US-UNTERNEHMEN Hauptsache groß
Die ersten Hinweise, dass auf der Chefetage von WorldCom ein ungewöhnlich laxer Umgang mit Zahlen gepflegt wurde, tauchten Anfang Februar auf. Da musste der Vorstand des Telefongiganten etwas kleinlaut einräumen, dass er seinem Vorsitzenden, dem WorldCom-Gründer Bernard Ebbers, 340 Millionen Dollar aus der Firmenkasse geliehen hatte.
Wenige Wochen später hieß es dann, auch die Börsenaufsicht beginne sich nun für das seltsame Finanzgebaren in der Konzernspitze zu interessieren. Im April folgte erst eine dramatische Gewinnwarnung und schließlich der Rücktritt von Ebbers, den alle in der Industrie bis dahin nur »Bernie« genannt hatten.
Amerikas Finanzgemeinde war also nicht komplett überrascht, als sich am Dienstagabend vergangener Woche andeutete, dass es bei WorldCom wieder mal Probleme gab. Doch was dann kam, verschlug selbst hartgesottenen Börsianern für einen Moment die Sprache: Um insgesamt 3,8 Milliarden Dollar hat der Telefonkonzern in den vergangenen eineinhalb Jahren seine Bücher frisiert, der größte Fall von Bilanzbetrug in der neueren Wirtschaftsgeschichte Amerikas.
Langsam gehen den Kommentatoren die Superlative aus. Gerade noch galt der Kollaps des Energieriesen Enron als beispielloser, nie da gewesener Finanzskandal. Im Wochentakt hagelt es mittlerweile Meldungen über Unternehmen, bei denen die Vorstände die Anleger belogen, betrogen und nach Strich und Faden ausgenommen haben.
Präsident George W. Bush persönlich, gerade zum G-8-Gipfel ins kanadische Alberta gereist, richtete nun, nach dem jüngsten Firmendesaster, das Wort an die Nation: »Wir werden diejenigen zur Rechenschaft ziehen«, versprach er seinen Landsleuten, die für diese »absolut empörenden Vorgänge« verantwortlich seien. Den gleichen Satz hatte Bush schon einmal gebraucht - als er den Bürgern versicherte, dass die Regierung entschieden gegen Terroristen und deren Helfershelfer vorgehen werde.
Außergewöhnlich am Fall WorldCom ist nicht nur die Höhe der Summe, um die der Konzern seine Bilanzen schönte. Beeindruckend ist auch die Dreistigkeit, mit der das Unternehmen die Bücher fälschte. Während sich der Enron-Vorstand über die Jahre in immer kompliziertere Finanztransaktionen verstrickte, die zwar in der Summe halsbrecherisch, möglicherweise aber durchaus legal waren, bedienten sich die Verantwortlichen bei WorldCom eines Taschenspielertricks, der eindeutig den Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung erfüllt. Sie verbuchten einfach Ausgaben, die im normalen Geschäftsgang anfielen, als Investitionen; eine simple Rechenoperation, die die Verluste aus 2001 und dem ersten Quartal 2002 in einen stattlichen Gewinn verwandelte.
Die Manipulation fiel bei einem Routinecheck der Bücher auf, den der neue Vorstandsvorsitzende John Sidgmore nach seiner Amtsübernahme angeordnet hatte. Zwar ist es jedem Unternehmen aus gutem Grund erlaubt, zwischen laufenden Kosten und Investitionen zu unterscheiden. Letztere können dann über mehrere Jahre abgeschrieben werden, was für Firmen den Vorteil hat, dass beispielsweise der Kauf einer neuen Fabrik oder Fertigungsanlage das Betriebsergebnis nicht über Gebühr belastet.
Aber im Bilanzrecht ist klar definiert, dass nur den Unternehmenswert langfristig steigernde Aufwendungen abschreibungsfähig sind. Und so gibt es eben auch keinen Zweifel, dass es alles andere als rechtmäßig war, knapp vier Milliarden Dollar für so genannte line costs, also Gebührenzahlungen an lokale Endkundenversorger, als Investitionen zu verbuchen.
Wie schon beim Niedergang von Enron, so endet nun auch mit dem Zusammenbruch von WorldCom auf unrühmliche Weise eine der großen Erfolgsgeschichten der wilden Börsenboomjahre. 1983 von dem Kanadier Ebbers und drei seiner Freunde in Hattiesburg, Mississippi, gegründet, war die Firma von einem lokalen Telefondienst-Discounter zum zweitgrößten Kommunikationskonzern der USA aufgestiegen. Nur das Traditionsunternehmen AT&T lag zuletzt noch vorn.
Ebbers, der mit seiner Vorliebe für Cowboystiefel und das raubeinige Landleben zunächst so gar nicht in das Bild vom Hightech-Entrepreneur passen wollte, verkörperte dabei wie wenige andere ein Geschäftsmodell, das sich am Besten mit dem Satz »size does matter«, Größe macht's, beschreiben lässt.
Mehr als 70 Konkurrenten verleibte sich der ehemalige Basketball-Trainer über die Jahre ein. Der größte Coup gelang ihm 1997 mit der Übernahme des Festnetzbetreibers MCI, den er der British Telecom vor der Nase wegschnappte, indem er die Offerte der Briten einfach um neun Milliarden Dollar überbot. Zu Terminen an der Wall Street brachte Ebbers gern Tafeln mit, die den Aktienkurs zeigten, ein Plus von 7000 Prozent in wenigen Jahren. »Noch Fragen?«, sagte Ebbers dann.
Wie riskant die Strategie war, die allein auf stetiges Wachstum setzte, zeigte sich, als WorldCom so groß war, dass es nichts mehr zu kaufen gab. Die Übernahme der Nummer drei der Branche, des Mobilfunkanbieters Sprint, scheiterte im Sommer 2000 am Einspruch der Kartellwächter. In diese Zeit fällt offenbar auch die Entscheidung des Finanzvorstandes, die Buchhaltung zu nutzen, um den Erwartungen der Wall Street gerecht zu werden - und einen weiteren Kursrutsch aufzuhalten.
Denn um handlungsfähig zu bleiben, brauchte WorldCom eine ordentliche Börsenbewertung. Seine Zukäufe hatte das Unternehmen ja nicht mit Überschüssen aus dem laufenden Geschäft bezahlt, sondern über den Tausch von Aktien und mit gewaltigen Krediten, die wiederum mit Aktien gesichert waren.
Es ist vor allem dieser Schuldenberg, 33 Milliarden Dollar nach neuesten Schätzungen, der WorldCom nun zu ersticken droht. Der Konzern hat jede Kreditwürdigkeit eingebüßt, seine Schuldverschreibungen wurden gerade auf den Status von »junk bonds«, also Müllpapiere, herabgestuft. Die Börsenaufsichtsbehörde hat die Konzernleitung in Erwartung eines Bankrotts aufgefordert, keine Ve rmögensteile ohne Genehmigung zu veräußern. 17 000 Mitarbeiter werden jetzt entlassen, gut 25 Prozent der Belegschaft.
Über 150 Milliarden Dollar an Anlegervermögen hat der Kollaps der Telefonfirma schon vernichtet, auch das ist ein einsamer Rekord. Ein klares Wort der am Debakel Beteiligten erhoffte sich die Börsenwelt vergangene Woche allerdings vergebens. Ebbers Nachfolger Sidgmore sagte, er sei ebenso schockiert wie die Öffentlichkeit. Der langjährige Finanzvorstand Scott Sullivan, der als Mastermind hinter den Fehlbuchungen vermutet wird, ist erst einmal abgetaucht. Auch Ebbers selbst war nicht zu erreichen.
Und dann gibt es da natürlich noch die Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen, die alle Zahlen abnickten und sich dennoch unschuldig fühlen. Aber das spielt im Grunde keine Rolle mehr, da die Wirtschaftsprüfungsfirma bereits klinisch tot ist. Zum 31. August wird Arthur Andersen, wegen seiner Beteiligung am Enron-Skandal gerade zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, alle Beratungstätigkeit einstellen.
Eine Genugtuung immerhin bleibt den geprellten Investoren: Anders als Enron-Chef Kenneth Lay, der zusammen mit seinen Vorstandskollegen rechtzeitig zig Millionen auf eigene Konten in Sicherheit brachte, ist Ebbers finanziell ruiniert. In den vergangenen Wochen musste er bereits seine geliebte Yacht verkaufen.
Nun kommt auch seine Farm unter den Hammer - mit 4000 Quadratkilometern Grundfläche und 20 000 Stück Vieh die, wie sollte es anders sein, größte Privatranch in Kanada. JAN FLEISCHHAUER