PHOTOMARKT Gute Chancen
Den Tip gaben die Kollegen von der Westdeutschen Landesbank. Ihr Stammkunde Hannsheinz Porst, so ließen die Düsseldorfer Bankiers die Geschäftsleitung der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) wissen, könnte möglicherweise an der Übernahme des Photo-Unternehmens Rollei interessiert sein.
Seit Anfang 1978 hatten die hannoverschen Bankbeamten versucht, die Kamerafabrik aus Braunschweig, die sie mit rund 700 Millionen Mark vor der Pleite gerettet hatten, loszuschlagen. Doch niemand wollte Rollei haben -- »nicht einmal geschenkt«, wie das Branchenblatt »Inpho« schrieb.
Als dann Anfang April ausgerechnet der Photohändler Hannsheinz Porst die Photofirma übernahm, war eine ganze Branche fassungslos. Porst hatte schließlich im eigenen Unternehmen, einer Photohandelskette mit 1900 Geschäften, genug Schwierigkeiten, 1980 gab es dort einen Millionenverlust. Der »Millionär und Marxist« (Porst über Porst) sei, so hieß es, unfähig, »den eigenen Laden in Ordnung zu bringen« ("Inpho"). Was also will er mit dem Minusmacher Rollei anfangen?
Der Einstieg, immerhin, war nicht schlecht. Für die traditionsreiche Kamerafabrik, die mit 200 Millionen Mark etwa halb soviel umsetzt wie Photo Porst, braucht der neue Eigentümer erst mal nichts zu zahlen.
Der Braunschweiger Konzern geht aus dem Besitz der Nord/LB an die Deutsche Foto Holding GmbH über, von deren einer Million Stammkapital Porst 40 Prozent übernimmt, 20 Prozent hält der von Agfa kommende Entwicklungschef Otto Stemme, der bis Mitte der siebziger Jahre in Rollei-Diensten stand. Für den Rest soll Porst ein »Konsortium aus deutschen Unternehmern« (Nord/LB) interessieren.
Wichtiger noch: Die Nord/LB kredenzt Porst Kredite über 80 Millionen Mark, teils sogar zinsfrei. Und schließlich gibt es auch noch ein Landesdarlehen über 25 Millionen Mark.
Um vor Ort zu sehen, was bei Rollei im argen liegt, war Porst eine Woche vor Ostern 10 000 Kilometer ostwärts gejettet. Dort nämlich, in Singapur, droht die größte Rollei-Produktionsstätte, in der 4700 asiatische Rollei-Werker zugange sind, zum hinterindischen Grabmal des traditionsreichen deutschen Unternehmens zu werden.
Die Kapazität der 120 Millionen Mark teuren Photofabrik läuft seit langem weitgehend leer. Statt der 600 000 Dia-Projektoren, die hergestellt werden könnten, verlassen kaum 300 000 das Werk, statt einer Million Blitzgeräte nur 150 000.
Bis zur Übernahme durch Porst hat das Rollei-Management an einer verfehlten Verkaufsstrategie festgehalten. Stolz auf ihren alten Firmennamen und völlig marktblind, lehnte die Geschäftsleitung es stets entrüstet ab, Großserien für Handelsmarken zu fabrizieren: »Wir sind eine Industriemarke.«
Lieber baute Rollei im Jahr nur 37 000 Spiegelreflex-Kameras mit dem »Rollei«-Signet, als an Foto-Quelle 100 000 unter deren Hausmarke »Revue« zu liefern. Die Einkäufer von Quelle, mit 600 Millionen Mark Umsatz »das größte Fotohaus der Welt«, bekamen von den Braunschweigern nicht einmal einen Gesprächstermin.
Mit der schlechten Auslastung wurde der Vorteil wieder verspielt, in Singapur dank der niedrigen Löhne noch billiger produzieren zu können als selbst die Japaner in Japan.
Ein weiteres Handicap: Trotz hochwertiger Kameratechnik stimmte das Sortiment der Rollei-Verkäufer nicht. Spitzenprodukte wie die Rolleiflex SLX oder neuerlich die raffinierte SL 2000 (SPIEGEL 9/1981) finden unter anspruchsvollen Hobby- und Berufsphotographen zwar immer Liebhaber, selbst wenn vergleichbare Japaner oft weit billiger sind. Bei Geräten der mittleren Preislagen aber konnte Rollei bisher nicht richtig Fuß fassen. Nur mit solchen Produkten lassen sich jedoch die Stückzahlen verkaufen, für die das Werk in Singapur ausgelegt ist.
Nimmt Porst die Kurve zur Massenproduktion, dann könnte ihm tatsächlich gelingen, die Braunschweiger Firma zu retten. Nachdem der Photoprofi allerdings schon mit seinem eigenen Unternehmen wenig Fortüne hatte, trauen ihm in der Branche nur wenige eine solche Glanzleistung zu.
Einer davon ist Lothar Schmechtig, Chef der Fürther Foto-Quelle, der dem Sanierer aus dem nachbarlichen Nürnberg »eine gute Chance« einräumt. Schmechtig, gerade aus Fernost zurück und »erschrocken über das Chaos« bei Rollei-Singapur: »Es gibt viele, die darauf warten, von Rollei beliefert zu werden« -- angeblich sogar Japaner.