Gute Laune - DER SPIEGEL
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Verlage Gute Laune

Bis zuletzt glaubte Chefredakteur Tiedje an den Tango-Erfolg. Nun wird die Info-Illustrierte eingestellt.
• aus DER SPIEGEL 23/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hans-Hermann Tiedje, 46, ahnte nichts. Sein letzter großer Auftritt als Chefredakteur geriet zur grandiosen Inszenierung.

Amerikanische Wissenschaftler hatten ein 25 Millionen Jahre altes Virus zum Leben erweckt. »Da soll sich sofort einer drum kümmern«, erteilte der Illustriertenmacher Weisung an die vor ihm versammelte Runde der Ressortleiter. »Aber kein Feuilletonist, sondern einer, der heavy schreibt.«

Katrin Krabbe hatte einen drei Kilo schweren Jungen zur Welt gebracht. »Wir haben das letzte Interview mit der Krabbe wenige Stunden vor der Geburt«, triumphierte Tiedje und stieß zufrieden eine dicke Wolke Zigarrenrauch in die Luft. »Das bringen wir groß im nächsten Heft.«

Zwei Schwerkriminelle jagten im Porsche durch die Republik, eine Geisel auf dem Beifahrersitz und die Polizei im Nacken.

Die Idee für die passende Geschichte mußte der Tango-Chef nicht lange suchen. »Wir bringen die klassische Bösewicht-Story, wie sie wurden, was sie sind«, rief er munter. Motto: »Auch Adolf Hitler war mal ein Baby.«

Der Rest ist Handwerk. »Bildbeschaffung total«, ordnete der Chefredakteur an, »Eltern, Lehrer, Geschwister, Umfeld.« Und damit auch jeder merkte, daß er nun von jedem im Raum den totalen Einsatz erwartete, präzisierte er noch einmal den Rechercheauftrag an seine Angestellten: »Beide Familien anlaufen, Tonband aufstellen. Lebenslauf erzählen lassen, Fotoalbum einsacken.«

Das war's. Am vergangenen Donnerstag kam für den Macher, der Journalismus als Kampfsport begreift und Sensibilität für ein Schimpfwort hält, das Aus. Ohne Vorwarnung.

Tango-Erfinder und Tiedje-Freund Gerd Schulte-Hillen, 54, im Hauptberuf Vorstandschef des Verlagshauses Gruner + Jahr, war in Begleitung von Zeitschriftenvorstand Rolf Wieckmann und Personalvorstand Martin Schuster nach Berlin gereist. Um 15.10 Uhr gab der G+ J-Boß im großen Konferenzraum der Redaktion die Entscheidung bekannt.

Der Verlag sehe für das Blatt keine Perspektive mehr, sagte Schulte-Hillen. Auf Schuldzuweisungen wolle er in dieser Stunde verzichten: »Das ist für uns alle eine Niederlage.«

Wieckmann schluckte, Tiedje bedankte sich in dürren Sätzen bei seiner Truppe. In der Redaktion wurden anschließend die ersten Bierflaschen geköpft. Etliche Sekretärinnen heulten.

Am Vormittag hatte in Hamburg der G+J-Vorstand getagt und das Aus beschlossen. Schon am Vorabend entschied Schulte-Hillen sich für den schnellen Tango-Tod.

Versteckte Attacken aus dem Bertelsmann-Konzern, dem Eigentümer des Zeitschriften-Verlags, hatte er seit Monaten souverän weggesteckt. Erst als Konzernchef Mark Wössner ihn am vorvergangenen Mittwoch in einem Interview frontal annahm, begann Schulte-Hillen an seiner Strategie zu zweifeln.

»Bücher und Zeitschriften sind bei Bertelsmann die beiden Schwungräder, die für Kontinuität und Stabilität sorgen«, hatte Wössner ihn im Interview mit der Hamburger Woche belehrt. Und: »Durch Tango läuft eines der Schwungräder mit kleiner Unwucht.«

Das Interview wurde bei Gruner + Jahr als »gedruckter Hinweis« des Obersten gedeutet. Schulte-Hillen ("Geduld ist in unserer Branche Tugend und Gefahr") entschied sich für ein schnelles Ende.

Er fürchtete Schaden auch für sich. Der G+J-Gewinn, den er Ende August verkünden muß, wird dank Tango deutlich geringer ausfallen als im Vorjahr. 1994 meldete das Unternehmen 459 Millionen Mark Erlöse, diesmal werden es, so die letzte interne Hochrechnung, nur 301 Millionen Mark sein.

Die sogenannte Info-Illustrierte war ein spektakulärer Mißerfolg und hat den Konzern nach eigenen Angaben 57 Millionen Mark gekostet, nach Schätzungen von Kennern aber möglicherweise weit mehr. Jeder weitere Monat hätte zusätzlich rund 3 Millionen verschlungen.

Vom Start weg blieb die Zeitschrift unter den Erwartungen der Verlagsspitze. Die Zahl der Käufer dezimierte sich rasch von zunächst 480 000 auf mittlerweile 160 000. Die Auflage der letzten Nummern wird branchenintern mit 180 000 verkauften Exemplaren angegeben. Soviel bringt auch das Heimwerker-Magazin Selbst ist der Mann unter die Leute.

Ärger noch traf das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr die Weigerung der Werbewirtschaft, in dem Berliner Ableger zu inserieren. Das letzte vorliegende Heft enthält auf 108 Seiten gerade mal 5 bezahlte Anzeigen. Eine vom Branchenblatt Horizont einberufene Jury wählte Tango zum größten Zeitschriftenflop des Jahrzehnts. Damit sei Tiedje, so spotteten die Agenturen, immerhin eine wirkliche Innovation geglückt: die erste anzeigenfreie Illustrierte auf dem deutschen Medienmarkt.

Es war Schulte-Hillen, der »neben und unter dem Stern« zusätzliche Käufer erspäht haben wollte. Die kaufmännische Idee ersetzte die journalistische.

Tango sollte von allem etwas haben, und hatte deshalb nichts richtig. Die Frankfurter Allgemeine entdeckte beim Blättern »den Nachgeschmack von Kartoffelchips und Dosenbier«. Tango gleiche einer »Fangopackung kurz vor dem Kaltwerden«, ätzte die Abendzeitung.

Und das, nachdem Tiedje der Fachwelt Großes versprochen hatte: »Wir kommen wie eine Feuerwalze über Deutschland«, verkündete er Wochen vor dem Start. »Journalismus pur« wollte er am Kiosk abliefern.

»Wir wollen, daß es kracht«, hatte er als Handlungsmaxime für sein Blatt ausgegeben, oder, kürzer noch, damit es auch in Großbuchstaben als Titelzeile paßt: »Gute Laune, Action!«

Tiedje, der Berserker - so gibt er sich, so möchte er gesehen werden. Kollegen in anderen Redaktionen haben dem Zwei-Zentner-Mann bislang stets den Gefallen getan und ihn mit Übertreibungen wie mit Orden behängt. Die Woche erkannte in dem Ex-Bunte- und Ex-Bild-Chef den »begehrtesten Journalisten Deutschlands« - da half er gerade Thomas Gottschalk mit dessen »Late Night Show« bei RTL aus dem Quotentief.

Die Münchner Abendzeitung adelte Tiedje zu dem »beschimpftesten Journalisten Deutschlands« - das war zwar grammatikalisch nicht korrekt, aber geschmeichelt hat es ihm dennoch.

Doch nun hat er, durch eigenes Zutun, den vielen Superlativen einen weiteren angehängt, der geeignet ist, seinen Ruf als Erfolgsmensch gründlich zu ruinieren: Kein deutscher Chefredakteur vor ihm hat mit der Neugründung einer Zeitschrift so viele Millionen vernichtet.

Schulte-Hillen war seinem Tiedje bis zum Schluß in Treue fest verbunden. Auf den Machtmenschen, der alle Klischees des Journalismus so vorzüglich bedient, ließ er auch am letzten Tango-Tag nichts kommen.

Einer der enttäuschten Redakteure bat den Vorstandschef am vergangenen Donnerstag um ein Autogramm. Bereitwillig schrieb der Tango-Erfinder auf die letzte Ausgabe: »In Trauer, G. Schulte-Hillen«. Y

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