BÖRSE Gutes Timing
Seine Mitarbeiter lobt Dietmar Hopp, Vorstandschef von SAP, stets in höchsten Tönen. Dem Unternehmer imponiert »ihr Mut, ihr Fleiß und die Bereitschaft, die Belange des Unternehmens vor egoistische Eigeninteressen zu stellen«.
Daß es in den Büros des Software-Giganten auch Leute geben könnte, die verbotene Insidergeschäfte machen, mag Hopp, selbst Großaktionär von SAP, nicht glauben.
Es gebe bislang keinen Grund, »an der Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit jener SAP-Mitarbeiter zu zweifeln, die Zugriff auf die Zahlen haben«, erklärte Hopp am Mittwoch vergangener Woche auf der Aktionärsversammlung im Mannheimer Kongreßzentrum Rosengarten.
Die Beamten beim Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel in Frankfurt sehen das anders. Sie fanden heraus, daß vier Mitarbeiter der Software-Firma auf eigenen Namen mit Aktien ihres Arbeitgebers handelten, obwohl sie über geheime Geschäftsinformationen verfügten.
Bereits im Januar hatte die Frankfurter Staatsanwaltschaft nach einer Anzeige der Aufsichtsbehörde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts verbotener Insidergeschäfte eingeleitet.
Anlaß der Untersuchung ist ein Kurssturz der SAP-Aktie im Herbst des Jahres 1996. Am 22. Oktober hatte das Unternehmen mitgeteilt, daß der Gewinn im dritten Quartal unter den Erwartungen geblieben sei. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, bislang waren die Börsianer nur Erfolgsmeldungen von SAP gewöhnt. Tags drauf fiel der Aktienkurs um fast 24 Prozent.
Wie stets bei so extremen Kursbewegungen leitete die Wertpapieraufsicht umgehend eine Prüfung ein. Argwöhnisch werden die Beamten immer dann, wenn ein heftiger Preisausschlag die Folge einer Nachricht ist, die das Unternehmen selbst publiziert hat.
In diesen Fällen besteht nämlich für diejenigen im Unternehmen, die schon vorher Bescheid wußten, die Möglichkeit, ihr Exklusivwissen auf Kosten anderer zu versilbern, und bei schlechten Nachrichten können Aktionäre, die über Insiderinformationen verfügen, die absehbaren Kursverluste auf andere Anleger an der Börse abschieben.
Seit 1994 sind solche krummen Deals in Deutschland gesetzlich verboten. Sieben Straftäter wurden seither überführt, darunter
* ein ehemaliger Aufsichtsrat der Weru AG, der mehr als eine Million Mark Gewinn aus dem Wissen schlug, daß ein kapitalkräftiger britischer Konzern die Mehrheit an der Fensterfirma kaufen wollte;
* ein Mitglied einer bayerischen Unternehmerfamilie, das noch schnell Aktien verkaufte, als es von Gewinneinbußen der Maschinenbaufirma erfuhr;
* eine Führungskraft der Augsburger Textilfirma NAK Stoffe, die sich über Familienangehörige mit billigen Vorzugsaktien der Firma eindeckte, weil sie wußte, daß diese wenig später in teurere
Stammaktien getauscht werden sollten;
* ein Kursmakler an der Frankfurter Börse, der aus seinem Orderbuch die künftige Kursentwicklung ableitete und diesen Wissensvorsprung zugunsten der Aktiendepots von Angehörigen nutzte;
* ein Fondsmanager der Deka-Gruppe, der mehrfach mit Großordern die Kurse an der Terminbörse in die Höhe trieb, während ein Mittäter durch exakt getimte An- und Verkäufe
aus diesen Preisschwankungen Gewinne von insgesamt 143 000 Mark ziehen konnte.
Bislang hatten es Bundesaufsichtsamt und Staatsanwaltschaft nur mit kleinen und wenig spektakulären Fällen von Insiderhandel zu tun. Die SAP-Sache ist da von anderem Kaliber.
Erstmals ist eine Vorzeigeadresse der deutschen Wirtschaft betroffen, eine Firma von Weltrang. Sogar Bundeskanzler Helmut Kohl würdigte das edle Software-Haus jüngst als »Musterbeispiel des Erfolgs«.
Entsprechend empfindlich zeigte sich SAP-Chef Hopp nach Bekanntwerden der Insiderermittlungen in seinem Unternehmen. »Erheblichen wirtschaftlichen Schaden« habe die Affäre schon angerichtet, klagt Hopp. Er drängt die Behörden auf eine schnelle Klärung der Vorwürfe.
Doch die Untersuchung ist aufwendig. Nach Erkenntnissen des Frankfurter Aufsichtsamtes könnten über 100 Personen illegale Geschäfte mit ihren SAP-Aktien gemacht haben. Bestätigt sich der Verdacht der Beamten, wäre dies der größte Insiderfall, der jemals in Deutschland aufgedeckt wurde.
Die Ermittler haben eine Liste zusammengestellt mit allen, die in den Tagen vor der enttäuschenden Gewinn-Nachricht SAP-Aktien verkauft hatten. Die Namen und Adressen erhielten sie von den Banken, über die diese Börsengeschäfte abgewickelt wurden.
In einem ersten Schritt glichen die Fahnder die Liste mit einer Aufstellung ab, die sie bei SAP angefordert hatten. Sie enthält die Namen von 71 Insidern, die von den Geschäftszahlen vor ihrer Veröffentlichung erfahren. Dabei stießen sie auf 4 Übereinstimmungen. Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder sind nicht dabei.
Sämtliche Mitglieder der beiden Führungsgremien hinterlegten in der vergangenen Woche eidesstattliche Versicherungen. Darin erklärten sie, »zu keiner Zeit Geschäfte in SAP-Wertpapieren und/oder Derivaten getätigt« zu haben, »die in Widerspruch zu den Insider-Vorschriften stehen«.
Bei der Auswertung der Transaktionen fanden die Ermittler »eine Vielzahl auffälliger Geschäfte«, wie der Sprecher der Börsenaufsicht, Jürgen Oberfrank, sagt. Einige Anleger hätten mit »großen Volumina ein erstaunlich gutes Timing« bewiesen. Es könne sich um sogenannte Sekundärinsider handeln, Freunde und Bekannte von SAP-Managern, die einen todsicheren Tip erhielten.
Ins Visier der Behörden gerieten auch Spekulanten an der Deutschen Terminbörse. Einer hatte kurz vor der ernüchternden Gewinnmeldung noch für 70 000 Mark sogenannte Put-Optionen gekauft. Solche Papiere werden um so wertvoller, je stärker eine Aktie fällt. Nach dem Kurssturz hatte der Mann die Papiere für 500 000 Mark wieder abgestoßen. Jetzt wird untersucht, ob der vermeintliche Glückspilz womöglich Kontakte zu Insidern bei SAP hatte.
Verdächtig erscheinen den Ermittlern derzeit auch Banken im süddeutschen Raum. Mehrere Institute fielen durch ungewöhnlich umfangreiche Transaktionen mit SAP-Aktien auf. Die Geldhäuser müssen sich nun auf den Besuch der Fahnder einstellen.
Über mangelnde Arbeit können sich die Ermittler nicht beklagen. Neben dem SAP-Fall ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft derzeit auch wegen verdächtiger Geschäfte mit Aktien des Bremer Vulkans und der Escom AG.
Auch die Börsenaufsicht, die neue Fälle aufspürt und sie dann an die Staatsanwaltschaft übergibt, hat bereits wieder neue Firmen im Visier. So wies die Thyssen-Aktie bereits vor dem Bekanntwerden der Kruppschen Übernahmepläne einen auffälligen Kursanstieg auf. Nun müssen die beiden Firmen offenlegen, wer über das geplante Takeover vorzeitig informiert war.
Die erst vor zwei Jahren geschaffene Bundesbehörde, die mit 96 Mitarbeitern inzwischen ihre Sollstärke erreicht hat, ist stolz auf ihre Fahndungserfolge. Die junge Aufsicht kämpfe eben doch nicht mit stumpfen Waffen, freut sich Vizepräsident Georg Dreyling: »Unsere Klingen sind geschliffen.«
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