INTERNET Halb Hollywood im Eimer
Derart frische Ware hatte sonst kaum jemand im Angebot. Unter leidenschaftlichen Kino-Liebhabern galt www. efilme.de als Adresse der Sonderklasse. Spezialisiert auf raubkopierte Unterhaltung, ließ das digitale Kaufhaus keine Wünsche offen. Ob Musik, Spiele, PC-Software - mit Hilfe eines Zugangscodes gab es alles zu kaufen, aktuelle Hollywood-Filme sogar mitunter vor ihrer Kino-Premiere.
Gegen Gebühr zogen sich die Kunden Tag und Nacht die heißen Daten auf die heimischen Festplatten. Illegal beschaffte Filme wie »Alien«, »Drei Engel für Charlie«, »Das Dschungelbuch« oder die Werke von Ex-Pornostar Gina Wild rauschten vermutlich schon seit Anfang 2002 als fette Datenpakete durch die Leitungen.
Doch seit vorvergangenem Freitag hat der virtuelle Schwarzmarkt keinen Strom mehr. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft in Cottbus verschaffte sich die Düsseldorfer Kriminalpolizei Zugang zu einem großen Rechenzentrum und legte den Handel lahm.
Von dem illegal betriebenen Server, den die Beamten dort beschlagnahmten, führt die Spur zu einer Technologiefirma bei Potsdam. »Die Ermittlungen laufen gegen einen Verantwortlichen von Webplus24«, bestätigt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf: illegale Verbreitung von Raubkopien im ganz großen Stil.
»Der Server gehört einem Kunden«, heißt es dagegen bei Webplus24. Man habe mit der ganzen Sache nichts zu tun.
Ihren Fahndungserfolg verdanken die Staatsanwälte einer Strafanzeige der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) mit Sitz in Hamburg. Seit Jahren durchforstet die Ermittlertruppe Wochenmärkte und das Internet nach Verkäufern von Raubkopien.
Die Ex-Polizisten gehören zu einem weltweiten Netzwerk, das von der Film- und Computerspiele-Industrie finanziert wird. Allein 2002 reichte die Privatpolizei in Deutschland 2043 Strafanträge ein. Schaden durch Filmpiraterie im Jahr 2002: über 350 Millionen Euro.
Die Größenordnung des Düsseldorfer Falls lässt aber selbst die GVU-Fahnder staunen. »Es ist einer der bislang größten Fälle dieser Art in Deutschland«, sagt Chefermittler Bernd Kulbe, der den Schaden auf viele Millionen Euro schätzt. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft durchleuchtet seine Truppe nun die beschlagnahmten Festplatten mit einer Datenmenge von 1,3 Terabyte.
Zeitweise tummelten sich über 33 000 Nutzer auf dem virtuellen Schwarzmarkt.
In Spitzenzeiten explodierte der Datenverkehr auf zehn Terabyte pro Monat, was je nach Qualität einem Umschlag von bis zu 8000 Filmen entspricht.
Die Betreiber konnten stolze Preise kassieren: Für zehn bis zwölf Euro gab es im Schnitt zwei bis vier Spielfilme.
Das Geld floss vermutlich über das elektronische Zahlungssystem Inet-Cash in die Taschen der Raubkopierer. Die Konten sollen sich in der Schweiz befinden, heißt es in der Szene.
Das Gerücht ist kein Zufall. Laut offizieller Registrierung gehört die Internet-Adresse efilme.de einem Schweizer mit Wohnsitz in Basel. Straße und Postleitzahl sind allerdings frei erfunden.
Die jüngste Affäre beweist, dass sich die Raubkopierer nicht mehr nur mit Trödlermärkten oder Schulhöfen abgeben, wo sie ihre illegal gepressten DVDs verkaufen. In der Topliga hiesiger Händler läuft der Vertrieb längst vollelektronisch über verdeckt betriebene Systemeinheiten im Netz.
Oft wird zu diesem Zweck nicht mal ein eigener Server verwendet. Stattdessen dringen die Hacker in einen fremden Rechner ein und missbrauchen ihn dann heimlich für ihren Schwarzhandel.
Erste Erfahrungen machten kürzlich auch die Geowissenschaftler einer deutschen Universität. Dort, wo die Freunde der paläontologischen Sammlung gern Themen wie »Seelilien erobern den Weichboden« erörtern, stießen die GVU-Fahnder auf einen illegalen Filmhandel.
Anfang des Jahres hatten die Drahtzieher über einen externen Zugang das Computersystem des Instituts geknackt und für ihre Zwecke umfunktioniert. Neben Gesteinsanalysen und Klimatabellen lagerten auf den Festplatten plötzlich »Terminator« & Co. Hinter dem Rücken der ahnungslosen Wissenschaftler gingen daraufhin bis zu 800 Kunden pro Tag auf Einkaufstour.
Herzstück des verbotenen Online-Kaufhauses war ein kaum zu entdeckender Server. Halb Hollywood war buchstäblich im Eimer.
Zwecks Tarnung hatten die Profis ihre Ware wie ein Kuckucksei installiert: im elektronischen Papierkorb eines gewöhnlichen Windows-Rechners. BEAT BALZLI
* Im Hamburger Lager der Gesellschaft zur Verfolgung vonUrheberrechtsverletzungen.