US-WIRTSCHAFT Hartnäckig gut
Die Nachrichten über Wirtschaft und Währung waren viel zu gut, um dem Präsidenten recht zu sein.
Da wuchs die US-Wirtschaft in den ersten drei Monaten dieses Jahres mit der Boom-Rate von 6,5 Prozent. Da stiegen die Verbraucherpreise im März nur noch um 7,5 Prozent (auf Jahresbasis), S.135 nachdem sie im Februar noch um 12,1 Prozent steil nach oben gegangen waren.
Da schrumpfte das Defizit in der Handelsbilanz vom vierten Quartal 1980 zum ersten Quartal 1981 um rund 40 Prozent auf 3,7 Milliarden Dollar. Da stand der Dollar vergangene Woche an den Kurstafeln der internationalen Devisenhändler mit über 2,26 Mark so hoch wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr.
Nach den Worten Ronald Reagans und seiner Berater dagegen müßte Amerikas Wirtschaft eigentlich schon fast am Ende sein.
»Wir sind in der tiefsten ökonomischen Patsche seit der Großen Depression«, hatte der neue Mann im Weißen Haus in einer Fernsehrede zu Beginn des Jahres geklagt. Und seine Gefolgsleute Jack Kemp und David Stockman hatten den USA zuvor sogar ein »ökonomisches Dünkirchen« prophezeit, falls keine radikal neuen Heilmittel angewandt würden.
Mit drastisch gesenkten Steuern wollten die Reagan-Ökonomen der vermeintlich lahmenden Wirtschaft zu neuem Schwung verhelfen. Durch niedrige Staatsausgaben sollte die Privatinitiative zusätzlichen Spielraum erhalten.
Stände es um Amerikas Wirtschaft tatsächlich so schlecht, wie der Präsident und seine Berater stets glauben machen wollten, hätte Reagans Steuer-Plan die allerbesten Chancen, den Kongreß zu passieren. Nach den Erfolgs-Meldungen der vergangenen Wochen aber scheint die Kur entbehrlich, wenn nicht sogar höchst gefährlich.
Denn durch das Steuerkürzungs-Programm (Senkung der Einkommensteuer um 30 Prozent binnen dreier Jahre) könnte die Konjunktur viel zuviel Schub erhalten. Die Inflation würde schon bald wieder mit zweistelliger Rate traben.
Die hartnäckig gute US-Konjunktur bringt nicht nur die Möchtegern-Sanierer der Reagan-Administration in Verlegenheit. Sie paßt auch den Europäern -- allen anderen voran den Deutschen -- nicht ins wirtschaftspolitische Konzept.
Solange die amerikanische Wirtschaft nämlich nicht deutlich in die Rezession abkippt, hat Washingtons Zentralbankrat, der Federal Reserve Board, zu fürchten, daß die Inflationsmentalität der Amerikaner ungebrochen ist. Die amerikanische Zentralbank kann daher nicht die exorbitant hohen Zinsen senken, mit denen die Zentralbankiers vor allem Amerikas Verbrauchern die Lust auf Ratenkäufe auszutreiben suchen.
Die hohen US-Zinsen wiederum zwingen die Europäer, ihre Zinsen ebenfalls hochzuhalten. Andernfalls würde das Kapital, das sie zur Finanzierung ihrer Leistungsbilanz-Defizite benötigen, in höher verzinsliche Dollar-Anlagen fließen und den Kurs der US-Währung noch höher treiben, als er ohnehin schon ist.
So hängt die deutsche Konjunktur mittlerweile derart stark durch, daß ihr nach Meinung vieler Wirtschaftsexperten nur durch niedrigere Zinsen zu helfen ist. Aber aus außenwirtschaftlichen Gründen wagt die Deutsche Bundesbank es nicht, ihre strikte Geldpolitik zu lockern und damit weitere Währungsabflüsse zu provozieren.
Dieses Zins-Dilemma verschärfte sich vergangene Woche noch, nachdem die neuesten amerikanischen Geld-Statistiken veröffentlicht worden waren. Aus diesem Zahlenwerk ging nämlich hervor, daß sich die Amerikaner im April weit stärker verschuldet hatten, als der um Stabilität bemühte Federal S.136 Reserve Board für zulässig halten kann.
Prompt hob der Zentralbankrat den Diskontsatz -- den Zins, den die Geschäftsbanken für die Aufnahme von Wechselkrediten bei der Notenbank zu zahlen haben -- um einen vollen Punkt auf die neue Rekord-Marke von 14 Prozent an. Großbanken, die sich sehr häufig durch den Verkauf von Wechseln an die Zentralbank Geld beschaffen, müssen fortan sogar einen von drei auf vier Prozent erhöhten Zusatz-Zins zahlen.
Die Geschäftsbanken wiederum erhöhten die sogenannte Prime Rate -den Zins, den sie ihren besten Kunden berechnen -- von 18 auf 19 Prozent. Der Kurs des Dollar zog gegenüber fast allen anderen Währungen an, weil jetzt Dollar aus aller Welt zur Anlage nach Nordamerika fließen.
Reagan-Ökonomen, denen die florierende Wirtschaft nicht ins politische Konzept paßt, sowie ausländische Wirtschaftspolitiker können nun nur darauf hoffen, daß die bislang so widerstandsfähige US-Konjunktur durch diesen neuen Zins-Schub endlich abgewürgt wird. Denn bei anschließend sinkenden US-Zinsen hätten die Ausländer den Spielraum, die eigene Wirtschaft wieder anzukurbeln.
Und Reagan könnte dann endlich den Kampf gegen »einen wirtschaftlichen Notstand von gewaltigen Proportionen« aufnehmen.