BUNDESPOST Harter Test
Einige arbeiten mit Büroklammern, andere mit einer Nagelfeile, manche suchen die Technik gar mit Ketchup außer Kraft zu setzen - viel Mühen jedenfalls für ein paar Groschen.
Für die Bundespost addieren sich diese Groschen zu stattlichen Beträgen. Mehr als zwölf Millionen Mark büßt der Staatsbetrieb jährlich durch zerstörte Geräte, durch aufgebrochene Geldbehälter in öffentlichen Telephonzellen sowie durch zahllose Tricks ein, mit denen faule Kunden kostenlos telephonieren.
Die unerwünschten »Sprechgäste« (Post-Deutsch für Telephonbenutzer) werden es bald etwas schwerer haben. Die Bundespost will öffentliche Fernsprecher einführen, die statt Kleingeld nur noch eine spezielle Wertkarte entgegennehmen. Die bargeldlosen Telephone, so hoffen die Postler, verleiten nicht mehr zum Raub. Die üblichen Tricks der Telephonstocherer ziehen nicht mehr.
Für zehn oder zwanzig Mark sollen die Plastikkarten in den Postämtern zu kaufen sein. Sie enthalten 45 oder 92 Gebühreneinheiten. Bei der 20-Mark-Karte bedeutet das einen bescheidenen Rabatt von 1,16 Mark.
Die Handhabung ist einfach. Der Kunde schiebt die Karte in die dafür vorgesehenen Telephonapparate ein, die verbrauchten Gesprächseinheiten werden von der Karte abgebucht. Restliche Einheiten zeigt der Apparat laufend an.
Bevor alle Einheiten verbraucht sind, 20 Sekunden vor Schluß, meldet sich der Apparat mit Flackern und Summen. Will der Kunde weitersprechen, muß er eine S.89 Taste drücken und eine neue Karte einschieben - die alte wird automatisch ausgespuckt.
Die Technik der neuen Wertkarte ist von ausgesuchter Raffinesse. Die Gebühreneinheiten sind in der Plastikkarte, die äußerlich einer Eurocheque-Karte ähnelt, in Form eines Hologramms gespeichert. Die Holographie wurde ursprünglich für die dreidimensionale Bildwiedergabe entwickelt, sie bietet jedoch auch die Möglichkeit, Daten beliebiger Art in großer Menge auf kleinstem Raum zu speichern.
Ein Infrarot-Laser in den Telephonapparaten tastet die Gebührendaten der Wertkarte ab und zerstört nach jeder vertelephonierten Einheit den entsprechenden Teil des optischen Kodes.
Das Verfahren ist jedoch aufwendig. Die Telephonapparate sind derzeit rund 50 Prozent teurer als die herkömmlichen Münzfernsprecher. Die Herstellung der Karte kostet rund eine Mark. Doch dafür gilt das Holographie-System als nahezu fälschungssicher.
»Bestimmte Zeitgenossen können auch die neueste Technik manipulieren«, heißt es im Bonner Postministerium. »Aber hier erwarten wir doch wesentlich weniger Ärger.«
Die Idee kam nicht von den Großen der Fernmeldeindustrie wie Siemens oder SEL, sondern von einem Außenseiter. In 15 Jahren entwickelte die Schweizer Firma Landis & Gyr, Spezialist für Elektrozähler, das Holographie-Gerät, das zunächst als moderne Variante für Münzstromzähler gedacht war.
Das Prinzip ließ sich mühelos auf das Telephon übertragen. Inzwischen experimentieren Postverwaltungen in Schweden, Belgien, Frankreich, Spanien, S.91 Österreich und der Schweiz mit dem Wertkarten-System. Die britische Telephongesellschaft Telecom will nach einem erfolgreichen Test bereits einige zehntausend Apparate bestellen.
Die Hologramm-Speicher sind den üblichen Magnetstreifen, wie sie bei den Karten für die Geldausgabe-Automaten der Banken verwendet werden, überlegen. Die magnetischen Speicher sind leichter manipulierbar und durch elektrische Störfelder leicht zu zerstören.
Doch auch die Hologramm-Karte ist schon längst nicht mehr der neueste Stand der Technik. Noch raffinierter ist die Chip-Karte, ein superflacher elektronischer Speicher. Sie kann ohne Schwierigkeiten mit ihrem großen Bruder, einem Computer, in Dialog treten.
Die Chip-Karte ist immer wieder programmierbar und für eine Vielzahl von Aufgaben zugleich einsetzbar, als Kreditkarte im Supermarkt oder an der Tankstelle ebenso wie in der Bank oder beim Telephonieren. Allerdings müßten sich dann erst einmal alle Beteiligten auf einheitliche Normen einigen.
»Auf längere Sicht«, prophezeit Eberhard Schröther vom Postministerium, werde sich »für öffentliche Fernsprecher die Chip-Karte gegenüber der Hologramm-Karte durchsetzen«.
Wenn die Kundschaft mitmacht. Die Post will zunächst einmal die Wertkarten-Telephone als zusätzlichen Service an häufig benutzten Zellen einführen. Keinesfalls sollen alle 126 400 Münzfernsprecher durch die bargeldlosen Automaten ersetzt werden.
In Frankfurt, wo die Post im Frühjahr 30 Wertkarten-Telephone installiert, wird das neue System zunächst einem harten Test unterworfen: Fast ein Viertel aller demolierten öffentlichen Fernsprecher der Bundesrepublik steht im Frankfurter Bahnhofsviertel.