»Halte durch, Philippe!« - DER SPIEGEL
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Unternehmer »Halte durch, Philippe!«

• aus DER SPIEGEL 33/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Barbar tapst schwerfällig auf die Bühne. Die zwei oberen Hemdknöpfe sind offen, seine Sandalen trägt er ohne Socken. Als er das Rednerpult erreicht, klatscht das Publikum höflich Beifall. Er setzt sein schönstes Grinsen auf, und auf der großen Leinwand hinter ihm erscheint ein Satz von George Bernard Shaw: »Ein vernünftiger Mann wird nie etwas erreichen.«

Zwei Sekunden lang zögert das Publikum, dann kommen die ersten Lacher, gefolgt von lautem, anhaltendem Beifall. Philippe Kahn, 42, Gründer, Chef und vielleicht bald nur noch Galionsfigur der Computerfirma Borland, hat gewonnen, wenigstens heute abend.

Der Applaus tut ihm gut, er atmet tief durch. Im Saal sind fast 3000 Programmierer, treue Borland-Kunden und dazu meist noch Kahn-Fans. Doch kaum ist der Applaus vorbei, beginnt der Mann mit dem Bärenkörper zu schwitzen, nicht nur wegen der verbrauchten Luft.

Es sind schwere Zeiten für einen der letzten großen Pioniere der Software-Industrie; in wenigen Jahren hat er es vom Mr. Nobody ohne Arbeitserlaubnis zum Sonnenkönig des Silicon Valley gebracht - jetzt wackelt sein Thron bedenklich.

Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs hatte sich Kahn zum »Barbar der Software-Industrie« ernannt - und einen ruinösen Wettkampf mit dem schon damals mächtigsten aller Computerunternehmer, mit dem Microsoft-Chef Bill Gates, begonnen.

Eine Zeitlang lieferten sich die beiden ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen: Gates, das schmächtige, präpotente, picklige Genie aus gutem Haus, der bereits auf der Schulbank Programme schrieb, contra Kahn, den übergewichtigen, überheblichen und sinnenfrohen Franzosen, der sich selbst nach oben boxen mußte.

Kahn hat das Duell verloren. Anfang Juni mußte Borland den größten Verlust seit Gründung 1983 ausweisen. Das Wall Street Journal, täglicher Seismograph der amerikanischen Geschäftswelt, erklärte Kahn auf der Seite eins schon für erledigt: »Der Rebell hat große Teile seines Reichs verloren.«

Der Widersacher Gates dagegen ist heute der reichste Mann der USA und unumschränkter König des Software-Gewerbes.

Kahn hätte sich nur ein wenig mehr an die Konventionen halten sollen, empfahl ihm das Wall Street Journal nachträglich. Aber vernünftig ist der Franzose nie gewesen, und auch jetzt will er sich nicht ändern, mag seine Firma auch vor ihrer schwersten Bewährungsprobe stehen.

Schon immer hat er lustvoll die Regeln der Big-Business-Manager mit ihren dunkelblauen Zweireihern und Mahagonibüros mißachtet: Oft erscheint er ohne Krawatte, dafür in Hawaii-Hemden, die nicht einmal der deutsche Fernsehmoderator Jürgen von der Lippe tragen würde. »Hey, ich bin ein normaler Mensch geblieben«, verteidigt er sich.

Er war bereits 31, als er aus Frankreich ins Silicon Valley zog. In diesem Alter hatten die meisten Computerwunderkinder schon ihre erste Million verdient. Startkapital hatte der studierte Mathematiker mit dem vor Urvertrauen strahlenden Kindergesicht nicht, aber eine gute Idee: Warum nicht Computersoftware per Versandhandel viel billiger als die Konkurrenten verkaufen?

Seine erste Anzeige in einem Computermagazin erschwindelte er sich mit einem Taschenspielertrick. Dem Anzeigenverkäufer spielte er den wichtigen Geschäftsmann vor, der ständig Anrufe aus Japan bekommt. In Wirklichkeit rief nur sein Kumpel aus der Telefonzelle an. Die Vorstellung war überzeugend: Der Vertreter gab Kahn seine erste Anzeige auf Kredit. »150 000 Dollar Umsatz machten wir danach im ersten Monat«, erzählt Kahn.

Wenige Jahre später war Borland eine der größten Software-Firmen - dank Kahns Talenten. Die lagen nicht im Programmieren, sondern im Aufspüren von Marktnischen und im Anwerben genialer Programmierer. Deren Erfindungen verkaufte er als Borland-Software zum Billigpreis, oft ein Drittel günstiger als die der Konkurrenz.

Doch der ruinöse Preiswettbewerb, den Kahn losgetreten hatte, droht ihn nun selbst zu vernichten. Der Barbar der Branche kämpft sein letztes Gefecht.

Fast 3700 Programmierer und EDV-Leiter sind ins schwüle Orlando, der Heimat von Disney World, gekommen; mehr als 1000 Dollar Teilnahmegebühr haben sie bezahlt, um sich in vier Tagen die Feinheiten der Programme erklären zu lassen. Doch vor allem, und das weiß Kahn genau, möchten seine Kunden das Gefühl mit nach Hause nehmen, daß Borland nicht untergeht.

Kahn gibt im Walt-Disney-Hotel Dolphin den versammelten Computertüftlern, was sie brauchen: Selbstironisch, witzig ("Willkommen in Borlando") und mit bunten Tortengrafiken, die das anhaltende Wachstum der Firma belegen sollen, verbreitet er Optimismus.

Andy Grove, Chef der Chipfirma Intel, leistet per Videokonferenz Schützenhilfe. »Philippe, du lebst ja noch«, flachst er, »ich hab' doch deinen Nachruf im Wall Street Journal gelesen.«

Kahn antwortet mit einem Grinsen. »Du weißt doch, Andy, Firmenchefs sind wie Pilze. Man füttert ihnen Scheiße, läßt sie im Dunkeln und haut ihnen schließlich die Köpfe ab.« Wenig später verabschiedet sich Grove mit den Worten: »Halte durch, Philippe!«

»Das hoffe ich schwer«, flüstert ein EDV-Chef aus Phoenix, der im stickigen Ballsaal schwitzt. Seine Unternehmensdatenbank läuft mit Borland-Software. »Mehr als acht Monate« müßte seine Firma investieren, um auf andere Programme umzusteigen.

Nicht nur aus Eigennutz wünschen sich viele Programmierer, daß es die Firma Borland und ihr Gründer schaffen werden: Der Aufstieg der Computerkinder aus dem Silicon Valley ist eine US-Legende - und Kahn ein Teil von ihr.

Nur wenige Pioniere dieser Ära stehen noch an der Spitze ihrer Firmen. In der Software-Industrie ist Kahn neben seinem Erzrivalen, dem übermächtigen Bill Gates, der einzige Überlebende. Zahllos sind die Legenden über diese Gründergeneration, die ihre Computerverliebtheit fast über Nacht in Ferraris oder Porsches verwandeln konnte.

Ein wenig Spaß wollten die jungen Tüftler auch haben: Auf Computermessen veranstaltete Kahn zum Beispiel ausschweifende Toga-Feten, die der größtenteils hochgradig verklemmten EDV-Szene wohl auf ewig in Erinnerung bleiben werden.

Und wenn Musiker da waren, griff Kahn zum Saxophon oder zur Querflöte und spielte Jazz. Er schaffte es sogar, bekannte Jazzer wie den Gitarristen John Abercrombie und den Sopransaxophonisten Dave Liebman zu überreden, mit ihm eine CD einzuspielen, mit Jazz-Lyrik über die befreiende Kraft der Computertechnik: »So set yourself free, get a Personal Communicator, yeah, go ahead and make your mind greater.«

Viele der jungen High-Tech-Millionäre sahen sich als Revolutionäre im Kampf gegen eine monopolistische Umwelt. Kahn und seine Kollegen träumten von einer schönen neuen Zukunft, der »Informationsgesellschaft": Der Computer auf dem Schreibtisch sollte jedem einzelnen Zugang zu Informationen aus allen Lebensbereichen verschaffen, ihn zu einem informierten Bürger und besseren, freieren Menschen machen.

Von dieser Euphorie ist nicht viel übriggeblieben: Zwar feiern die Firmen immer noch jede neue Version ihrer Textprogramme »als wahre Revolution«; aber heute bestimmen bilanzfixierte Rechenkünstler die Richtung.

So einen Erbsenzähler mußte Kahn, auf Drängen seiner Banker, kürzlich als Nummer zwei seiner Firma einstellen. Und wenn die neue Version seiner Datenbank nicht ein enormer Erfolg wird, dürfte auch Kahn sein schönes Eckbüro mit Klavier räumen müssen.

Seinen Porsche hat der »Mann mit den zwei größten Egos im Silicon Valley«, wie er sich noch immer von seiner Firma feiern läßt, gegen einen popeligen Pick-up-Truck eintauschen müssen; die geliebte Cessna des Hobbyfliegers steht beim Gebraucht-Flugzeughändler - alles schwer finanzierbarer Luxus für einen, der mit 500 000 Dollar Jahresgehalt auskommen muß und mit Firmenaktien, deren Kurs schon lange fern aller Hoffnungen dümpelt.

Auch den Abstieg hat Kahn seinem Ego zu verdanken. Er konnte es einfach nicht lassen, Bill Gates anzugreifen, er selbst wollte die Nummer eins sein.

Wie im Wahn kaufte Kahn Datenbanken, Kalkulationssoftware, sogar Textverarbeitung, weil Microsoft in all diesen Bereichen gute Geschäfte machte. Wie besessen drosch er öffentlich auf den übermächtigen Konkurrenten ein.

Die Rolle des Underdogs, der gegen das Establishment rebelliert, hat er in seiner Jugend gelernt: als Kind einer jüdischen Mutter, das im vornehmen Bezirk Passy von Paris aufwächst. »Ich wurde nie auf Feten eingeladen« , erinnert er sich. »Die Franzosen sind ziemliche Antisemiten.«

Seine Freunde sind überzeugt, daß Kahn seinen Hang zur Exzentrik von seiner Mutter, einer Theaterproduzentin, hat. Vielleicht verdankt er ihr auch seinen Drang zur großen Geste: Vor anderthalb Jahren investierte Kahn rund 160 Millionen Mark in ein Gebäude, komplett mit Squash-Halle, Schwimmbecken, Whirlpool und eigenem Videoshop für die Mitarbeiter - eine ziemlich mutige Ausgabe für eine Firma, die 640 Millionen Mark im Jahr umsetzt.

Der neue Firmensitz war gerade fertig, da beschloß Gates, den Verfolger abzuhängen. Mit aggressiven Verkaufspreisen lockte Gates die Borland-Kunden zu seiner Datenbank - Kahns Programmierer wurden mit einer verbesserten Version ihres Datenbank-Programms einfach nicht fertig. Gates schlug Kahn mit den eigenen Waffen.

»Das stimmt überhaupt nicht«, rechtfertigt sich Kahn heute: »Wir haben mit unseren Programmen immer Geld verdient, trotz der niedrigen Preise.« Gates dagegen betreibe Dumping, weil er immer noch genügend Geld mit anderen Produkten verdiene, behauptet Kahn.

Und überhaupt, nie wollte der Herausforderer Kahn »wie Bill Gates sein": Er sei immer ein »ganz normaler Kerl« gewesen, niemand, der wie Gates »aus einer reichen Familie kommt«.

Kahn ist tatsächlich ganz anders als sein verhaßter Konkurrent. Gates besitzt den Charme eines Gefrierfachs, sein Hobby, so schrieben einige Biographen, sei es, Leute zu schinden. Kahn dagegen hat den Jazz.

Am Abend des zweiten Konferenztages, als er schon bei der Erwähnung des Wall Street Journal zu explodieren droht, verschwindet er hinter seinem Saxophon. Seine Freundin sagt: »So bläst er sich den Streß aus dem Leib.« Wenn es Borland einmal nicht mehr geben soll, meint Kahn, »bleibt mir immer die Musik«. Y

Seine Toga-Feten bleiben wohl auf ewig in Erinnerung

Klaus Madzia
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