergereichten Kreditrisiken sich bei wenigen, besonders großen Investoren konzentriert, die oftmals vom Bankgeschäft wenig verstehen - etwa bei Versicherungen.

Die KfW jedoch ist fest davon überzeugt, dass die Skepsis schon bald verfliegen wird. »Das hat es immer gegeben, wenn innovative Finanzinstrumente auf den Markt kamen«, sagt ein hochrangiger KfW-Mann.

Über mangelndes Interesse an dem neuen Projekt kann die KfW jedenfalls nicht klagen: Bis Ende vergangener Woche meldete ein halbes Dutzend weiterer Banken ihr Interesse an, darunter auch namhafte Institute aus dem Ausland. Sie wollen sich ebenfalls an der neuen Gesellschaft beteiligen - ganz im Sinne von KfW-Chef Reich, der sagt: »Wir sind für alle offen.«

WOLFGANG REUTER, ULRICH SCHÄFER

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