Hamburger Börse Kurs auf maritime Gewinne
Hamburg - Ihren Status als Wirtschaftsmetropole verdankt die Freie und Hansestadt Hamburg ihrem Hafen. Zu der stolzen Kaufmannstradition gehört, dass auch die Geschichte der örtlichen Börse bis ins Jahr 1558 zurückreicht. Heute allerdings fristet die Hamburger Börse ein Dasein im Schatten der Frankfurter Dominanz.
Trotzdem kommen die Betreiber der Handelsplattform erst jetzt auf die Idee, sich als Spezialisten für die Schiffsfinanzen in Szene zu setzen. "Hamburg Maritime Stock Exchange" heißt das jüngste Projekt der Regionalbörse: Aktien von Unternehmen, die mit der Schifffahrt zu tun haben, finden unter dem neuen Etikett ebenso Platz wie Schiffsfonds und Schiffspfandbriefe.
"Hamburg ist eine gute Region, um so etwas zu starten", sagt Kay Homann, stellvertretender Geschäftsführer der Hamburger Börse. "Es ist das größte Zentrum für Schiffsfinanzierungen und auch einer der größten Befrachter weltweit." Tatsächlich kontrollieren deutsche Eigner mit mehr als 1000 Containerschiffen rund ein Drittel der weltweiten Flotte. Bei Handelsschiffen insgesamt liegen zwar die Griechen und Japaner vorn, doch auch hier gehört Deutschland zu den Großen der Branche.
Noch allerdings ist an der "Hamburg Maritime Stock Exchange" nicht viel los, die meisten Titel verzeichnen kaum Umsatz. Schließlich ändere sich für Investoren nicht viel, nur weil ihre Anlagen unter einem neuen Namen firmieren, gesteht Homann. Doch "das soll der Anfang sein, der Beginn für ein neues Segment", sagt er.
Große Pläne mit neuen Instrumenten
Denn die Börse hat große Pläne. "Demnächst wird sich etwas tun", deutet Homann an. "Wir werden eine Emission bekommen, die wir sonst wohl nicht hier hätten." Schon einige Börsengänge in Hamburg seien dem maritimen Engagement zu verdanken, etwa die von Marenave , der ersten börsennotierten Schiffsfinanzierungsgesellschaft in Deutschland, und der Bootswerft Hanseyachts .
Auf mittlere Sicht will die Börse das Anlagespektrum um neue Instrumente erweitern. "Wir denken, dass wir dauerhaft einen Handel von nennenswerter Größe schaffen können", sagt Homann. Die verschiedenen Investoren, Banken, Emissionshäuser und Reedereien in ein Boot zu holen, sei nur der erste Schritt dahin. In Gesprächen habe er großes Interesse der Reedereien festgestellt, auch Schiffsversicherungen an der Börse zu handeln. "Absicherungsgeschäfte gibt es schon, aber eher auf inoffizieller Ebene", sagt Homann. "Sie sind schlecht handelbar."
Als Nahziel könnte die Hamburger Börse eigene maritime Indizes auflegen, die beispielsweise die Frachtraten der Schiffe abbilden, einen der wichtigsten Indikatoren für die Lage der Branche. Auf solche Indizes könnten später Zertifikate aufgelegt werden, um den Markt für Investoren zugänglich zu machen, die nicht das nötige Kapital für eine Schiffsbeteiligung haben.
Allerdings gibt es derartige Instrumente bereits. So stellen schon ortsansässige Schiffsmakler den Hamburg Index für Frachtraten zusammen. "Wir müssen erstmal überzeugen, dass wir kein Geschäft wegnehmen wollen", sagt Homann. Die Börse habe kein Interesse daran, selbst als Preismakler oder Befrachter aufzutreten, versichert er.
Die größte Konkurrenz liefert die Börse etablierten Anbietern aber mit ihrem Fondszweitmarkt: Anleger können an der von den Hamburgern betriebenen Fondsbörse Deutschland mit Anteilen von gut 900 geschlossenen Schiffsfonds handeln. Auf diese Weise ist das Kapital nicht mehr bis zum Ende der Laufzeit im Fonds gefangen. Das Handelsvolumen vervielfacht sich jährlich und wird derzeit auf rund 400 Millionen Euro geschätzt, mit einem Potenzial von zwei bis drei Milliarden. Das blühende Geschäft im Zweitmarkt war laut Homann der Grund, die neue Plattform zu gründen.
Harte Konkurrenz im Zweitmarkt
Doch auch hier sind die Marktanteile umkämpft, mehrere Emissionshäuser haben schon vor der Börse Handelsplattformen für eigene und fremde Fonds gegründet. Als Marktführerin im Handel mit geschlossenen Schiffsfonds sieht sich die Deutsche Sekundärmarkt GmbH (DSM), die überwiegend Fonds der Muttergesellschaft Nordcapital gelistet hat. Die Neutralität, mit der die Hamburger Börse für ihr Angebot wirbt, erklärt DSM-Geschäftsführer Jürgen Wollny zum Nachteil.
"Wir arbeiten eng mit Initiatoren zusammen", sagt Wollny. Mit ihrem Hintergrundwissen versorge die DSM Händler mit entscheidenden Informationen und mache den Markt transparenter. Die DSM hat 700 Fonds bewertet, bis zum Jahresende sollen es 1200 sein. Dann könne das Unternehmen auch permanente Berichte anbieten. Der Handel an der Fondsbörse sei dagegen nur für diejenigen vorteilhaft, die sich ohnehin gut auskennen.
Bleibt die Frage, ob der Zeitpunkt für einen Einstieg in Schiffsinvestments günstig gewählt ist. Der Welthandel und damit auch der Schiffbau boomen zwar unvermindert. Doch mit den Aufträgen für neue Schiffe könnten die Reedereien etwas über das Ziel hinausgeschossen sein. Die Containerflotte wächst jährlich um 11,5 Prozent - und damit etwas schneller als die Fracht.
So hat zum Beispiel der Howe-Robinson-Charterraten-Index, der misst, wie stark die weltweite Containerflotte ausgelastet ist, im Frühjahr 2005 ein Rekordhoch von 2100 Punkten erreicht - ist inzwischen aber wieder auf rund 1000 Punkte gefallen. Das ist zwar immer noch weit über dem historischen Mittel, aber manche Reedereien haben sich mit ihrem teuren Wettlauf um das Wachstum der Flotten in die Verlustzone manövriert. Bis 2010 sollen zudem die älteren, einwandigen Containerschiffe von den Meeren verschwinden und durch doppelwandige ersetzt werden. Das sorgt für enormen Neubaubedarf.
Weg vom Steuersparmodell
"Die Frachtraten sinken, aber viele Investoren wollen den immer noch historisch guten Markt ausnutzen und nicht bis 2010 abwarten", sagt Andreas Schultheis, Leiter der Schifffahrtsabteilung der Berenberg Bank. Schiffsbeteiligungen gingen in Deutschland immer noch "weg wie geschnitten Brot" - obwohl die Finanzämter das sogenannte Kombimodell gestoppt haben, das in der Vergangenheit etliche Steuersparer in den Markt lockte.
Die Emissionshäuser verbuchten hohe Anfangsverluste, wenn sie einen Fonds auflegten - und mit der Verlustzuweisung konnten Anleger ihre Steuerschuld vermindern. Außerdem wurden die Erträge der Fonds dank der Tonnagesteuer fast steuerfrei ausgeschüttet.
Nun müssen sich die Fonds zwischen Verlustzuweisung und Tonnagesteuer entscheiden. Fast alle setzen auf die Tonnagesteuer. Damit sind Schiffsinvestments zwar steuerlich immer noch günstig - eignen sich aber nicht mehr, um sich vor dem Finanzamt arm zu rechnen.