ITALIEN Heilige Kuh
»Wann streiken wir denn endlich?« polterten zornige Delegierte auf einem Gewerkschaftskongreß Anfang Januar in Rom.
Giorgio Benvenuto, Chef des Arbeitnehmerverbandes UIL, ließ in seiner Antwort an die Funktionäre keine Zweifel: Wenn die Regierung es in ihrem Kampf gegen die Teuerung -- derzeit 22 Prozent -- etwa wagen sollte, den Lohnzuwachs der Arbeiter per Gesetz zu bremsen. »dann machen wir prompt mobil, dann gibt es einen frontalen Zusammenstoß«.
Sozialist Benvenuto, der neue Falke im gewerkschaftlichen Dachverband CGIL-CISL-UIL, betonte damit erneut, daß die »sindacati« jede Einmischung der Regierung in die »heikle Lohnfrage« ablehnen. Benvenuto: »Über diese Probleme müssen wir und die Unternehmer ganz autonom verhandeln.«
Schon im letzten Herbst hatte Ministerpräsident Giulio Andreotti die Sozialpartner aufgefordert, sich über eine Reduzierung der Lohnkosten und die Steigerung der Produktivität zu verständigen Anderenfalls, so Inflationsbekämpfer Andreotti, seien Gesetzesdekrete unvermeidlich.
Bislang jedoch sind Gewerkschaften und Arbeitgeber zerstritten. Da die Lohnstückkosten in Italien weit schneller steigen als in den anderen Industriestaaten und das Land schon deshalb im
* CISI-Chef Macario, CGIL-Chef Lama. UII-Chef Benvenuto
internationalen Wettbewerb kaum noch mithalten kann, pochen die »padroni« vor allem auf eine Reform des preistreibenden Lohnsystems.
Denn die sogenannte gleitende Lohnskala sichert den Arbeitnehmern alle drei Monate eine automatische Anpassung der Löhne und Gehälter an den Lebenshaltungskosten-Index. Auf diese Weise dreht sich die Teuerungsspirale immer schneller. Die Gewerkschaften allerdings mauern: »Hände weg von der Lohnskala.«
Daß Italiens Linke diese »scala mobile« eisern verteidigt, hat historische und psychologische Gründe. Die Index-Bindung wurde 1945/46 eingeführt, um den damals schlecht bezahlten und sozial unterprivilegierten Arbeitnehmern einen automatischen Inflationsausgleich zu verschaffen.
Seither gilt sie als eine der unverzichtbaren sozialen Errungenschaften der italienischen Arbeiterbewegung. Der Stopp der »scala mobile« -- was bezeichnenderweise auch Rolltreppe bedeutet -- wäre laut CGIL-Chef Luciano Lama »ein unzumutbarer Verlust für die Arbeiterklasse«. Ein Mailänder Manager schimpfte: »Das ist für die schon eine heilige Kuh.«
Solange sieh die Inflationsrate in Grenzen hielt, war die Index-Bindung der Löhne ein nützliches Instrument, um die niedrigen Einkommen gegen Kaufkraftverluste zu schützen.
In den vergangenen Jahren jedoch, als Italiens Teuerungsrate bis auf 25 Prozent kletterte, verwandelte sieh die Lohn-Rolltreppe, so das Wochenblatt »Oggi«. in einen »teuflischen Mechanismus": Alle drei Monate müssen die Arbeitgeber gewaltige Summen als Inflationsausgleich zahlen -- unabhängig von der Ertragslage und etwaigen Tariferhöhungen.
Obendrein gingen die Teuerungszuschläge auch in die Berechnung der gesetzlichen Abfindungen bei einem Stellenwechsel ein. Auch gelang es etlichen Berufsgruppen, wie etwa Bankangestellten und Chemiearbeitern, besonders günstige Index-Mechanismen für ihre eigene Lohnskala auszuhandeln. Folge: das Lohn- und Gehaltssystem wurde zu einem »wahren Dschungel« ("Il Messaggero").
Allenfalls zu kleineren Zugeständnissen sind die Gewerkschaften bereit. So erklärten sie sich damit einverstanden. daß bei der Berechnung der gesetzlichen Entlassungsgelder der Teuerungszuschlag künftig nicht mitkalkuliert wird, die besonders einträglichen Lohnskalen bestimmter Berufe herabgeschraubt werden und die nächsten Tarifabschlüsse nur relativ bescheidene Lohnerhöhungen bringen. Auch das Krankfeiern wollen sie bekämpfen.
»Allein mit diesen Maßnahmen«, erläutern CGIL-Gewerkschafter, »kann man die Lohnkosten um 15 Prozent senken.« Doch viele Industrielle halten das für »eine Milchmädchenrechnung«
Christdemokrat Andreotti, dessen Austerity-Programm jetzt in Bonn sogar Lob von Kanzler Schmidt erfuhr, kann auf die Sozialpartner allenfalls sanften Druck ausüben. Eine Kraftprobe mit den Gewerkschaften darf er keinesfalls wagen.
Denn seine Minderheitsregierung ist im Parlament auf die Kommunisten angewiesen. Und die wiederum sind eng mit der CGIL (Mitgliederzahl: 4,2 Millionen) verquickt. Obschon die KPI Andreotti vorerst im Sattel halten will, möchte sie doch auch keinen Streit mit den Gewerkschaften.
Und während der Kommunist Lama vergleichsweise Mäßigung zeigt, will sich Sozialist Benvenuto offenbar als Scharfmacher profilieren.
Die Sozialisten, Italiens drittstärkste Partei, möchten die Protest-Stimmung einesteils nutzen, um ihren eigenen Einfluß in CGIL und UIL zu erweitern. Zugleich wollen sie durch harten Kurs in den Gewerkschaften den sieh anbahnenden »historischen Kompromiß« zwischen KPI und Andreottis Christdemokraten torpedieren.
Italien, klagte dieser Tage wieder einmal der Mailänder »Corriere della Sera« driftet dem politisch-sozialen Verfall wie auch dem wirtschaftlichen Ruin zu. Und jeder schiebt die Schuld auf den anderen«.
In der Tat: Selbst bescheidene Reformen sind kaum durchsetzbar. Zwar waren sich alle Parteien einig, zur Erhöhung der Produktivität sieben Feiertage, die von den Italienern gern »verlängert, also zu Extra-Ferien ausgebaut worden waren. nun abzuschaffen.
Doch vergangenen Dienstag stoppten gleich mehrere Senatoren verschiedener Parteien den entsprechenden Gesetzentwurf.