Halber Schmerz
Schon der kommunistische Finanzminister Scoccimarro hatte dafür plädiert, den 20fach aufgeblähten Geldüberhang Italiens durch den Umtausch der alten Lira-Noten in neugedruckte aufzuschmelzen. Er zitierte dazu mysteriöse Statistiken, nach denen die Faschisten noch in den letzten Wochen vor dem endgültigen Achsenbruch viele Milliarden Lira gedruckt hätten und mit diesem Geld jetzt in ihren Verstecken darauf warteten, die italienische Wirtschaft wieder zu zerstören. Das Argument leuchtete vielen ein. Nicht nur Kommunisten.
Sein liberaler Kollege Corbino von der neapolitanischen Universität stellte sein professorliches »laissez-faire« dagegen. »Hauptsache produzieren« sagte er. »Und ohne staatliche Planung«. Alles andere werde sich schon von alleine einrenken. Aber es renkte nicht. De Gasperi ließ neue Noten drucken.
Die neuen Geldscheine lagen schon ausgabebereit in den Tresors der Banken, als ein halbes Dutzend maskierter Gentlemänner durch das Kellerfenster in die Staatsdruckerei einstieg. Bei ihrem Rückzug trugen sie die Druckstöcke der neuen Lira-Noten unterm Arm.
Das war die Entscheidung. Zum zweiten Male konnte sich die Regierung den teuren Notendruck nicht leisten. Der Ministerrat versuchte es anders. Durch ein Abschöpfungs-Dekret wurde verfügt:
* eine einmalige Vermögensabgabe aller Einwohner, gestaffelt von 6 - 41 Prozent
* der Einzug aller Nutznießer-Gewinne des faschistischen Regimes (profitti del regime)
* zwei unter patriotischem Trommelwirbel gestartete Wiederaufbau-Anleihen.
Der Erfolg war mäßig. Kaum ein Viertel des erwarteten Geldes wurde kassiert. Die Preise kletterten weiter. Die Löhne hinkten nur langsam hinterher. Italiens Statistiker errechneten einen Index der Lebenshaltungskosten von 4400, gegenüber 100 im Jahre 1938. An Sparen dachte keiner mehr. Die Banken kümmerten sich nicht mehr um die Kreditbedürfnisse des Staates. Italiens zahlreiche Druckmaschinen spien den modernen ökonomischen Erkenntnissen immer neue Lira-Noten ins Gesicht.
Das Schuldkonto der faschistischen, monarchistischen, neofaschistischen und schließlich republikanischen Regierungen lastete schwer auf den schmalschultrigen Bürgern Italiens. Drei Ministerien teilten sich in die Sorgen um die gerechte Lastenverteilung. Eins für die Einnahmen, eins für die Ausgaben und das Ministero del Bilancio, um beides aufeinander abzustimmen. Meist stimmte es nicht.
In seiner Not berief De Gasperi den Liberalen Luigi Einaudi zum Budget-Minister. Der war bis dahin Gouverneur der Banca d' Italia. Der alte Herr, der mühsam am Stock geht, weil ihn die Turiner Straßenbahn einmal überfuhr, legte sich mächtig ins Zeug. Die Banken mußten sofort ihre Kredite an die Wirtschaft sperren. »Zuerst kommt der Staat«. Spargelder wurden in öffentlichen Titeln und Schatzscheinen angelegt. Dann ein zweiter Riegel: Erhöhung des Diskontsatzes von 4 auf 6 1/2 Prozent. Das Geld wurde teurer.
Nach kurzer Zeit besaß die Industrie kaum noch Mittel für die laufende Produktion. Die Arbeiter zogen wochenlang mit leeren Lohntüten und ebensolchen Versprechungen nach Hause. Es gab Konkurse am laufenden Band. Langsam rückten Industrie und Großhandel mit ihrem Waren-Hort aus den Lagern. Sie mußten die Preise drücken, um wieder an Bargeld heranzukommen. Die Kleinhändler nahmen Tritt auf. Der Preis-Boom kam zum Stehen. Die Verkaufspreise sanken wieder um 20 Prozent.
Jetzt kletterten die Vergleichszahlen der italienischen Industrie-Produktion auf 65 (1938 gleich 100). Damit litt die italienische Wirtschaft nur den halben Schmerz des einstigen Achsenpartners. In Deutschland stand der Index für die drei Westzonen im Wirtschaftsjahr 1947 bei 36.
Einaudi trug den greisen Bauernkopf hoch, als seine Maßnahmen Wunder wirkten. Erst als er die Einschränkung der Staatsausgaben und Stillegung der Notenpresse forderte, stieß er auf schwierige Hindernisse. »Politische Notwendigkeiten« sprachen dagegen. Immerhin macht De Gasperi in seinem Sinne weiter.
Als Staatspräsident wacht Einaudi inzwischen im Quirinal über die republikanische Verfassung, anstatt über die Konten des Budget-Ministeriums. Nur ab und zu stoppt der 74jährige die Notenpresser in ihrem Arbeitsübereifer. Italiens Druckmaschinen stehen nicht still. Jetzt sind sie bei 800 Milliarden Lira angelangt. 1938 waren es noch 20 Milliarden.