Hartz IV im Supermarkt: "Wir leben das Wort Agentur" - DER SPIEGEL
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Hartz IV im Supermarkt "Wir leben das Wort Agentur"

Der Rücklauf der Anträge für das Arbeitslosengeld II läuft schleppend an. Deswegen wendet sich die Hamburger Agentur für Arbeit mit einem speziellen Service in ihre Kunden: Sie können ihre Formulare jetzt im Supermarkt abgeben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - "Wir sind für Sie da" steht an der kleinen Servicestelle geschrieben. Hinter der Glastür erwartet den Besucher ein etwa 20 Quadratmeter großer Raum, ausgelegt mit einem roten Teppich, bestückt mit zahlreichen Informationsbroschüren und einem schlichten Schreibtisch samt freundlich lächelndem Berater. In einer nach eigenen Aussagen bundesweit bislang einmaligen Aktion geht die Hamburger Agentur für Arbeit neue Wege bei der Bearbeitung der Anträge zum viel diskutierten Arbeitslosengeld II, kurz ALG II.

Inmitten des Einkaufszentrums "Quarree Wandsbek" im Hamburger Osten, gleich zwischen Obst- und Gemüseverkäufer, Schuh- und Buchhandel, Damen- und Herrenausstatter, können Antragssteller für das ALG II seit Donnerstag ihre Formulare einreichen. Wie ganz Deutschland kämpft auch die Metropole Hamburg mit der geringen Rücklaufquote dieser Anträge. "Derzeit sind erst etwa 25 Prozent bei uns eingegangen. Das ist entschieden zu wenig", beklagt Gerhard Naucke von der Agentur für Arbeit des Bezirks Wandsbek. "Wenn das so weitergeht, bekommen wir große Bearbeitungsschwierigkeiten und die Leute Anfang Januar nicht pünktlich ihr Geld."

Galaktisches Behördentempo

Um das zu verhindern, habe die Agentur in einem für Behörden "galaktischen Tempo" das Servicecenter ins Leben gerufen. "Erst vor gut zehn Tagen wurde die Idee geboren, bereits nach 24 Stunden hatten wir die Räumlichkeiten gefunden und die Kostenfrage mit der Verwaltung geklärt", sagt Naucke. Maler, Teppichleger und Möbellieferant erledigten kurz vor der Eröffnung den Rest. "Wir leben das Wort Agentur."

Mit dem Center Management des Einkaufszentrums wurde vereinbart, dass die Agentur für Arbeit lediglich die Betriebskosten für Strom, Heizung und Reinigung übernehmen muss. "Das kommt uns sehr entgegen, weil wir natürlich nicht viel Geld zur Verfügung haben", sagt Naucke.

Für typische Spätabgeber

Das Konzept scheint bereits in den ersten Stunden aufzugehen, wie Sassan Dibadj bestätigt. Er ist einer von rund 20 Mitarbeitern, die in den kommenden drei Monaten wochentags von 10.00 bis 16.00 Uhr in der Servicestelle abwechselnd rund um das Thema Hartz IV und Arbeitslosengeld II beraten werden: "Wir waren schon seit 8.30 Uhr vor Ort, um dem Raum den letzten Feinschliff zu geben, haben noch einmal durchgesaugt und alles zurechtgerückt. Bis 10 Uhr, also noch vor der offiziellen Eröffnung, waren schon zehn Kunden hier."

So auch ein Antragsteller, der ganz in der Nähe des "Quarrees" wohnt: "Ich bin ein typischer Spätabgeber, insofern hilft mir diese Servicestelle sehr", gesteht er. "Ich habe zu Hause angefangen, den Antrag auszufüllen und hier gemeinsam mit dem Berater alles fertig gestellt - eine wirklich nützliche Einrichtung." Eine andere Ratsuchende wurde durch die lokalen Medien auf die Zweigstelle aufmerksam: "Ich hatte noch so viele Fragen, die mich beschäftigt haben und die mir hier prima beantwortet wurden. Jetzt bin ich sehr erleichtert."

"Wir müssen den Leuten die Angst nehmen und sie dazu bewegen, ihre Anträge so früh wie möglich einzureichen. Und das schaffen wir, indem wir dorthin gehen, wo sich unsere Kunden auch aufhalten", begründet Naucke die Initiative im Einkaufszentrum "Quarree Wandsbek". Immerhin kommen täglich bis zu 40.000 Menschen hierher. Erweist sich das Pilotprojekt in den kommenden Wochen als Erfolg, haben bereits weitere Bezirke der Stadt ähnliche Wege signalisiert.

Jana Werner, ddp