RAUMFAHRT Hecheln hinterher
In Begleitung vieler Minister und mit großem Gepränge reiste Bundeskanzler Helmut Kohl am vorvorigen Donnerstag zur Feier der deutsch-französischen Freundschaft nach Paris. Ganz vorn auf den Jubelphotos stand auch diesmal wieder Finanzminister Gerhard Stoltenberg.
Doch der lächelte bei dem Treffen mit den französischen Freunden von Mal zu Mal verkniffener in die Kameras: Die hochfliegenden gallischen Pläne, mit Geldhilfe der Deutschen für Europa den Weltraum zu erobern, drücken den Bonner Finanzchef schwer.
Bei seinen Gesprächen mit Industrieminister Alain Madelin hatte Forschungsminister Heinz Riesenhuber die neuesten Kalkulationen über die ehrgeizigen Projekte im All erfahren. Das Zahlenwerk verdient wahrlich die Bezeichnung Hochrechnung.
Gegenüber den letzten Schätzungen vom Herbst 1986 sind die Kosten aller drei Vorhaben explosionsartig um 40 bis 50 Prozent in die Höhe geschossen. Die neue Rechnung aus Paris sieht nun so aus: *___Die Teilhabe der Europäer an der ständigen, bemannten ____US-Raumstation mit einem eigenen europäischen Segment ____namens Columbus kostet statt 6,2 Milliarden Mark ____plötzlich 8,8 Milliarden (beschlossener deutscher ____Anteil: 38 Prozent); *___die neue europäische Trägerrakete Ariane-5, bislang ____ebenfalls mit 6,2 Milliarden Mark veranschlagt, ____klettert wie Columbus auf 8,8 Milliarden Mark ____(beschlossener deutscher Anteil: 22,5 Prozent); *___der unter französischer Führung geplante ____Raumtransporter Hermes verteuert sich von 6,5 ____Milliarden Mark auf gleich 9,7 Milliarden (geplanter ____deutscher Anteil: 30 Prozent).
Mit einem solchen Kostenschub haben die Bonner nicht gerechnet. Nun rächt es sich, daß Kanzler Kohl und sein Forschungsminister Heinz Riesenhuber ihre Raumplanung ohne jedwedes Konzept betreiben. Blind haben sie sich immer tiefer in das Abenteuer der bemannten Weltraumfahrt hineintreiben lassen; _(Mit dem Modell einer Weltraumstation. )
Stoltenberg wird, da kann er sich noch so sträuben, die Milliarden von 1989/90 an herausrücken müssen, just dann, wenn er eigentlich alles Geld für seine Steuerreform braucht. Die Weltraumkosten werden den Forschungsetat dann ähnlich stark belasten wie Anfang der achtziger Jahre der Nuklear-Block.
Schon jetzt sorgt die Debatte über die Fahrt ins All für Zwist unter den Europäern und für Streit der Deutschen mit den Amerikanern.
Für die Bonner hatte das Raum-Debakel auf dem Londoner Weltwirtschaftsgipfel von 1984 begonnen. Mit der ihm eigenen Theatralik lud US-Präsident Ronald Reagan damals Europäer, Japaner und Kanadier ein, sich mit eigenen Teilen an einer ständig bemannten Weltraumstation zu beteiligen. Die Station sollte natürlich ausschließlich »zivilen Charakter« haben und nur »friedlichen Zwecken« dienen.
Eine Debatte über die Frage, ob Milliarden-Ausgaben für das Aussetzen von Menschen im Weltraum sinnvoll seien, haben die Bonner Regierenden nie geführt. Vielleicht wären sie dann darauf gestoßen, daß die teure Raumfahrt mit Menschen eine fragwürdige Veranstaltung ist; daß sich die meisten Forschungsaufgaben im All weitaus billiger von perfektionierten Raum-Robotern erledigen lassen.
Die Regierung Kohl beschloß ganz einfach im Januar 1985, für den europäischen Teil der US-Station, Columbus genannt, den Löwenanteil zu zeichnen. Ausschlaggebend waren vor allem außenpolitische Gründe. Man wollte die US-Freunde nicht verprellen.
Von Forschungsminister Heinz Riesenhuber war damals lediglich zu vernehmen, allein »forschungspolitisch« seien die zu erwartenden Ausgaben nicht zu begründen. Die halbherzige Abwehr diente dem Zweck, bei Stoltenberg zusätzlichen Mittelbedarf für die mit den Franzosen angepeilten Raum-Kunststücke anzumelden.
Fast zwei Jahre lang stritten die Europäer sich dann mit den Amerikanern über die Nutzung der Patente, über Kompetenzen auf Erden und im Himmel. Der Krämergeist bemächtigte sich des Projekts, auf beiden Seiten.
Anfang dieses Jahres gaben die Amerikaner diesem Kleinkrieg eine neue Dimension. Caspar Weinberger, Verteidigungsminister mit fein konturiertem Kommunisten-Feindbild, beanspruchte die Raumstation auch für militärische Experimente.
Diese Forderung erschreckte alle Partner Washingtons, besonders aber den weltraumbegeisterten Bonner Außenminister Hans-Dietrich Genscher, einen entschiedenen Gegner von Reagans Plänen der Weltraumaufrüstung (SDI).
Genscher sah die Republik vor schrecklichen außenpolitischen Komplikationen. Sie lief plötzlich das Risiko, sich durch die Finanzierung von Columbus indirekt an SDI zu beteiligen und neuen Ärger mit Moskau einzuhandeln.
Die Deutschen, wie die anderen Europäer, wehrten sich gegen Weinbergers Ansinnen, wie es schien, mit Erfolg. Von einem Treffen mit den US-Unterhändlern am 13. und 14. Mai kabelten Bonns Vertreter aus Washington ans Auswärtige Amt, der US-Falke Weinberger sei gestoppt. Die USA seien einverstanden, im Columbus-Abkommen nur »Schlüsselbegriffe« wie »zivile Station« und »friedliche Zwecke« zu verwenden.
Die Siegesmeldungen der deutschen Unterhändler sind schwer mit der Faktenlage in Einklang zu bringen. Zwar wird die Zulässigkeit militärischer Experimente im Abkommen, entgegen Weinbergers Absichten, nicht ausdrücklich festgeklopft. Doch vereinbart ist schon jetzt eine »Bestätigung im Verhandlungsprotokoll« oder ein »Briefwechsel der Delegationsleiter«, der ausweist, »daß dies nicht jede Nutzung für nationale Sicherheit ausschließt«.
Damit ist klar: Weinberger hat sein Ziel erreicht. Es bleibt bei der Linie, die
der Washingtoner Verteidigungsminister am 7. April 1987 in einem Brief an George Shultz, den Kollegen Außenminister, skizziert hatte: »Wir haben bereits«, heißt es in dem Schreiben, »Konzeptstudien über eine mögliche Nutzung der Raumstation durch das Verteidigungsministerium in Auftrag gegeben. Wir werden unsere Pläne konkretisieren, sobald das Programm Fortschritte macht.«
Trotz dieses klaren Erfolgs, den die US-Falken errungen haben, bleibt Riesenhuber ruhig. Früher hatte er stets betont, die Station könne entweder militärisch oder zivil genutzt werden, eine Mischform dürfe es nicht geben.
Von Genscher ist ebenfalls nicht zu vernehmen, daß er nun, wie inoffiziell angedroht, für einen Rückzug aus dem Projekt plädiert.
Ebensowenig wie sie die Amerikaner verprellen wollen, wagen es die Bonner Weltraumpolitiker, die Franzosen zu verärgern. Deshalb werden die bundesdeutschen Milliarden trotz aller heimlichen Vorbehalte auch für die von Paris favorisierten und gemanagten Projekte Ariane-5 und Hermes fließen.
Den ersten Schritt tat das Kohl-Kabinett im Januar 1985. Damals entschied Bonn sich nicht nur für den Columbus-Einstieg, sondern gleichzeitig für eine Beteiligung an der Weiterentwicklung der erfolgreichen europäischen Trägerrakete Ariane zur Ariane-5.
Stoltenberg schrieb zugleich fest: Mit diesen beiden Projekten, Columbus und Ariane-5, seien die finanziellen Möglichkeiten für dieses Jahrtausend ausgeschöpft. Ein drittes Vorhaben, dem mußten alle Minister zustimmen, könne nicht bezahlt werden.
Der Beschluß war schon damals erkennbar Unfug. Für unbemannte Satelliten reicht die Kraft der vorhandenen Ariane aus. Die stärkere Ariane-5 ist nötig, um ein bemanntes, rückholbares Raumschiff in einen Orbit zu schießen.
Da die Bonner zudem noch ausdrücklich das Ziel akzeptiert hatten, Europa in der bemannten Raumfahrt von dem US-Trägersystem Spaceshuttle unabhängig zu machen, war der nächste Schritt unausweichlich: Ein europäischer Raumgleiter mußte her.
Die Franzosen boten ihren Hermes an, und der fand in Außenminister Genscher einen engagierten Lobbyisten. Genscher sieht in dem Projekt hauptsächlich ein Instrument, Paris zu umschmeicheln und europäische Gesinnung vorzuführen.
Der Kanzler war bei Präsident Francois Mitterrand ohnehin im Wort, und der zuständige Riesenhuber wehrte sich, wie üblich, nur lau.
Es kam, wie es kommen mußte. Im Herbst 1986 beschloß die deutsche Regierung, auch bei Hermes dabeizusein. Vorerst gilt das formal nur für einen 20-Millionen-Zuschuß, mit dem vorbereitende Arbeiten bezahlt werden. Doch da Bonn ohne schwere europäische Flurschäden nicht mehr aus Hermes aussteigen kann, dürften weitere Millionen bald beschlossen werden.
Die Millionen fließen für ein technisch höchst umstrittenes Vorhaben. Das Hermes-Konzept sieht vor, den Raumgleiter mit einer Rakete in eine Umlaufbahn zu schießen. Die Rakete, Ariane-5, wäre nur einmal zu benutzen. Der Raumgleiter Hermes, der zurückgeholt und horizontal gelandet werden kann, soll mehrere Raumtouren überstehen.
Dieses Konzept entspricht dem amerikanischen Huckepack-System, wobei allerdings die Nutzlast kleiner ist und Hermes mit dem Handicap des fernab gelegenen Startorts Kourou in Französisch-Guayana (Südamerika) belastet ist.
Entscheiden sich die Europäer mithin für Hermes, hecheln sie wieder einmal hinter den Amerikanern her; sie subventionieren dann eine Technik die inzwischen als Übergangslösung gilt.
Konsequent wäre es, alle Kraft gleich auf jene Raumfahrttechnik zu konzentrieren, die das nächste Jahrtausend bestimmen wird: superschnelle Gleiter, die horizontal starten und landen und die zugleich für den irdischen, überschallschnellen Flugverkehr taugen. Das haben auch andere erkannt.
Im Oktober vorigen Jahres erhielt Riesenhuber einen überraschenden Brief seines Londoner Kollegen Geoffrey Pattie. Der wies darauf hin, »daß sehr rasch nach dem Jahr 2000 Senkrechtstarter (wie Hermes) durch Horizontalstarter ersetzt« würden.
Wenn Europa bei dieser Technik nicht vorn liege, werde es gegenüber den Mitbewerbern im Raum hoffnungslos zurückfallen. Die vorhandenen Mittel sollten deshalb, lockt der Brite, auf die Entwicklung der englischen und deutschen Konzeption für Horizontalstarter umgelenkt werden.
Der Streit mit den Amerikanern über Columbus ist noch nicht beendet, da bahnt sich neuer Zwist im Lager der Europäer an. Erliegt Riesenhuber den Lockungen Patties, verprellt er die von Kohl und Genscher gepflegten Franzosen.
Bleibt der Forschungsminister dagegen auf Hermes-Kurs, fördert er gegen die bessere Erkenntnis eine falsche und überaus teure Technik.
Ein Mitarbeiter Riesenhubers sinnt unterdes darüber nach, wie die 1,5 bis zwei Milliarden Mark, die das Raumfahrtspektakel jährlich kosten würde, einer skeptischen Öffentlichkeit verkauft werden können.
Wenn die Deutschen, so fiel ihm als Argumentationshilfe ein, im Weltraum-Theater eine Rolle spielen wollten, dann müßten sie sich auch mit kräftigen Subventionen abfinden. Schließlich würden sie, so hatte der Mann herausgefunden, Schauspiel und Oper jährlich ebenfalls mehr als 1,8 Milliarden Mark Steuergeld zukommen lassen.
Mit dem Modell einer Weltraumstation.