Handy-Hersteller: Boombranche mit Fallstricken - DER SPIEGEL
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Handy-Hersteller Boombranche mit Fallstricken

Das Ende des Handy-Booms prophezeien die Analysten schon seit Jahren. Trotzdem warten die Hersteller mit immer neuen Erfolgsnachrichten auf, so wie heute der Weltmarktführer Nokia. Doch ganz ungetrübt ist die Freude nicht.
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Helsinki - Der Mobilfunkhersteller Nokia räumte ab, wie lange nicht mehr. Rund 75,1 Millionen Handys verkaufte der Weltmarktführer im ersten Quartal, etwa 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stieg um etwa 29 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro, der Nettogewinn schwoll um 21 Prozent auf rund eine Milliarden Euro an. Seinen Marktanteil von konnte das Unternehmen damit sogar noch steigern: von 32 auf 35 Prozent.

"Nokia hat mit Abstand die meisten Modelle", erklärt Michael Busse, Analyst bei Helaba-Trust. Der finnische Konzern habe bei preiswerten Handys weitaus mehr zu bieten als die Konkurrenz, aber auch im Multimediabereich sei das Unternehmen stark. Vor allem bei den UMTS-Handys habe Nokia ein wesentlich besseres Angebot als die Konkurrenz - und die Nachfrage sei überraschend hoch. Und diese Vielfalt sei obendrein noch relativ preisgünstig beizubehalten, weil alle Modelle auf wenigen Handy-Standardplattformen basierten.

Außerdem setzte Nokia dem Fachmann zufolge schon frühzeitig auf neue Märkte, die die Konkurrenz erst jetzt so richtig entdeckt. "Nokia ist zum Beispiel in Indien breitflächig vertreten", erklärt Busse. "Aber auch im Niedrigpreissegment in Russland ist das Unternehmen stark." Auch in den USA konnte Nokia den Absatz verdoppeln - und hier ist laut Busse noch einiges zu holen, weil bisher nur 70 Prozent der Nordamerikaner ein Handy besitzen.

"Den Nokia-Handys fehlt der Esprit"

Letztendlich müsse man feststellen: "Der Markt boomt an und für sich", fügt Busse dann hinzu. Die Sättigung des Marktes, die Analysten und Ökonomen schon seit langem in dunkelsten Farben ausmalen, lässt bisher noch auf sich warten. Rund 816,6 Millionen Handys wurden 2005 dem Marktforschungsunternehmen Gartner zufolge verkauft - und damit rund 21 Prozent mehr als noch 2004. Und so warten auch andere Hersteller mit immer neuen Erfolgsnachrichten auf.

Sony Ericsson steigerte vor allem dank seines neuen MP3-fähigen Walkman-Handys in den ersten drei Monaten diesen Jahres seinen Gewinn von 32 Millionen auf 109 Millionen Euro. Die weltweite Nummer zwei Motorola konnte dank seines trendigen Klapphandys Razr den Umsatz von Januar bis März um 23 Prozent auf 16 Milliarden Euro anheben.

So richtig übermütig sind die Unternehmenschefs trotzdem nicht. Das Marktwachstum fiel 2005 längst nicht mehr so rasant wie 2004 aus, als die Nachfrage noch um 30 Prozent in die Höhe geschossen war. Die gestern präsentieren Zahlen von Motorola dokumentierten den zunehmenden Druck: Trotz des beachtlichen Umsatzwachstums ging der Nettogewinn um knapp ein Prozent auf 686 Millionen Dollar zurück.

Die Mobilfunkanbieter spüren - der Konkurrenzkampf wird härter. So müssten die Unternehmen darauf achten, dass die Gewinnmargen trotz sinkender Preise erhalten bleiben, sagt Analyst Busse. Nokia hatte nach dem Verlust von Marktanteilen die Preise für seine Handys zum Teil deutlich reduzieren müssen. Inzwischen ist der Durchschnittspreis für die finnischen Handys mit 103 Euro zwar wieder leicht gestiegen, allerdings liegt er noch deutlich hinter dem von Samsung Electronics und Motorola zurück.

Doch auch auf die richtige Modellpolitik kommt es Busse zufolge an. Und da mache Nokia längst nicht mehr alles richtig. Denn trotz des Erfolges des schnittigen Razr-Modells von Motorola weigern sich die Finnen, dem Verkaufsschlager der Konkurrenz ein ähnlich trendiges Modell entgegenzusetzen. So mancher Beobachter fühlt sich schon an einen anderen Kardinalsfehler des Weltmarktführers erinnert, der vor einigen Jahren den schon den Trend der Klapphandys vollkommen verschlief. "Den Nokia-Handys fehlt derzeit der Esprit", erklärt Busse. Auf Dauer könne das dem Image ordentlich schaden. "Die Handybranche ist eine Modebranche. Wer da ein paar Mal hintereinander daneben liegt, bekommt ein Problem."

ase/dpa-AFX/Reuters