INDUSTRIE Heilige Eide
Im »Salon Independentia« des Sheraton-Hotels »Maria Isabel« in Mexico City rangen letzte Woche über 300 Stahlmanager aus aller Welt um Verständigung: Die zum 9. Treffen des »International Iron and Steel Institute« von Laienhand installierte Simultan-Dolmetscheranlage war ausgefallen, eine aus Europa eilig herbeigeflogene Ersatztechnik vom Zoll beschlagnahmt worden.
Dem babylonischen Sprachgewirr 18 Stockwerke entrückt, bemühten sich derweil die höchsten Spitzen der Branche, Verständigungsschwierigkeiten anderer Art zu überwinden. In ihren Suiten tasteten sie diskret nach Wegen, um gemeinsam mit der größten Stahl-Depression nach dem Kriege fertig zu werden: Voraussichtlich nur 472 Millionen Tonnen, 64 Millionen weniger als 1974, werden die Hütten-Konzerne in diesem Jahr ausstoßen.
Allein von den 217 000 Arbeitern der deutschen Stahlindustrie arbeiten zur Zeit 65 000 kurz. In den ersten acht Monaten des Jahres ging die Produktion gegenüber 1974 um 21 Prozent zurück. Und anders als ihre amerikanischen Konkurrenten leisten sich die Europäer zur Zeit einen mörderischen Konditionen-Krieg, mit dem sie ihre Verluste auf 100 Mark je Tonne schraubten. Ein Stahlmanager resignierend: »Alle schwören heilige Eide, doch letzten Endes betrügt doch einer den anderen.«
Um nicht noch tiefer ins Defizit zu fahren und wochenlang auf Halde zu produzieren, werden die deutschen Stahlkonzerne zum erstenmal in großem Stil zwischen Weihnachten und Neujahr ihre Hütten dichtmachen. Willy Korfs Hamburger Stahlwerke werden sogar -- mit Ausnahme des Walzwerks -- ihre Arbeiter von Ende November bis zum 6. Januar beurlauben. Der im letzten Herbst betriebsklar gemachte Klöckner-Hochofen in Bremen produzierte gar bisher keine einzige Tonne Stahl.
Ähnlich mies ergeht es den übrigen europäischen Konzernen: So gingen bei Frankreichs Stahlkocher Usinor die Inlandsaufträge um 41 Prozent zurück, und der englische Staatskonzern British Steel produziert jede Woche etwa sechs Millionen Pfund Verlust.
So weit wollten es die Amerikaner gar nicht erst kommen lassen. Angeblich weil Europäer und Japaner zu Dumpingpreisen ihren Markt überschwemmten, verlangten die Bosse von U.S. Steel schon vor Monaten die Einführung eines Importzolls. Dumping, so argumentierten sie, würden vor allem die Europäer -- und zwar durch die Entlastung ihrer Exporte von der nationalen Mehrwertsteuer -- treiben, was wiederum einer staatlichen Einfuhrförderung gleichkomme. »Wenn die Amerikaner auf Dumping erkennen«, fürchtet Stahl-Mann Willy Korf, »kann die Importsteuer kommen.«
Frankreichs Stahlpräsident Jaques Ferry erwartet denn auch nur noch über staatliche Intervention Hilfe für die Zunft. Die Brüsseler EG-Kommission, so beantragte der Lothringer inzwischen mehrmals, solle nach dem Montanunion-Vertrag offiziell die Stahlkrise ausrufen. Die Stahl-Eurokraten könnten dann Mindestpreise und Produktionsquoten festlegen.
Sollten sich die Franzosen die Vorschläge ihrer Stahllobby zu eigen machen -- müßten im EG-Ministerrat zumindest Großbritannien oder die Bundesrepublik zustimmen. »Da können sie«, befand der Düsseldorfer Stahl-Verbands-Geschäftsführer Herbert Köhler, »die Sache einfach vergessen.«
In der Tat zeigt der liberale Bonner Wirtschaftsminister Hans Friderichs kaum Neigung, die deutsche Stahlindustrie unter die Kontrolle der Brüsseler Bürokratie geraten zu lassen. Und auch die Briten winkten bereits ab.
Um der bedrängten Branche zu helfen, will die EG-Kommission jetzt den Stahlkochern der Gemeinschaft eine genau fixierte Drosselung ihrer Produktion empfehlen. Im selben Rhythmus sollen die Japaner dann ihre Lieferungen in den Euro-Markt einschränken: Japan-Importe haben die ohnehin gedrückten Preise in den letzten Wochen weiter rutschen lassen. Betonstahl etwa, der noch kürzlich mit 500 Mark pro Tonne gehandelt wurde, kam made in Japan nunmehr zu 460 Mark auf den Markt.
So wie Brüssel die Japaner unter Stahlkontrolle halten will, soll Bonn jetzt gegen die nun ebenfalls als Schleuder-Konkurrenten auftretenden Ost-Europäer vorgehen. In einem Brief an Minister Friderichs monierte Thyssen-Chef Dieter Spethmann vorletzte Woche unter anderem tschechoslowakische Grobblech-Angebote 100 Mark in der bisher geltenden Notierungen.
Schon Ende dieses Monats, so hofft Spethmann, werden Bonn und Brüssel der kriselnden Stahlbranche zur Hilfe eilen. Spethmann: » Was jetzt auf den Tisch kommt, ist nicht pourpärler, sondern die Vorbereitung von Aktionen.«