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AUTOINDUSTRIE Hat einiges vor

Daimler-Benz-Chef Joachim Zahn muß hilflos zusehen, wie sich VW und der Lastwagenkonzern MAN gegen die Interessen von Mercedes verbünden.
• aus DER SPIEGEL 19/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stundenlang verhandelten die Vorstandsvorsitzenden der beiden größten deutschen Autofabriken zäh und diskret. Am Ende gingen Daimler-Benz-Chef Joachim Zahn und VW. Chef Toni Schmücker auseinander, ohne einander nähergekommen zu sein.

Ihr sorgsam geheimgehaltenes Treffen galt einem neuen Daimler-Projekt. Entgegen den feinen Bräuchen des Hauses ("Ein Mercedes ist kein Lieferwagen"> wollen die Stuttgarter ihre Anfang 1976 vorgestellte »kleine Klasse« der Baureihe 200 bis 280 E durch eine Kombiversion ergänzen.

Und weil die eigenen Fertigungskapazitäten in Untertürkheim auf Monate ausgebucht sind, offerierten die Daimler-Manager den Kollegen des in einzelnen Betrieben noch unterbeschäftigten Volkswagenkonzerns ein verlockendes Geschäft: Der Mercedes-Kombi, eröffneten sie den Wolfsburgern, könne durchaus im VW-Werk Neckarsulm montiert werden.

So gelegen Schmücker das Angebot kam -- der VW-Chef hatte sich 1975 darauf festgelegt, die unrentable Fabrik nicht zu schließen -- so reserviert reagierte der VW-Vorstand, als die Daimler-Emissäre zum zweiten Teil ihres Vorschlags kamen. Vage und verblümt nämlich legten die Unterhändler nahe, Volkswagen möge den lukrativen Lohnauftrag mit einer Gegenleistung honorieren: Wolfsburg sollte allen Kooperationsplänen mit dem Lastwagenkonzern MAN abschwören.

Erst wenige Wochen zuvor hatte sich Westdeutschlands größter Pkw-Produzent mit dem nach Daimler zweitgrößten Lastwagen-Bauer auf ein gemeinsames Programm geeinigt. Mittelschwere Brummer von vier bis acht Tonnen Gesamtgewicht sollten gemeinsam entwickelt, gebaut und vertrieben werden.

Der Handel versprach beiden Partnern Nutzen: MAN kann zwar ein attraktives Programm von Schwerlastern auffahren. Doch bei den marktgängigen Leicht- und Mittelgewichten hapert es. Der Versuch, Autos der französischen Marke Saviem mit kleinen Änderungen als MAN-Fabrikate auszugeben, kam beim Publikum nicht an. Folge: Große Firmen, die ihren Fuhrpark aus Kostengründen am liebsten mit Autos eines Fabrikats bestücken, konnten sich nur bei Mercedes eindecken.

Der MAN gefiel überdies, was die Wolfsburger bedrückt. Während die Süddeutschen ihre Fabriken voll ausgelastet haben, haben die Wolfsburger noch immer brachliegende Fertigungskapazitäten. Zudem konnten sie sich Vorteile vom weltweiten Vertriebsnetz und dem internationalen Renommee des VW-Konzerns versprechen.

Den Wolfsburgern erschien die Partnerschaft zumindest ebenso verlockend. Sie werden ihr im vergangenen Jahr eingeführtes Großtransporter-Modell »LT« endlich durch kräftigere Transporter ergänzen und vom technischen Know-how des erfahrenen Lastwagen-Produzenten profitieren.

Denn entgegen den optimistischen Erwartungen der Norddeutschen hatte ihre LT-Baureihe mit langwierigen Startproblemen zu kämpfen. Zunächst verzögerten technische Probleme mit dem nach englischen Lizenzen gefertigten Dieselmotor den Start des LT-Programms, dann stockte bei etlichen VW-Händlern der LT-Absatz, weil die eingefleischten Kleinwagenverkäufer mit dem sperrigen Großtransporter nicht recht fertig wurden.

Kaum hatten die Wolfsburger diese Pannen ausgebügelt und sich zur Allianz mit MAN entschlossen, rührte sich Daimlers Zahn. Der überaus vorsichtige und penible Titel-Professor kündigte unversehens an, seine Firma sei »um eine sinnvolle Kapazitätsausweitung bemüht«, denn sie habe »im Programm noch einiges vor«. Insbesondere das kaum noch zur Hälfte ausgelastete VW-Werk in Neckarsulm sollte nach seinen Andeutungen von dem Einigen einiges abbekommen.

Neben der Kombi-Produktion, ließen die Stuttgarter wissen, kämen auch andere Aufträge durchaus in Betracht. So könnten die Neckarsulmer -- sofern sie sich des Daimler-Vertrauens würdig erwiesen -- später auch an der Produktion eines neuen, aus der kleinen Baureihe abgeleiteten Mercedes-Coupes beteiligt werden.

Den Volkswagen-Managern waren diese Angebote einige Verhandlungsrunden wert -- bis sie schließlich herausfanden, daß Zahn und seine Kollegen es nicht zuletzt darauf angelegt hatten, die Allianz MAN-Volkswagen zu behindern.

Das allerdings mochten die VW-Unterhändler nicht hinnehmen. Noch in diesem Jahr nämlich soll der Pakt mit MAN perfekt gemacht werden, um endlich dem Konzern, der als einziger der großen internationalen Autokonzerne keine Lkw-Fabriken besitzt, die Fahrt in das zukunftsträchtige Geschäft mit den dicken Brummern zu öffnen -- selbst um den Preis einer Verstimmung in der Daimler-Chefetage.

Die jahrelang eingeübte strikte Abgrenzung der Märkte und Interessensphären gilt in Wolfsburg ohnehin nicht mehr viel. Noch in diesem Jahr wollen sie ihr neuestes Modell, den Audi 120, gegen Daimlers kleine Klasse antreten lassen.

Insbesondere bei den verläßlichsten Mercedes-Kunden soll das Flaggschiff des Konzerns landen: Behörden und Regierungen, meinen die VW-Absatzstrategen, werden die mit vergleichbarer Ausstattung aber niedrigerem Preis angebotenen Luxus-VWs schon bald den Autos vom guten Stern vorziehen.

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