Ölpreise Haariger Fall
Die Krise geht, die Preise bleiben. Um fast zwei Prozent. so verkündeten vergangene Woche Index-Experten des Statistischen Bundesamtes, hat der Preisschub für Ölprodukte die Lebenshaltungskosten in Deutschland schon jetzt verteuert.
Bei 40 Pfennig je Liter, so vermuten die Ölhändler, werden sich die Verbraucherpreise für leichtes Heizöl dieses Jahr einpendeln. Und auf eine runde Mark, so wissen die Manager der Ölindustrie, wird der Liter Superbenzin schon bald an Autobahn-Tankstellen steigen.
Fast hundert Mark wird es dann kosten, den üppigen Tank eines Mercedes 280 SE zu füttern -- und 600 Kilometer damit zu rollen. 35 Mark muß ein VW-Fahrer auf den Tisch legen, um mit voller Pulle 350 Kilometer weiterzufahren.
»Das wird jetzt der haarigste Fall«. sorgt sich Ulf Lantzke, Energiereferent im Bundeswirtschaftsministerium, »was wird mit den Preisen.« Und sogar Lantzke-Dienstherr Hans Friderichs, der zuweilen in Verdacht geraten war, die deutsche Energiepolitik den Konzernverwesern der Ölindustrie ausgeliefert zu haben, fand auf dem Dreikönigstreffen der FDP am 6. Januar ein starkes Wort: »Zumindest was die Preise anlangt«, klagte der Minister, hätten die Konzerne durch gezielte Angebotsstrategie möglicherweise »die Situation verschärft«.
Schon am 9. Januar reiste denn auch Friderichs' Wettbewerbsexperte Wolfgang Kartte zum Berliner Bundeskartellamt und besprach den nun fälligen Schuß gegen die Preispolitik der. Konzerne. Denn die Mineralölunternehmen, so vermuten die Wettbewerbshüter in Eberhard Günthers Kartellbehörde. treiben ein raffiniertes Doppelspiel.
Einerseits, so der Verdacht der Beamten, werfen die Konzerne ihre Ware über die deutschen Töchter vergleichsweise preiswert auf den Markt -- Heizöl-Abgabepreis seit Herbst unverändert 21 bis 25 Mark je 100 Liter -- und unterbieten damit die ungebundenen Ölhändler, die sich zu Überpreisen bis zu 60 Mark mit knapp gewordenem Stoff vom freien Rotterdamer Markt eindecken mußten. Andererseits spielten die Konzerne beim Rotterdamer Preiswucher aber munter mit, weil sie aus eigenen Raffinerien ständig kleinere Partien auf den freien Markt abzweigten und »dort den Marktpreis nahmen« -- so ein großer deutscher Ölhändler.
In der Tat: Seit Jahren arbeiten etwa bei Rotterdam riesenhafte Konzernraffinerien von Shell, Esso und BP, die allein mehr Ölprodukte herstellen, als in den Niederlanden verbraucht werden. Insgesamt produzieren die holländischen Ölraffinerien rund 90 Millionen Tonnen, das Land selber braucht aber nur 40 Millionen.
Von Rotterdam her versorgen die Ölkonzerne über Pipelines und mit Tankerflotten zwar Länder, deren Raffineriekapazitäten zu klein sind -- so etwa die Bundesrepublik und die skandinavischen Staaten. Was sie dabei nicht loswerden, aber fließt zu den einstmals großen, jetzt jedoch klein gewordenen Ölmengen, die von italienischen, spanischen, griechischen und einer belgischen konzernfreien Raffinerie nach Rotterdam geschickt werden.
Dort, auf dem großen Basar, bildet sich der Marktpreis für konzernfreie Ölprodukte, der in den Jahren der Schwemme -- bis 1972 -- sehr niedrig war, heute aber sehr hoch ist. Die Ölkonzerne sind hintenherum mit ungefähr fünf Prozent ihres Stoffs dabei.
Auch in Deutschland ging den Öl-Leuten gelegentlich ihr Geschäftssinn durch. So belieferte etwa die Esso im Niedersächsischen einen freien Händler weit über den Preisen, die sie den eigenen Vertragshändlern abknöpfte. Begründung eines Esso-Vertriebsmanagers: »Wir haben so hoch angeboten, damit der gar nicht erst bestellt.«
Am vergangenen Freitag forderte das Kartellamt die Konzerne auf, sich bis Monatsende dahin zu erklären, daß freie Händler nicht zu höheren Preisen beliefert würden als die Vertragshändler.
Der Kartte-Trip nach Berlin war bei so angeheizter Stimmung dem deutschen Ölmanagement denn auch nicht verborgen geblieben. Schon am Freitag vorvergangener Woche ließ Shell-Chef Johannes Welbergen. nach Branchenmeinung Deutschlands am besten funktionierendes Ölgehirn, vorsorglich eine »Shell Zeitung für Autofahrer« in Millionenauflage den großen Tageszeitungen beilegen, die alles entkräften sollte, was offiziell noch gar nicht behauptet worden war. Kernsätze der Gegenpropaganda: »Schon vor der Nahostkrise gab es weltweit nicht genügend Rohöl.« Und: »Die Rohölpreise sind
stärker gestiegen als die Verbraucherpreise.«
Was sich international abspielte, wird den Beamten des Ministeriums und der Kartellbehörde denn auch verborgen bleiben. »Mit nationalen Mitteln«, so Minister Friderichs zu der weltweiten Angebotsstrategie der Konzerne, »läßt sich ein Verdacht weder belegen noch entkräften.«
Denn undurchsichtig sind die Verhältnisse am Ölmarkt. Die Konzerne zahlen den Arabern sieben, den Libyern neun Dollar je Barrel -- 60 Prozent des Steuer-Verrechnungspreises ("posted price"). Freie Ölmengen dagegen wurden schon im Dezember auf einer Auktion in Teheran zu 17,40 Dollar verhökert.
Mitgeboten bis zum Schluß hatte dabei kein einziger Branchenriese. wohl aber die mittelgroßen Gesellschaften des Gewerbes: Union Oil, Murco, Sun Oil, Atlantic Richfield, Cities Service aus USA, Itoh, Marubeni, Taiyo Oil aus Japan und Agip aus Italien. Libyens Staatschef Gaddafi möchte für seine Ware sogar 20 Dollar erlösen, fast dreimal soviel, wie die Konzerne in Nahost zahlen.
Das billigere Konzernöl reist auch preiswerter: Während freie Tankcharter, wie sie etwa die deutsche Gelsenberg AG für ihr teures Libyen-Öl benutzen muß, rund 17 Dollar je Tonne kostet, machen es Konzernschiffe für ein Drittel. Konzernöl aus dem Nahen Osten ist für rund 200 Mark an der europäischen Küste, freie Ölhändler kommen auf 320.
An dem ihren Töchtern vergleichsweise preiswert gelieferten Öl aber haben die Muttergesellschaften vorweg schon selber kräftig kassiert. Denn nicht nur die Scheichs und Wüstendiktatoren verdienen an den heftigen Ölpreisschüben der vergangenen drei Monate, sondern auch die Konzerne. Nach den bislang noch geltenden Abkommen mit den Förderländern, die selber den Löwenanteil kassieren, verdienen die Konzerne seit Anfang dieses Jahres rund drei Dollar je Barrel, also etwa fünf Mark je hundert Liter. »Soviel Geld«, rechnet der deutschblütige Londoner Ölhändler (Tampimex) Manfred Schubert vor, »haben die am Bohrloch noch nie verdient.«
Dank der arabischen Preistreiber sahen sich die Gesellschaften nach vergleichsweise mageren Jahren (Schubert: »Sieben Prozent Kapitalverzinsung kriegt auch Lieschen Müller auf der Volksbank") plötzlich in der Lage, ihre Riesen-Investitionen wie einst wieder am Bohrloch zu verdienen. Aber kaum, daß sie dieses hofften, wurde es ihnen von Saudi-Arabiens Ölminister Jamani schon wieder mißgönnt. Vergangene Woche kritisierte der Araber die »Riesengewinne« der Gesellschaften und trieb seine morgenländischen Kollegen an, die Abgaben noch einmal so zu erhöhen, daß den Konzernen nur 35 Cent je Barrel bleiben -- womit nicht einmal die Förderkosten gedeckt wären.
Sobald die Araber auch den letzten Rest Bohr-Rendite selbst kassieren, wird der Preis für Ölprodukte noch einmal steigen. Denn für ihr Investitionsprogramm -- rund 1000 Milliarden Dollar in zwölf Jahren -- müssen die Ölkonzerne massiv Geld am Weltkapitalmarkt holen, wo der Durchschnittszins um zehn Prozent liegt. Zunehmend werden sie dabei jenen Dollar begegnen, die sie vorher selber an die Araber überwiesen haben. »Unser großes Problem«, sieht Ölhändler Schubert, »ist bald nicht mehr die Verfügbarkeit des Öls, sondern die Verfügbarkeit des Geldes.«
Mit der Verfügbarkeit des Geldes hat es schon jetzt seine Grenzen. Vergangenen Dezember zogen Angestellte eines Londoner Ölkonzerns ein in Köln abgesandtes Telex aus dem Fernschreiber: »Im Auftrag eines Klienten bin ich am Ankauf von 500 000 Tonnen Rohöl interessiert. Bezahlung muß in Rubinen, Smaragden, Saphiren und Amethysten erfolgen.«