STEUERFLUCHT Heil Dir
Die einen nennen ihn einen Wohltäter, weil er Kinderklosetts und asphaltierte Dorfstraßen finanzierte, die anderen den personifizierten Steuerskandal der Schweiz.
Während sich in seinem Wahlvaterland Parteifunktionäre und Journalisten noch um ihn streiten, verließ Kaufherr Horten im Rolls-Royce sein Tessiner Luxusdomizil, um sich in seinem österreichischen Jagdrevier von dem Ärger der letzten Monate zu erholen.
Obwohl von einem Leibarzt täglich betreut, war dem empfindlichen Großkaufmann die Galle geschwollen. Wochenlang waren die merkwürdigen Privilegien. die er in der Schweiz genießt, immer wieder hochgespielt worden. Dutzende Male kolportierten die Gazetten -- vom »Appenzeller Tagblatt bis zur vornehmen »Neuen Zürcher« -- die wundersame Geschichte seiner Landnahme (116 000 Quadratmeter Schweizer Heimaterde) und des ungewöhnlichen Steuerprivilegs:
Obwohl Horten ein Vermögen von rund einer Milliarde Mark besitzt, das er zielbewußt einsetzt, brauchte er in der Schweiz bisher jährlich nur eine Million Mark Steuern zu zahlen -- je zur Hälfte an den Kanton und die Kleinstgemeinde Croglio, auf deren Flur sein Nobelgehege mit Villa. Schwimmhalle, Kegelbahn und Bürohaus liegt.
Angeheizt wurde die Kampagne gegen den prominentesten deutschen Steuer-Emigranten von dem sozialdemokratischen Nationalrat (Abgeordneten des Bundesparlaments) Helmut Hubacher, Chefredakteur der Züricher sozialdemokratischen Zeitung »AZ, der seinen Lesern vorrechnete, daß selbst im steuermilden Tessin ein Milliardär mindestens jährlich 17 Millionen Franken Kantons- und Gemeindesteuern abliefern müßte.
Auch Hubachers bürgerliche Kollegen schossen sich auf den Kaufherrn und seine Umzugshelfer ein. So wunderte sich die linksliberale Basler »National-Zeitung, daß der Düsseldorfer 1968 mit der Übersiedlung ins Tessin gleich die Daueraufenthaltsgenehmigung auf Lebenszeit erhalten habe, »derweil ausländische Arbeitskräfte mindestens zehn Jahre Kehrichteimer zu leeren haben, bis man ihnen die »Wohltat' der Niederlassung gewährt«
Am schärfsten verurteilte das »Emmenthaler Blatt« -- trotz des Käsenamens eine der größeren schweizerischen Zeitungen -- die Begünstigung des Milliardärs: »Die große Masse des Schweizer Volkes ist nicht bereit, sich den Rechtsstaat durch eine ausländische Finanzoligarchie und ihre schweizerischen Helfershelfer gleichsam unter dem Hintern wegziehen zu lassen.«
Chefredakteur Fritz Zopfi nannte deutlich Roß und Reiter: »Es war der Präsident des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank (seit 1959) höchstselbst, Nationalrat Dr. Brenno Galli in Lugano. der Horten sämtliche erforderlichen Genehmigungen auf allen Ebenen zu verschaffen wußte ... Heil Dir. Helvetia!«
Als Spitzenpolitiker der Freisinnigdemokratischen Partei und hochdotierter Wirtschaftsadvokat, der unter anderen den Großindustriellen Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza ("Baron Heini") berät, hatte Dr. Galli dem Düsseldorfer eine Bresche durch das Gestrüpp eidgenössischer und kantonaler Gesetze geschlagen. Er handelte im Einvernehmen mit seinem früheren Sozius Dr. Nello Celio, heute Finanzminister in Bern, und mit Bixio Celio, dem Vorsteher des Tessiner Finanz-Departments.
Die Freunde des Freisinns genehmigten dem Umsiedler, der in Deutschland beim Verkauf seiner Konzernmajorität (eines Aktienpakets im Werte von 875 Millionen Mark) durch den Umzug ins Tessin rund 450 Millionen Mark Steuern gespart hatte, die minimale Steuerpauschale von einer Million Franken. Sie wurde nicht nach dem Einkommen, sondern nach dem jährlichen Aufwand bemessen -- schätzungsweise rund 5,5 Millionen Franken.
Dabei hielten die beiden Celios dem reichsten deutschen Nachkriegs-Emigranten zugute, daß er von seinem Tessiner Herrensitz aus gewiß keine Erwerbstätigkeit mehr ausübe*. Nicht nur Sozialdemokrat Hubacher, sondern auch andere Volksvertreter fanden diese goldene Eselsbrücke ausgerechnet für Horten allzu großzügig und simpel.
»Ein derart passionierter Geldverdiener', so kritisierte die christlichdemokratische Volkspartei in ihrem Pressedienst, »kennt keine Bürostunden, in denen er genau nach einem vorgeschriebenen Arbeitsplan seinem »Broterwerb' nachgeht. Ob er sich nun im Tessin, auf den Bahamas, in Düsseldorf oder in Vaduz aufhält -- stets gilt sein Streben
* Nach Artikel 33 des kantonalen Steuergesetzes und Artikel 18 bis des Bundeserlasses über die Wehrsteuererhebung können ausländische Steuerpflichtige. die keine Erwerbstätigkeit ausüben, statt einer regulären Einkomnsensbesteuerung einer Aufwandbesteuerung unterstellt werden.
nach Vermehrung seiner Einkünfte und seines Vermögens.«
Tatsächlich ließ der Allround-Geschäftsmann auf seinem Tessiner Hügel ein Bürohaus als Kommandozentrale errichten. Über Fernschreiber steht er mit seinen Banken und dem Vorstand der Horten AG in Verbindung. Die Schalthebel bedient der von Düsseldorf auf den Adlerhorst versetzte Jungmanager Dr. Schwahn. Mitunter zitiert Horten auch Mitglieder des Vorstandes zum Rapport auf den Berghof.
Als die Debatten über seine Steuerpauschale und das Zusammenspiel seiner Steuerhelfer immer hitziger wurden. traf es sich, daß der Milliardär gerade zu diesem Zeitpunkt 300 000 Franken für zwei Kindergärten spendete. Die ärmlichen Einwohner von Croglio unterhalb der Horten-Villa preisen den »grande Tedesco« ohnehin als vom Himmel gesandten Wohltäter.
Dank der eine Million Franken, die der Mini-Kommune bisher aus dem Horten-Töpfchen zuflossen, prosperiert Croglio wie nie. Das Gemeindehaus, in dem auch die Zwergschule untergebracht ist. erstrahlt in neuer Fassade mit elegantem Treppenhaus.
Endlich konnten im Parterre auch genügend Mädchentoiletten installiert werden, in die kein Bürschli lugen kann. Wütend drohte Croglios Bürgermeister Bordonzotti, jeden Reporter mit der Mistgabel zu vertreiben, der bei ihm oder seinem Sekretär Foletti Informationen über Helmut Horten fischen will.
Noch bissiger reagierte der freisinnige Steuerhelfer Dr. Galli. Er strengte Prozesse gegen seine Kritiker an und versuchte. sich gegenüber seinem sozialdemokratischen Nationalratskollegen Hubacher in Bern zu rechtfertigen.
»Wir sprachen etwa drei Stunden miteinander«, verriet Hubacher dem SPIEGEL. »Galli gab zu, daß vom moralischen Standpunkt aus manches auszusetzen sei. Freilich habe er seine Beziehungen ausgenutzt. aber die Gesetze seien nun einmal so. Da man über die Sache viel zuviel Wind gemacht habe, könne er sich jetzt vor Angeboten aus Deutschland nicht retten und müsse die meisten ablehnen.«
Doch weder Hubacher noch andere Galli-Widersacher glauben, daß nur diese Arbeitsüberlastung den geschätzten Wirtschaftsanwalt Dr. Galli bewogen hat, sich am 31. Oktober nicht mehr als Nationalrats-Kandidat der Freisinnig-demokratischen Partei zur Wahl zu stellen.
Gallis langjähriger Weggefährte. Dr. Nello Celio, der Hortens Steuerpauschale befürwortete, wird weiter politisch aktiv bleiben, obwohl er als Finanzminister nur 110 000 Franken im Jahr verdient. Dafür winkt ihm aber nach eingefahrenen Riten die hohe Ehre, im nächsten Jahr Bundespräsident der Schweiz zu werden.
Ob dann allerdings Hortens geringe Steuerpauschale noch Bestand hat. erscheint zweifelhaft. Dazu ein Wirtschaftsanwalt in Lugano: »Vielleicht macht er dann etwas über Vaduz -- so eine Art Familienstiftung zur Aufrechterhaltung eines angemessenen Lebensstandards.«