Handy-Klingeltöne Aber bitte mit Gefühl
Mülheim an der Ruhr - Es wird immer schwieriger, sich im täglichen Klangtohuwabohu zurechtzufinden. Das Signal schließender Zugtüren entspricht dem Klingeln des Ofens beim Back-Shop nebenan. Und wenn das Handy beim Sitznachbarn anschlägt, ist man unsicher, ob es nicht doch das Eigene ist.
Alle Elektronikgeräte haben allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Töne, die sie von sich geben, klingen mechanisch und damit gefühllos. Diesen Nachteil beklagten lange Zeit auch Musiker, die mit dem Computer komponierten. Profis setzen schon seit längerem auf spezielle Software. Die Programme sorgen für den gewünschten Ausdruck, indem sie Anschlagstärke und Länge der Noten ebenso der gewünschten Interpretation anpassen, wie Lautstärke und Tempo. Was dabei herauskommt, ist emotionsgeladene Musik, die Freude, Frust oder auch Trauer ausdrücken kann. Beispielweise werden bei einer traurigen Wiedergabe Noten getragener und langsamer gespielt.
Es liegt nahe, dieses Know-how auf Mobiltelefone zu übertragen. Immerhin scheint vielen Handy-Besitzern der Klingelton wichtiger zu sein, als eine moderne Bluetooth-Funktion. Neben Display-Logos sind vermeintlich individuelle Klingeltöne trotz hoher Preise ein Dauerrenner - egal ob aktueller Chart-Hit, das Krähen eines Hahns oder die Nationalhymne.
Der individuelle Klingelton
"Das Handy ist ein sehr persönliches Medium. Es ist fast immer dabei, wird eng am Körper getragen. Somit wird es auch zu einem Medium der Selbstdarstellung und Identität", erklärt Nicola Döring, Professorin für Medienpsychologie an der Technischen Universität Ilmenau. Fans bestimmter Musikrichtungen oder TV-Serien haben entsprechend mehr Freude am Gerät, wenn es einschlägige Songs oder Titelmelodien spielt.
"Gleichzeitig können die Nutzer der Außenwelt etwas über ihren Geschmack vermitteln. Insbesondere Jugendliche nutzen Handy-Logos und Klingeltöne als Identitätsausdruck", ergänzt Döring. Wobei manche Nutzer einen bestimmten Klingelton auch ganz pragmatisch wählen, einfach um ihr Handy besser erkennen zu können, wenn es ringsum klingelt.
Diese Einschätzung spiegelt sich auch in den Umsatzzahlen der Klingelton-Anbieter wieder. "Der Trend, sich mit dem Handy individuell abzugrenzen, kennt bisher kein Ende. Die Wachstumsraten liegen noch immer im dreistelligen Bereich", bestätigt Tilo Bonow, Pressesprecher der Jamba AG. Besonders beliebt sind gegenwärtig so genannte Realtones, Originalmusik mit Gesang.
Die inzwischen relativ weit verbreiteten polyphonen Klingeltöne sind zwar mehrstimmig und sollen fast wie das Original klingen. Dennoch haftet dem neuen Klangerlebnis auch weiter der Makel des digitalen Klangs an.
Teil zwei: Wie die Klingeltöne das Fühlen lernten
Die Zukunft sind so genannte "Moodies", abgeleitet vom englischen Wort für Stimmung: Mood. "Moodies klingen einfach gut", sagt David Lundborg, Marketing-Manager des schwedischen Unternehmens Notesenses AB, das die emotionale Musik für das Handy adaptiert hat. Das Geheimnis: Mit Moodies können Handynutzer das Klingeln ihrer Mobiltelefone jederzeit der eigenen Stimmung anpassen.
Dahinter steckt ein Programm, das die emotionslosen Musikdateien gefühlvoll wiedergibt. Im Detail übernehmen das mathematische Formeln, die Anders Friberg und Roberto Bresin zusammen mit Professor Johan Sundberg am Königlichen Technikinstitut in Stockholm entwickelten. Sie haben dafür Musikinterpretationen von Profi-Musikern untersucht, die einzelnen Variationen zerlegt, kombiniert und eine Software entwickelt, die sich letztlich nicht nur auf Klingeltöne beschränkt. Die Notesenses-Spezialisten haben die Software an die Bedürfnisse von Popmusik und Klingeltönen angepasst.
Die Moodies sollen bald nicht mehr durch den Handybesitzer, bei dem es klingelt, voreingestellt werden, sondern durch den Anrufer. Hinter der Telefonnummer wird noch das dem Seelenzustand entsprechende Emoticon-Zeichen, beispielsweise ein Smily für Freude, eingetippt und schon klingelt es fröhlich am anderen Ende.
Klingelton-Anbieter Esato mit Sitz in Norwegen ist der erste, der die meisten seiner Klingeltöne auch als Moodies anbietet. Neben der polyphonen Original-Version stehen vier weitere emotionsgeladene Varianten zur Verfügung: aggressiv, musikalisch, romantisch oder fröhlich.
"Das Angebot ist erst seit wenigen Wochen online und seitdem steigen die Verkäufe rasant an", berichtet Olav Hellesø-Knutsen, Eigentümer von Esato. Die Kunden bezahlen immer nur einen Klingelton, die verschiedenen Versionen gibt es gratis dazu. Wenn das mal kein Angebot ist, das Handy menschlich zu machen.