Hedge-Fonds: Geld wie Konfetti - DER SPIEGEL
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Hedge-Fonds Geld wie Konfetti

Hedge-Fonds sind an der Wall Street die neuesten Lieblinge. Nirgendwo lässt sich mehr Geld machen. Hedge-Manager wie George Soros kontrollieren Milliarden-Werte. Schon warnen Skeptiker allerdings vor einer Spekulationsblase, die bald mit lautem Knall platzen könnte.
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New York - Roger Lowenstein, einer der profiliertesten US-Finanzjournalisten, ist nicht leicht zu beeindrucken. Das änderte sich, als der Bestsellerautor neulich mit einem Hedge-Fonds-Manager beim Dinner saß. Wie viel Geld er denn kontrolliere, erkundigte sich Lowenstein. Die Antwort: "6,5 Milliarden Dollar." Lowenstein pfiff durch die Zähne und erwiderte, von der gängigen Managergebühr - ein Prozent - könne man ja wohl prima leben. Worauf der Mann nur lächelnd zwei Finger hob: zwei Prozent.

"130 Millionen Dollar im Jahr - nur dafür, morgens im Büro das Licht anzumachen", staunt Lowenstein, der im gestrigen "New York Times Magazine" über die Episode berichtete. Ganz zu schweigen von der zusätzlichen Gewinnbeteiligung, in der Regel 20 Prozent. Kein Wunder, dass die Harvard Business School dieser Tage 60 Prozent mehr Absolventen zu Hedge-Fonds schicke als zu konventionellen Aktien-Investmentfonds.

Wildes Spekulieren ist wieder in. Zumindest in den USA: Hedge-Fonds - jene in Europa und vor allem Deutschland gern als Sünde des Kapitalismus verteufelten, exklusiv-privaten Anlage-Clubs von gigantischem Wert und oft ebenso gigantischem Risiko - sind seit Monaten die neuesten Lieblinge der Wall Street, auch wenn sie in den letzten Wochen etwas ins Stolpern geraten sind. Börsenprofis taumelten im "Hedge-Fonds-Wahn", flüstern einem die Experten zu. Hedge-Fonds, beobachtet der Wirtschaftskolumnist Joseph Nocera, "stehen ganz oben in der kollektiven Finanz-Psyche".

600 Millionen Dollar Miese an einem Tag

Erfolgreiche Jungtrader verlassen die etablierten Investmenthäuser in Scharen, um mit eigenen Hedge-Fonds zu Multimillionären zu werden. Statistiken bestätigen den Trend: Die Hedge-Branche, meldete die Consultingfirma Hennessee Group jetzt, sei allein in den vergangenen zwölf Monaten von 7000 auf 8050 Fonds angeschwollen, mit Einlagen im Gesamtwert von erstmals über einer Billion Dollar - 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor zehn Jahren waren es "nur" rund 40 Milliarden Dollar.

Der Hype hat Folgen für die Märkte: Hedge-Fonds können Kurse kippen, Konzerne kontrollieren, CEO's stürzen. Schon prophezeien Skeptiker eine Blase, die in Kürze genauso zerplatzen könnte wie die Junkbonds-Manie der achtziger und der Dotcom-Boom der neunziger Jahre. "Hedge-Fonds sind die Dr. Jekylls und Mr. Hydes des Marktes", warnt das "Wall Street Journal".

Eins steht fest: Mehr Geld kann man dieser Tage nirgendwo sonst machen an der Wall Street. "Wie man am schnellsten am reichsten wird", titelte das Wochenblatt "New York" über diese jüngste Generation der Spekulations-"Träumer". Denn vor allem für ihre Manager versprechen Hedge-Fonds, unabhängig vom sonstigen Börsentrubel, einen unermesslichen Geldregen. Die Manager der "Top 25" auf der Hedge-Fonds-Rangliste des Börsenmagazins "Institutional Investor" verdienten im vorigen Jahr im Schnitt 251 Millionen Dollar - pro Nase. Doch sie können auch schnell alles verlieren. Mega-Investor George Soros zum Beispiel verlor einmal mit einem schlechten Hedge-Wagnis an einem Tag 600 Millionen Dollar.

Enorme Summen, enormes Risiko

Dabei ist es ja - was viele schnell vergessen - eigentlich der Sinn von Hedge-Fonds, derlei Risiko gering zu halten. "Hedge" heißt im Englischen "eingrenzen"; ein Zocker sagt "I'm hedging my bets", wenn er auf Nummer Sicher geht und sich nach allen Seiten absichert.

1949 gründete Alfred Winslow Jones, ein Reporter des Wirtschaftsmagazins "Fortune", mit 100.000 Dollar Kapital den ersten dieser Fonds. Jones' Prinzip ist bis heute gültig: Er "begrenzte" sein Risiko, indem er aggressiv und auf Pump auf beiden Seiten des Markts investierte, also in steigende wie fallende Werte. Ein weiteres Jones-Prinzip haben sich die jetzigen Hedge-Fonds - die mit allen möglichen Anlagen spekulieren können, nicht nur mit Aktien - erhalten: Sie akzeptieren nur wenige (höchstens 500), "qualifizierte" (reiche) Investoren, meist immens vermögende Privatleute oder institutionelle Anleger - und drücken sich so vor der US-Börsenaufsicht SEC.

Im Bullenmarkt der achtziger und neunziger Jahre geriet diese ursprüngliche Vorsicht schnell in Vergessenheit. Im damaligen Wall-Street-Goldrausch wurden furchtlose Börsenritter wie Soros zu Legenden, indem sie enorme Summen auf enorme Risiken setzten - und meist bis zum Schluss enorm absahnten. Nach dem Crash von 2000/2001 aber und spätestens seit dem Terror-Schock vom 11. September ist Vorsicht auch bei den Hedge-Fonds wieder en vogue. Immer mehr verlassen sich auf ein "marktneutrales" Portfolio, in dem sich steigende mit fallenden Werten ausgleichen.

Spekulieren mit dem Herrn

Die kurioseste Variante dessen und ein krasses Zeichen, wie sehr die Hedge-Fonds um sich greifen, sind jene allerneuesten Anlagevehikel, die den wohl konservativsten aller Kunden umwerben - die katholische Kirche. Die Firma Gabelli startete gerade einen "wertkonservativen" Hedge-Fonds, der automatisch alle Firmen ausschließt, die sich auch nur irgendwie für Empfängnisverhütung, Abtreibung, Stammzellenforschung, Pornografie oder Rüstung engagieren. Spekulieren mit dem Herrgott: Der Versicherungsgigant AIG und Mellon Financial bieten ähnliche Pakete.

"Hedge-Fonds werden uns erhalten bleiben", glaubt Finanzkolumnist Steve Liesman, allen Unkenrufen zum Trotz. Derweil beschränken sich die superreichen Fondsmanager längst nicht mehr nur auf die Wall Street. Ihr neuestes Spekulationsobjekt: Kunst. In der New Yorker Kunstszene gibt es derzeit kein heißeres Thema als die Kauflust der Hedge-Fonds-Millionäre, die sich Gemälde, Skulpturen und "Installationen" zuhauf unter den Nagel reißen - nur um sie dann wieder mit Profit abstoßen. Nicht immer zur Freude des Markts: "Diese Typen", schimpfte der Galerist Richard Feigen jetzt im "Wall Street Journal", "werfen mit ihrem Geld um sich wie mit Konfetti."