Hartz-IV-Berater "Der Osten ist kein Krisengebiet"
Berlin - Im ZDF-"Morgenmagazin" sagte Platzeck, ihm sei die Spucke weggeblieben, als er am Mittwoch von den Plänen erfahren habe, Beamte der Servicegesellschaft Vivento aus dem Westen mit einer Gehaltszulage in die neuen Bundesländer zu entsenden. Es gebe in Ostdeutschland selbst genügend Arbeitslose, die zum Teil sehr gut ausgebildet seien, sich auskennten und wüssten, wo den Leute der Schuh drückt, fügte der SPD-Politiker hinzu. Man frage sich ja, wo man hier lebe. "Der Osten Deutschlands ist schließlich nicht mit Krisengebieten zu vergleichen, in denen man ohne Sonderzulage nicht arbeiten kann."
Deshalb sei er froh über die Signale, dass man von dem Vorhaben nun doch Abstand nehme und für die Beratung beim Ausfüllen der Fragebögen zum Arbeitslosengeld II Leute aus dem Osten nehmen wolle. Zielgruppe seien schließlich Menschen, die mit den Unterlagen nicht klarkämen und Ängste hätten. "Das kann von gut ausgebildeten Menschen hier genauso sinnvoll geleistet werden wie aus den alten Bundesländern, vielleicht sogar noch besser", fügte Platzeck hinzu. Offenbar gebe es in manchen Etagen noch immer zu wenig Verständnis dafür, wo die Probleme im Osten wirklich lägen. Um die immer noch große Entfernung im Denken wie auch im Handeln zu überwinden, könne er nur empfehlen, öfter mal rüberzugucken. Der ganze Vorgang sei eine Unerhörtheit und müsse nunmehr endgültig und für immer der Vergangenheit angehören.
Nach einer Welle des Protests der politisch Verantwortlichen in Ostdeutschland hatte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums angekündigt einzulenken. Die Bundesagentur für Arbeit und die Telekom seien inzwischen gebeten worden, auch den Einsatz von Mitarbeitern aus Ostdeutschland zu ermöglichen. Bisher sei das nicht möglich gewesen, weil auf dem Wege der Amtshilfe nur Beamte eingesetzt werden könnten, die es aber im Osten nicht gegeben habe. Dieses Vorgehen solle nun überprüft werden. Das Ministerium nehme die Kritik ernst, betonte die Sprecherin.
Auch die Deutsche Telekom hat angeboten, die umstrittene Entsendung von 800 Westbeamten zur Unterstützung ostdeutscher Arbeitsämter zu beenden und stattdessen ostdeutsche Angestellte einzusetzen. Sollte die Bundesagentur für Arbeit das Anforderungsprofil ändern, sei die Telekom sehr flexibel, sagte das für Personal zuständige Vorstandsmitglied Heinz Klinkhammer der "Financial Times Deutschland". "Wir haben viele hoch qualifizierte Verwaltungsfachangestellte in Vivento aus den neuen Bundesländern, die wir gerne einsetzen würden", wird er zitiert. Die Bundesagentur habe bislang ausdrücklich Beamte gefordert, sagte Klinkhammer.