Handy an Bord Flugfirmen stopfen das Mobilfunk-Loch
Hamburg - George Cooper ist ein Mann von nüchternem Naturell, er pflegt den sachlichen Ton des Naturwissenschaftlers. Doch es gibt Momente, in denen auch dieser Mann lyrisch klingen kann. "Wir schaffen ein neues Land im Himmel", schwärmt er dann fast euphorisch - Cooper spricht über die Mission der Firma, die er führt.
Der Brite mit der Ausbildung zum Piloten ist Konzernchef beim Unternehmen OnAir - und das will, prosaischer ausgedrückt, den Mobilfunk für Jedermann im Flugzeug ermöglichen. Die kommenden Monate sind die entscheidenden in der Geschichte der erst ein Jahr jungen Firma aus Genf, zu deren Eignern der Flugzeugbauer Airbus gehört. Schon im Herbst wird OnAir die ersten Publikumstests für seine Flugfunk-Technologie starten.
Drei Monate lang spielen ganz normale Passagiere der britischen Airline BMI und der portugiesischen TAP dann Versuchskaninchen - dank der Technik aus Genf können sie in 10.000 Meter Höhe mit ihrem eigenen Handy telefonieren. "Fühlen sich die Sitznachbarn gestört? Gibt es neue Herausforderungen für die Flugbegleiterinnen? Bei solchen Fragen wollen wir prüfen, ob wir mit unseren bisherigen Annahmen richtig liegen", erklärt Cooper im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Wie "Crazy Frog" fliegen lernt
Geht alles glatt, könnte das Handy-Netz im Passagierjet 2007 und 2008 rasend schnell zum Standard werden, hofft Cooper: "Unser Geschäftsplan sieht vor, dass wir Ende kommenden Jahres schon eine dreistellige Zahl von Flugzeugen in Europa ausgerüstet haben." Auch Chris Peterson, Handy-Projektleiter bei der Konkurrenzfirma Connexion by Boeing in Seattle, kündigt an: "In Europa könnte es Ende 2006 erste Angebote für den Mobilfunk an Bord geben. 2007 dürfte für die Technologie das entscheidende Jahr werden."
Angesichts solcher Prophezeiungen werden viele Passagiere stutzen: Hieß es nicht jahrelang in den Durchsagen vor dem Start, Handys könnten die sensible Bordelektronik stören? Wurde ängstlichen Fluggästen nicht geradezu eingebläut, ein unachtsames Nicht-Ausschalten des Mobiltelefons könne den sofortigen Crash der Maschine hervorrufen?
Keine Panik, heißt es dazu inzwischen fast unisono - egal, ob man bei Flugzeugherstellern oder Airlines nachfragt. "Das Thema Störeffekte ist vom Tisch", sagt zum Beispiel Michael Lamberty, Sprecher der Lufthansa . "Die Bordelektronik moderner Flugzeuge ist sehr gut abgeschirmt." So hätten Mitarbeiter der Lufthansa Technik bei einem Experiment mit 25-facher Handyleistung auf Mobilfunkfrequenzen gesendet - ohne gefährliche Nebenwirkungen für die Apparate im Cockpit.
"Die Passagiere wollen das doch gar nicht"
"Handys sind heute viel strahlungsärmer als noch vor zehn Jahren", ergänzt Roman Friedrich, Geschäftsführer und Mobilfunktexperte bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. "Deshalb sind alle Störprobleme lösbar." Obendrein haben Unternehmen wie OnAir und Connexion ein spezielles Verfahren ausgetüftelt, um die Strahlungsmengen so klein wie möglich zu halten. Die Handys wählen sich während des Fluges nicht selbst in Netze auf dem Boden ein - dafür wäre eine viel zu hohe Leistung nötig, oft genug wäre auch gar keine Verbindung verfügbar.
Stattdessen wird im Flieger eine nur wenige Kilogramm schwere, zentrale Sendeeinheit mit Server installiert, die den Funkverkehr bündelt und sich - mit Umweg via Satellit - in Bodennetzen einbucht. Von dieser Zentraleinheit aus laufen Antennenkabel an den Wänden der Kabine entlang - jedes Handy muss höchstens ein paar Meter Distanz überbrücken und funkt so nur mit wenigen Milliwatt Leistung.
"Wenn diese Technik nicht sicher wäre, würden Hersteller wie Airbus sie kaum einbauen wollen", sagt Cooper von OnAir. Passagiere würden die Handy-Kosten über ihre normale Rechnung bezahlen - von Minutenpreisen zwischen ein und zwei Euro ist die Rede, ähnlich wie beim Roaming im Ausland.
Viel gewichtiger als alle technischen Fragen sind inzwischen sowieso jene, die bei den Herstellern unter dem Stichwort "soziale Akzeptanz" laufen. Sprich: Sind Fluggäste wirklich begeistert, wenn das große Quasseln bald auch im Flugzeug beginnt? "Wohin die Einführung von Handys führen würde - das kann man ja heute schon hören, wenn man Bahn fährt", höhnt Arne von Spreckelsen, Sprecher der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo. "Die Passagiere wollen das doch gar nicht."
Beim Nachtflug nur simsen
Der Ufo-Mann fürchtet, dass Fliegen bald noch stressiger wird - für alle Beteiligten. "50 Prozent der Gäste haben so schon latente Flugangst. Das wird nicht besser, wenn auf engem Raum telefoniert wird und die Flugbegleiter deswegen auch noch Streitereien zwischen den Passagieren schlichten müssen", sagt er.
"Es muss eine Etikette für das Telefonieren an Bord geben", meint auch Unternehmensberater Friedrich - obwohl er selbst als Vielflieger schon den Zeiten entgegenfiebert, in denen er das Handy auch in der Kabine anknipsen darf. "Gerade auf Transatlantikflügen ist es für Geschäftsreisende schwierig, nicht mit der Außenwelt in Kontakt treten zu können - aber man muss sicherstellen, dass alle an Bord die neue Technik akzeptieren." Friedrich kann sich zum Beispiel vorstellen, dass im Superairbus A380 separate Telefon-Lounges geschaffen werden. "Die Praxis wird aber von Airline zu Airline unterschiedlich sein."
Vorsichtshalber bieten OnAir und Connexion gleich eigene Kontrollmechanismen an, um den Lärm einzuschränken. Flugbegleiter können die Sendeeinheiten so einstellen, dass zu bestimmten Zeiten nur noch der Versand von SMS oder Mails möglich ist - in diesem "Stillemodus" würde Sprachtelefonie technisch unterdrückt. "Bei einem Langstreckenflug wird immer ein Gast unter 300 dabei sein, der auch nachts telefonieren will. Aber alle anderen sind glücklich, wenn Gespräche nur am Anfang und Ende möglich sind", sagt Peterson von Connexion dazu.
Zumindest ein paar Monate lang wird die Stille über den Wolken sowieso noch währen - aus politischen Gründen. Bisher ist es unter Strafe verboten, im Flug das Handy einzuschalten - der Gesetzgeber und Regulierungsbehörden weltweit müssen noch ihr Okay für eine Neuregelung geben. In Deutschland zum Beispiel prüft das Verkehrsministerium noch, wie die Bestimmung mit dem Bandwurmnamen Luftfahrzeug-Elektronikbetriebsverordnung (kurz: LuftEBV) an den Stand der Technik angepasst werden kann. Es ist aber wahrscheinlich, dass Lösungen wie die von OnAir oder Connexion erlaubt werden, bei denen alle Gespräche über eine Art fliegendes W-Lan laufen.
"Die Europäer sind bei der Genehmigung viel schneller als alle anderen", sagt Peterson von Connexion. "In der EU könnten wir schon Ende 2006 eine Genehmigung kriegen. In den USA klappt das allerfrühestens Mitte 2007."
"Irgendwann freuen sich die Freunde nicht mehr"
Lukrativ genug dürfte das Geschäft jedenfalls werden, für alle Beteiligten. "Wir schätzen, dass mit Handytelefonie im Flugzeug Umsätze von zwei Milliarden Dollar im Jahr möglich sind", sagt Cooper von OnAir - in der Branche kursieren sogar noch höhere Werte. OnAir und Connexion wollen selbst als Netzbetreiber auftreten, als eine Art Vodafone der Lüfte. Die Airlines und die Mobilfunkbetreiber, die ihre Bodennetze fürs Roaming öffnen, würden am Umsatz beteiligt.
Neben OnAir und Connexion rangeln auch klassische Telekom-Ausrüster wie Ericsson , Satelliten-Betreiber, US-Mobilfunkfirmen wie Verizon und andere Interessenten um Zugang zum Flughandy-Markt. Doch die Firmen aus Genf und Seattle starten von der Pole Position ins Rennen - dank ihrer Anbindung an Airbus und Boeing.
Die Amerikaner haben ihre eigene Handy-Technik übrigens schon Mitte Oktober im Flug erprobt - an Bord einer "Connexion one" getauften Boeing 737. Mit an Bord war auch Chris Peterson. "Wen ich angerufen habe?", sagt er lachend. "Fragen Sie doch lieber, wen nicht!" Das sei eben das Schicksal eines Handy-Testers: "Irgendwann freuen sich auch die eigenen Freunde nicht mehr, wenn man am Telefon ist."