Harry Potter Alptraum der kleinen Buchhändler
London/Frankfurt am Main - Der 21. Juni - der Tag, an dem der fünfte Band über die Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter in den Läden erscheint - könnte als schwarzer Tag in die Geschichte des britischen Buchhandels eingehen. Schon jetzt unterbieten sich die großen Buchhandelsketten mit Dumpingpreisen, wie der Branchenreport "Langendorfs Dienst" am Dienstag berichtete. Besonders die kleinen Buchhandlungen geraten dadurch regelrecht in Bedrängnis.
"Die verkaufen das Buch mit Verlust", sagt ein Sprecher des britischen Buchhändlerverbands den großen Ketten nach. Auch der Potter-Verlag Bloomsbury ist sauer und spricht von einer Entwertung des Buches. Sein Sprecher beteuert, der Verlag habe auch Großkunden keine Rabatte gewährt.
Den Startschuss für den Preiskampf gaben der Online-Buchhändler Amazon.uk und der größte stationäre Händler WHSmith. Sie umwarben den neuen Harry-Potter-Band mit Rabatten in Höhe von 50 Prozent: Bei beiden kostet das 900 Seiten starke Werk umgerechnet 12,80 Euro. Nur wenig später legte der Supermarktkonzern Tesco noch eins drauf. Sein Preis: 11,50 Euro.
Preiskrieg ist auch in Deutschland spürbar
Der Abwärtsstrudel der Preise wird auch in Deutschland mit Sorge registriert. Nach Ansicht von Dieter Schormann, Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gefährdet der Preiskrieg gar das Produkt Buch als solches. "Für das Buch ist das überhaupt nicht gut, weil hier suggeriert wird, dass Bücher eine Leistung seien, für die man nichts mehr bezahlen muss". Kleinere Buchhandlungen könnten zudem im Wettbewerb nicht mithalten. "Nur die Großen profitieren", sagte der Buchhändler.
Aber nicht nur die Buchhandlungen, sondern auch der Hamburger Carlsen-Verlag, der die Lizenz für die deutsche Ausgabe hält, müssen Einbußen befürchten. In der vergangenen Woche erst ließ Carlsen dem Web-Buchhändler Amazon.de per einstweiliger Verfügung verbieten, die englische Version des fünften Harry-Potter-Bandes mit großzügigen Rabatten zu umwerben.
Internet-Buchhändler werden zur ernsthaften Konkurrenz
Hintergrund ist die Sorge des Carlsen-Verlags, der Internet-Buchhändler könnte ihm einen Großteil seines Deutschland-Geschäfts verderben, indem die ungeduldigen Leser mit der englischen Ausgabe versorgt. Wer die englische Originalversion in Deutschland vorbestellt, zahlt bei Amazon.de und Weltbild.de 16,80 Euro. Libri.de verlangt 19,99 Euro, Buchkatalog.de nennt als unverbindlichen Preis 24,90 Euro, wie Langendorf recherchiert hat.
Die Macht, mit der die Internet-Buchhändler das Buch auch auf den deutschen Markt drücken, wirkt sich für Carlsen umso gravierender aus, als die deutsche Übersetzung noch länger auf sich warten lässt, als ursprünglich geplant. Nach Angaben einer Carlsen-Sprecherin ist das Manuskript noch nicht zur Übersetzung freigegeben worden.