Handel mit Dynamit - DER SPIEGEL
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Rohstoffpreise Handel mit Dynamit

Im größten Rohstoff-Boom, der je in Friedenszeiten gezündet wurde, trieben Spekulanten vergangene Woche die Preise an den Warenbörsen auf ein neues Rekord-Niveau.
• aus DER SPIEGEL 31/1973
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»Es ist so dramatisch - ich habe seit Monaten kalte Füße«, stöhnt Karin Kurtenbach, einzige Dame unter den deutschen Spezialisten im heißen Warentermingeschäft.

Denn noch nie -- außer in Kriegen oder in schweren Krisen -- rauschten die Rohstoff-Preise an den internationalen Warenbörsen auf so breiter Front und so rasch nach oben wie seit Mitte vergangenen Jahres. In der größten Rohstoff-Hausse seit dem Korea-Krieg schoß der Reuters Index -- das bekannteste Barometer für die Preisentwicklung auf den Rohstoffmärkten -- binnen zwölf Monaten um fast hundert Prozent empor und übertraf Ende Juni erstmals die Marke von 1000 Punkten.

Die Preise von Sojabohnen und Kakao verdreifachten sich sogar innerhalb eines Jahres. An der fast hundertjährigen London Metal Exchange notierten die Metallhändler in der vergangenen Woche historische Höchstmarken für die Preise von Zink, Blei und Kupfer. Silber wurde ebenfalls so teuer wie nie gehandelt.

Rekordpreise peilten die Waren-Makler auch bei Nahrungsmitteln, Naturfasern und sonstigen Naturprodukten an. So strichen Baumwoll-Verkäufer Erlöse ein, wie sie nur Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts,- kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg -- erzielt worden waren. Die Preise für Rohkautschuk schnellten auf den höchsten Stand seit 22 Jahren.

Gleichgültig ob ein Rohstoff-Käufer während· der vergangenen Monate in Zinn, Wolle, Kakao, Sojabohnen, Schweinebäuchen, Weizen oder Platin spekulierte -- wer sich rechtzeitig mit Rohstoffen auf Termin eingedeckt und die Nerven besessen hatte, seine Ware trotz immer hitzigerer Hausse nicht vorzeitig abzustoßen, hatte das Geschäft seines Lebens gemacht.

Wer etwa bereits seit Januar 1972 auf eine Sojabohnen-Hausse gesetzt hatte, konnte vergangene Woche einen Gewinn von 6200 Prozent einsacken -- bezogen auf das bei Geschäftsabschluß hinterlegte Kapital, das bei Warenterminkäufen zumeist nur den zehnten Teil vom Wert des Kontrakts beträgt. Bei Kakao konnten Spekulanten allein seit Februar 1370 Prozent ihres Spielkapitals verdienen.

Ausgelöst worden war der Rohstoff-Boom durch einen kräftigen Wirtschafts-Aufschwung in den westlichen Industrieländern, der die Nachfrage nach Grundstoffen über das Angebot hinaus erhöhte. Aus Furcht vor Preissteigerungen stockten daraufhin viele Verarbeiter ihre Rohstoff-Vorräte auf. Sondereinflüsse auf einzelnen Märkten -- wie ein Streik in Chiles größten Kupferminen und Transportschwierigkeiten bei sambischem Kupfer -- verschärften die Preisentwicklung.

Mißernten und gedrosselte Agrar-Produktion zündeten eine weltweite Inflation im Nahrungs- und Futtermittel-Sektor. Rohstoff-Käufe der Sowjets und Chinesen lösten einen zusätzlichen Inflations-Schub aus.

Zum Teil spiegelte der Anstieg der in Dollar und Pfund notierten Rohstoff-Kurse allerdings nur die Schwäche dieser Währungen wider. In härteren Währungen wie der Mark oder dem Yen gemessen, fiel das Tempo der Rohstoff-Rallye daher bescheidener aus.

In diesem Treibhaus-Klima gedieh die Spekulation besonders üppig. Von der weltweiten Aktien-Baisse verschreckte Anleger suchten ihr Glück zunehmend im Warentermingeschäft. Wie schnell jedoch bei spekulativem Überdruck selbst Profis Millionen verlieren können, bekamen die Kakao-Einkäufer des englischen Konfekt-Konzerns Rowntree Mackintosh zu spüren.

Die Kakao-Experten hatten zu früh auf einen Rückgang des Kakao-Preises gesetzt und per Termin riesige Leerverkäufe abgeschlossen. Sie hatten also Ware verkauft, die sie noch nicht besaßen und vor der in drei Monaten fälligen Lieferung billig beschaffen wollten. Doch der Kakao-Preis kletterte bis zum Liefertermin kräftig weiter. Die Spekulanten mußten den Kakao weit über dem eigenen Verkaufspreis kaufen. Verlust: über 100 Millionen Mark. Trotz immer größerer Hektik an den Warenbörsen sieht Wilhelm Pooth, Rohstoff-Experte der Hamburger Merrill-Lynch-Filiale, die Zeit für einen Zusammenbruch der Hausse-Spekulation noch nicht gekommen. Doch »wer jetzt noch einsteigt«, warnt Pooth, »der handelt mit Dynamit«.

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