Hackende Reporter: Software-Firma klagt Reuters an - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Hackende Reporter Software-Firma klagt Reuters an

Der britischen Nachrichtenagentur Reuters droht eine Klage. Sie soll sich angeblich illegal einen Geschäftsbericht der schwedischen Firma Intentia verschafft haben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London - Der Präsident und Finanzchef des schwedischen Software-Hersteller Intentias, Björn Algkvist, traute seinen Augen nicht. Um 12.57 Uhr, rund eine halbe Stunde vor der geplanten Veröffentlichung am 24. Oktober, waren seine Quartalsergebnisse im News-Flash der Nachrichten-Agentur Reuters zu lesen. Die Suche nach der undichten Stelle begann.

Inzwischen hat Algkwist nur noch eine einzige Erklärung für den Vorgang: Reuters muss die mit einem vierzigstelligen Code verschlüsselte Mitteilung im Computersystem des Unternehmens geknackt und Minuten später publiziert haben, sagte er gegenüber der "Financial Times". "Der Vorfall hat das Vertrauen in uns als Einzelne und in Intentia als Unternehmen schwer beschädigt", sagt Algkwist.

Sollte sich der Hacker-Vorwurf bestätigen, wäre dies ein ungeheuerlicher Vorgang. Der Software-Entwickler müsste seinen Kunden, zu denen nach eigenen Angaben unter anderem das schwedische Möbelhaus Ikea und die Traditionsbrauerei Karlsberg zu seinen Kunden zählt, erklären, wie es zu einem solchen Leck im Sicherheitssystem des Hauses kommen konnte.

Nach ersten internen Recherchen trat Algkwist zunächst einmal die Flucht nach vorn an. Er erstattete Anzeige gegen Reuters. Die Methoden von Reuters seien zweifelhaft, und ungesetzliche Handlungen könnten nicht ausgeschlossen werden.

Reuters dagegen bestreitet die Vorwürfe: "Wir haben Intentias Ergebnisse veröffentlicht, nachdem diese im Internet verfügbar waren", sagte der Leiter des skandinavischen Büros der Nachrichtenagentur, Jonathan Lynn. Weiter wolle er den Vorgang nicht kommentieren.

Möglicherweise gerät die Nachrichtenagentur dennoch in arge Erklärungsnot. Immerhin waren nach dem Bericht der "Financial Times" in der vergangenen Woche noch drei andere Fälle skandinavischer Unternehmen bekannt geworden, von denen Reuters die Zahlen veröffentlicht hatte, bevor diese allgemein zugänglich waren.