WALL STREET Heiliger Profit
Peter Scannell gehört zu den Leuten, die man leicht übersieht: Jeans, Bauchansatz, Sweatshirt und ein Lebenslauf, über dem das Wort Verlierer stehen könnte. Einer der vielen Hilfskräfte, ohne die keine Firma auskommt, aber an deren Namen sich schon der übernächste Vorgesetzte nicht mehr erinnert.
Scannell hat als Kellner in Bostons Arbeiterviertel North End gejobbt, bevor er im März 2000 in einem Callcenter von Putnam anheuerte, eine der größten Fondsgesellschaften der USA. Kein toller Job, aber geregelte Arbeitszeiten. Alles, was er zu tun hatte, war, Kaufaufträge von Anlegern anzunehmen und weiterzuleiten.
Doch Scannell ist auch ein ziemlich heller Kopf. Deshalb fielen ihm schon bald diese Anrufe auf, die immer zwischen drei und vier Uhr nachmittags eingingen, zu einem Zeitpunkt also, an dem der reguläre Fondshandel bereits beendet ist. »Late Trading« heißt das, eine Praxis, die eigentlich verboten ist. Immer wieder wandte sich Scannell deshalb an seine Chefs, und jedes Mal wurde er abgebügelt. Das sei was fürs Management, sagten sie. Er solle lieber darauf achten, seine Arbeit ordentlich zu machen.
Keine Frage, dass sich die Leute bei Putnam heute wünschen, sie hätten dem lästigen Fragensteller etwas mehr Gehör geschenkt. Denn Scannells Beobachtungen, über die er bald Buch zu führen begann,
sind der Ausgangspunkt eines Finanzskandals, der mittlerweile die ganze amerikanische Fondsindustrie erfasst hat - mit rund sieben Billionen Dollar Anlagevermögen einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren des Landes.
Im Kreis der Verdächtigen finden sich neben Anlagegiganten wie Janus-Capital Investmentbanken wie Merrill Lynch und Morgan Stanley. Vergangene Woche kamen der Internet-Broker Charles Schwab und die Fondsabteilung von Bear Stearns dazu.
Beinahe täglich hören Amerikas Kleinanleger nun von seltsamen Methoden, die ein paar einflussreichen Großkunden offen standen. Da ist von »Market Timing« die Rede, von »Scalping« und »Cloning«.
Und auch wenn die wenigsten genau verstehen, was es mit diesen Tricks und Techniken auf sich hat, bleibt unter dem Strich doch der Eindruck, dass es nicht ihre Interessen sind, die dabei befördert wurden. Da ist es wieder, das Bild der Wall Street als Gesellschaft von Halsabschneidern und Halunken. Und wenn es noch eines Belegs bedurfte, wie schlecht es um den wichtigsten Finanzplatz der Welt bestellt ist, dann lieferten den am Dienstagabend die US-Nachrichtensender nach: Dutzende von Wall-Street-Profis in Handschellen, umringt von FBI-Agenten mit grimmigen Gesichtern.
Die spektakulär in Szene gesetzte Aktion hat zwar nichts mit dem Fondsskandal zu tun. Die insgesamt 47 Verhafteten sind Devisenhändler, die schon seit längerem wegen eines raffinierten Betrugssystems observiert worden waren. Aber die Bilder scheinen erneut zu belegen, dass den Finanzjongleuren in Manhattan nur eines heilig ist: der eigene Profit.
Nun ist wieder von Vertrauenskrise die Rede und davon, dass sich die US-Kleinanleger von der Börse abwenden werden. Vom »schlimmsten Skandal seit 50 Jahren« spricht der ehemalige Chef der Börsenaufsichtsbehörde SEC, Arthur Levitt, mit Blick auf die jetzigen Ermittlungen.
Für die SEC mag das sogar stimmen. Bis vor kurzem noch rühmte sich die Aufsichtsbehörde ihrer guten Beziehungen zur Fondsindustrie. Viele Auflagen wurden in enger Abstimmung beschlossen. So gesehen passt es ins Bild, dass auch die SEC den Putnam-Angestellten Scannell abwies. Erst die Staatsanwaltschaft nahm ihn ernst. Und dass die Behörde nun eilig einen Vergleich mit dem Finanzkonzern schloss, hat die Kritik an ihr nur neu befeuert.
Ob die Enthüllungen allerdings die Kleinanleger zur Auflösung ihrer Aktienkonten veranlassen werden, wie einige Pessimisten an der Wall Street meinen, ist doch eher fraglich. Denn auf den Wert ihrer Fondsanteile hatten die nun publik gewordenen Machenschaften kaum Einfluss.
Beim »Market Timing« etwa nutzen Insider die Tatsache aus, dass der Preis eines Fondspapiers, der sich wiederum aus dem Wert der vom Fondsmanager gehaltenen Aktien ergibt, nur einmal am Tag festgelegt wird. Das kann vor allem bei US-Fonds von Vorteil sein, die sich auf europäische oder asiatische Aktien spezialisiert haben, weil die Börsen in Frankfurt oder Tokio früher schließen und manche Marktentwicklungen damit noch nicht berücksichtigt sind. Wer also am Nachmittag in einen solchen Fonds einsteigt, kann am nächsten Morgen mit einem hübschen Profit verkaufen.
Das ist zweifellos unfair, wie jede Form des Insiderhandels. Doch es ist schwer anschaulich zu machen, dass andere Fondsbesitzer materiell geschädigt wurden. Zudem bleibt für viele immer noch die Frage, wo sie ihr Geld sonst anlegen sollen.
Der Branchendienst AMG meldete für die vergangene Woche 3,5 Milliarden Dollar, die neu in Aktienfonds investiert wurden. Man kann diese Zahl auch als Ausdruck der Hilflosigkeit lesen.
JAN FLEISCHHAUER
* Am 18. November in New York.