GASTRONOMIE Heiliges Ehrenwort
So unkonventionell, wie Renate Thyssen den Wienerwald übernommen hatte, so unkonventionell gab sie die Hendl-Kette ab. Keiner ihrer Mitarbeiter wußte Bescheid - sie blieb einfach zu Hause.
Ende Juni war sie zum ersten Mal auf der Chefetage, dem siebten Stock der Münchner Wienerwald-Zentrale, erschienen. »Ich bin Renate Thyssen«, sprach sie und deutete auf einen muskulösen Herrn an ihrer Seite, »und das hier ist mein Leibwächter.«
In den ersten beiden Wochen arbeitete die neue Wienerwald-Herrin zwölf Stunden täglich. Dann flaute ihr Arbeitseifer merklich ab. Zuletzt war die Chefin nur noch zwei bis drei Stunden täglich in der Firma.
Am Montag vorvergangener Woche kam sie überhaupt nicht mehr. Auch die umfangreichen Schampus-Vorräte in ihrem Büro, die sie gleich nach Amtsantritt mit Sack-Karren hatte anliefern lassen, waren weg. Statt der resoluten Blondine saß plötzlich der beleibte Wienerwald-Gründer Friedrich Jahn im Chefsessel: »Meine Herren«, begrüßte er die erstaunten Angestellten, »ich bin wieder der alleinige Inhaber.«
Mit Jahn kehrte auch die Empfangsdame zurück, die von Renate Thyssen wegen Arbeitsverweigerung gefeuert worden war: Die wollte nicht, wie Frau Thyssen verlangt hatte, auf ein Hupsignal hin nach außen flitzen, den durch ein Absperrseil reservierten Parkplatz frei machen und das Aktenköfferchen der Wienerwald-Inhaberin zum Lift tragen.
Friedrich Jahn hat die gekündigte Empfangsdame sofort wieder eingestellt. Er will auch das rote Absperrseil entfernen, mit dem Renate Thyssen sich die vier Parkplätze neben dem Haupteingang für ihren Mercedes 500 SEC hat reservieren lassen.
Alles soll so wie früher werden. Die Experimente mit einem neuen Image für den Wienerwald sind gestoppt, die Inneneinrichtung soll so gemütlich wie seit Jahren bleiben. Wenn die Lokale besser laufen, dann will Jahn auch wieder, wie in den guten alten Zeiten, Zwei-Mann-Kapellen engagieren und seine Gäste mit Schrammel-Musik verwöhnen.
Doch zunächst muß Jahn, so schätzen Insider, erst einmal mindestens 30 Millionen Mark investieren, um seine Firma zu sanieren. Die 235 Lokale - 112 eigene Gaststätten, 123 Lizenzbetriebe - bringen keinen Gewinn.
Einfach ist das nicht, weil der neue Wienerwald-Inhaber kein Geld von den
Banken bekommt. Seit Jahn vor vier Jahren Vergleich mußte, wollen die Kreditinstitute nichts mehr mit ihm zu tun haben. »Wie einen Mörder« würden sie ihn behandeln, beklagt sich Jahn.
Schlimmer noch für den Wienerwald-Chef: Am Donnerstag vergangener Woche kündigte die Münchner Staatsanwaltschaft gegen Jahn ein Ermittlungsverfahren wegen Konkursverschleppung an. Vier Jahre nach dem Wienerwald-Vergleich wollen die Staatsanwälte Hintergründe des Zusammenbruchs erforschen.
Es gibt Gerüchte, Jahn habe rechtzeitig Geld beiseite geschafft. Nichts dran, sagt der Wienerwald-Gründer. Er gibt sein »heiliges Ehrenwort«, daß er vor seinem Vergleich keinen Pfennig aus der Firma gezogen habe.
Das Geld für den Kauf der deutschen Lokale, schwört Jahn, habe er »von einem guten alten Freund« erhalten, dessen Name er nicht nennen dürfe. Und »Frau Thyssen hat einen angenehm niedrigen Kaufpreis verlangt«.
Das ist sicher wahr. Insider vermuten sogar, daß Renate Thyssen die Firma umsonst abgegeben hat: Die deutschen Lokale seien »das faule Ei in der Firma, und das hat Frau Thyssen gemerkt«.
Ertragreich sind die Auslandsgesellschaften, die Renate Thyssen behält. Das auf ein Fünftel der früheren Größe geschrumpfte Hendl-Imperium besitzt noch ein Lokal in Kairo, zwei Gaststätten in Paris und zwei in Finnland, vor allem aber 60 florierende Betriebe in Österreich: fünf Hotels (Marke »Tourotel"), neun Autobahnraststätten und 46 Lokale. Die österreichischen Firmen bringen jährlich über vier Millionen Mark Gewinn.
Renate Thyssen, so scheint es, hat ihr Erspartes gut angelegt: Die Lebensgefährtin von Ludwig Huber, dem Chef der Bayerischen Landesbank, kaufte für knapp 15 Millionen Mark von Jahns Gläubigerbanken den Wienerwald, stieß sechs Wochen später die unrentablen deutschen Lokale ab und kann sich nun auf das lukrative Österreich-Geschäft konzentrieren.
Auch Friedrich Jahn ("Frau Thyssen verdanke ich alles") ist sehr zufrieden: Endlich darf er, von notorischem Arbeitseifer besessen, seine Firma kommandieren, auch wenn sich einiges geändert hat: »Was?« erschrak er, als er erfuhr, daß im Wienerwald auch ein Betriebsrat arbeitet: »So was gab's früher nicht.«
Mit »übergroßem Fleiß«, verspricht er, »will ich die Firma hochbringen«. In der Gastronomie kenne er sich aus; was Andreas Kersten, der von Jahns Gläubigerbanken eingesetzte und von Renate Thyssen gefeuerte Sanierer, gemacht habe, sei falsch gewesen. Die geplanten Umbauten, mit denen Kersten eine
freundlichere Atmosphäre hatte schaffen wollen, wären viel zu teuer gekommen.
Geld für die notwendige Renovierung und Modernisierung der Lokale will Jahn aus dem laufenden Geschäftsbetrieb erwirtschaften. Wenn der Umsatz um zehn Prozent steige, kämen »schöne Gewinne, und alles wird wieder in die Firma reingesteckt, wie ich das früher gemacht habe«.
Gastronomie-Experten bezweifeln, daß Jahn sein einstiges Erfolgsrezept wiederholen kann. Früher, sagt einer, habe der Wienerwald-Chef lediglich die Nachfrage befriedigt - das sei »ein rein logistisches Problem« gewesen. Heute sei der Markt enger und schwieriger geworden.
Der Wienerwald, einst unumstrittener Marktführer in der Billig-Gastronomie - auch heute noch kosten die meisten Gerichte weniger als zehn Mark -, hat es längst mit mächtigen Konkurrenten zu tun. Hamburger-Ketten wie etwa McDonald's gehören dazu ebenso wie die zahllosen griechischen Familienbetriebe.
Wie fast alle anderen Gastronomen ist Jahn »für 80 Prozent der Bevölkerung da«, will den Bauarbeiter haben, »der mittags in seiner Arbeitskluft hereinkommt«, umwirbt aber auch angejahrte Gäste auf der Suche nach der preiswerten Schrammel-Seligkeit.
Nicht zuletzt muß der Wienerwald vom Außer-Haus-Verkauf leben. 40 Prozent des Umsatzes bringen Kunden, die für das Mittagessen zu Hause oder für einen gemütlichen Fernsehabend Flaschenbier, Hendl und Fritten kaufen.
All diese unterschiedlichen Kunden-Schichten glaubt Jahn durch seine Brathähnchen zusammenzuhalten.
Mit ungebrochenem Optimismus, der weder durch Ermittlungsverfahren noch durch chronischen Geldmangel getrübt wird, setzt Jahn auf das Comeback seiner Hendl-Stationen. Da würde sich der Gast wohl fühlen. Die Toiletten penibel rein, die Lokale so sauber, »daß man vom Fußboden essen kann«, und »auf den Tisch nur das Beste«.
Denn »das Produkt Hendl ist erstklassig«, sagt Jahn. Er esse jeden Tag eins, und das »mit Begeisterung«.
Eine »Fitneßkarte« will Jahn als Neuerung einführen, und dann, so glaubt er, strömen wieder die Besucher in den Wienerwald, angelockt von Müsli, Salat und Fruchtsäften. Der Umsatz sei im vergangenen Monat und im laufenden bereits um drei Prozent auf 28 Millionen pro Monat gestiegen.
Wenn dann noch, so Jahn, zu seiner bisherigen Gästeschar »die Gesundheitsorientierten, die Sport- und Fitneßorientierten und die Umweltbewußten« kommen, »sind wir selig«. Er will kalorienarmes Kalb- und Lammfleisch bald auf die Karte setzen.
Warum Müsli-Freaks und Schlankheitsbewußte ausgerechnet in den Wienerwald kommen sollen, leuchtet anderen Großgastronomen wenig ein. »Das ist«, sagt einer, »doch eine ganz andere Zielgruppe.«
Jahn sieht das anders. Seine Geheimwaffe ist das Hendl. »Das wird ganz ohne Fett gebraten, ist leicht verdaulich und bekömmlich.« Wer nur Hendl verdrücke, wird nach Jahns Überzeugung schlank.
Das will der Chef am eigenen Leib vorführen. Jahn, 1,80 Meter groß und 106 Kilo schwer: »Sie werden sehen, ich nehme 20 Kilo ab.«