WÄHRUNG Hart machen
Wenn Bundesbank-Präsident Karl-Otto Pöhl von der Mark spricht, dann gerät er schnell ins Schwärmen.
Die deutsche Währung, lobt Deutschlands erster Mark-Wart, sei eine der härtesten Valuten der Welt: »Sie genießt international höchstes Ansehen und Vertrauen.«
Wirklich? Die Fakten sehen etwas anders aus. Vor drei Monaten begann der Kurs zu rutschen, anfangs noch langsam, zuletzt immer schneller. Am Freitag voriger Woche kostete ein britisches Pfund am Bankschalter bereits 4,68 Mark, ein US-Dollar 1,91 Mark und 100 japanische Yen 90 Pfennig.
Im Vergleich zum Jahresanfang hatte die Mark damit gegenüber dem Yen und dem Pfund rund 20 Prozent ihres Werts verloren; der Dollar wurde um acht Prozent teurer.
Selbst Gulden, Kronen und Franken gewannen hinzu. Im Europäischen Währungssystem (EWS) ist die Mark nun am schwächsten, gleichauf mit Italiens kränkelnder Lira. Der französische Franc hält gegenwärtig die Spitze in diesem Verbund der aneinandergekoppelten Währungen.
Der Umschwung wurde bislang nur auf den Wirtschaftsseiten der Gazetten registriert und von der Politik bislang noch ignoriert.
In drei Jahrzehnten hatten sich die Deutschen und das Ausland daran gewöhnt, daß die »Deutschmark« eine ungewöhnlich robuste Währung ist. Ihre Stärke schien logisch und auch ökonomisch unumstößlich. Denn die Deutschen hatten allzeit eine niedrige Teuerungsrate.
An der vergleichsweise geringen Inflationsrate hat sich, seltsam, auch gar nichts geändert. Während in der Bundesrepublik ein Preisauftrieb von kaum mehr als fünf Prozent gemessen wird, stürmen Amerikaner, Briten und Franzosen mit zweistelligen Inflationsraten davon. Selbst in Japan lag das Plus der Preise zuletzt bei knapp neun Prozent.
Entsprechend schwer tun sich die Experten, den widersinnigen Tiefgang der Mark zu ergründen.
Psychologisches und Politisches, so wird behauptet, hätten die Abwärtsbewegung ausgelöst. In Zeiten weltweiter Krise dränge auswärtiges Kapital nun mal zum vermeintlich sichersten Ort, also in die USA. Vor allem die geldreichen Opec-Staaten würden mit ihrer Anlagestrategie den Dollar härten.
Hinzu kommt das hohe Defizit der Deutschen in ihrer Leistungsbilanz und das große Zinsgefälle gegenüber den meisten anderen Ländern.
Weil die Bundesrepublik 1980 in ihrer Leistungsbilanz rund 30 Milliarden Mark Miese machen wird, scheint die Mark vielen Kapitalanlegern nicht sicher genug. Und weil im Ausland die Zinsen oft um etwa fünf Prozent höher liegen, ist eine Anlage in der Bundesrepublik potenten Kapitalanlegern nicht rentierlich genug.
In nahezu allen westlichen Industriestaaten halten Regierungen und Notenbanken die Zinsen gegenwärtig auf luftiger Höhe. Währungsexperte Hans-Eckart Scharrer vom Hamburger HWWA-Institut: »Die haben aus den Folgen der ersten Ölkrise von 1975 etwas gelernt.«
Damals hatten etliche Regierungen versucht, den Schub der Ölpreise mit Inflation aufzufangen. Amerikaner, Briten und Franzosen drehten den Ölscheichs ihre immer wertloser gewordenen Währungen an. Abwertungen sollten die außenwirtschaftlichen Defizite beseitigen, denn sie erleichtern die Exporte und erschweren die Importe.
Die Deutschen schlossen sich dieser Strategie nicht an. Die Mängel der Methode begründete die Bundesbank: Abwertungen steigern zunächst die Einfuhrpreise, damit aber die Verbraucherpreise, schließlich die Lohnkosten und dann auch die Ausfuhrpreise. Ein Loch in der Leistungsbilanz sei auf diese Weise dauerhaft kaum zu stopfen.
Diese Begründung leuchtete ein; die Deutschen, die glimpflich aus der ersten Ölkrise gekommen waren, fanden Nachahmer. Nun versuchen diverse Regierungen und Zentralbanken, ihre Währungen nach außen hin hart zu halten. Wenn die Ölländer sich schon nicht ein zweites Mal mit billigen Geldern übertölpeln lassen, dann sollen sie die Petrodollar doch wenigstens ins Herkunftsland zurückschleusen. So buhlen die Industriestaaten mit Spitzenrenditen um Devisen.
Dieser Zinswettlauf hat zwangsläufig einen Nebeneffekt: Die anhaltend hohen Zinsen kippen die Konjunktur, weil den einheimischen Verbrauchern und Investoren die Kreditaufnahme zu teuer ist. In England, Frankreich und in den USA suchen gegenwärtig knapp acht Prozent der Erwerbstätigen einen Job.
Die auf Stabilität fixierten Notenbanker aller Länder nehmen das Risiko einer Krise in Kauf. Auch die Deutsche Bundesbank stemmt sich mit aller Macht gegen eine Abwertung. Mehr als 15 Milliarden Mark haben die Frankfurter Währungshüter seit Jahresanfang im Ausland aufgekauft, um den Kurs zu stützen.
Das Mühen war bisher vergeblich, mit der Stützaktion wurde nur die Spekulation gefüttert: Fremdes Kapital fließt offensichtlich auch deshalb so zögernd in die Bundesrepublik, weil die Aussicht auf weiter fallende Kurse zum Abwarten reizt.
Dabei entspricht der Wechselkurs der Mark zu Franc, Pfund und Dollar schon längst nicht mehr der echten Kaufkraft. Gemessen an dem, was fürs Geld zu haben ist, wird die deutsche Währung viel zu billig gehandelt.
Bis die tatsächliche Kaufkraft der Währungen auf die Wechselkurse durchschlägt und der Trend vielleicht umgedreht wird, macht sich Bundesbank-Präsident Pöhl unverdrossen Mut: »Die Mark ist hart, und sie wird es auch bleiben.«