NEUE HEIMAT
Die Bankiers hatten einen derart schönen Lagebericht nicht erwartet. Die Neue Heimat, verkündete Vorstandschef Diether Hoffmann, befinde sich auf »dem Wege zur Normalität«. Sie erziele »kontinuierlich und in steigender Höhe Überschüsse«.
Zum Schluß seiner einstündigen Rede hatte Hoffmann dann noch ein Anliegen, das ganz und gar nicht zu seinem optimistischen Bericht paßte. Die Neue Heimat (NH) benötige weiterhin, so der Chefmanager, den Schutz der Banken. Eindringlich beschwor er dann seine Geldgeber, das Ende dieses Jahres auslaufende Stillhalteabkommen »um weitere zwei Jahre zu prolongieren«.
Der Appell erging vor vier Monaten. Dennoch hat Hoffmann immer noch nicht die formelle Zusage aller 60 Gläubiger-Banken über eine Fortdauer der Schonzeit. Wenn mehrere Banken ausscheren, könnte es zu einer Kettenreaktion kommen. Hoffmann bliebe dann nur der Gang zum Vergleichsrichter.
Seit drei Jahren müht sich der NH-Chef um die Sanierung des gewerkschaftseigenen Boden- und Immobilientrusts: Ein Ende ist nicht abzusehen.
Hoffmann mußte den Gläubigern sogar eingestehen, daß er von Mai bis zum Jahresende fällig gewordene Kredite in Höhe von 1,245 Milliarden Mark nicht tilgen kann. Weil der Neuen Heimat auch keine neuen Kreditgeber mehr Geld leihen, hängt alles von einem weiteren Moratorium der Banken ab.
Um die Neue Heimat ist es noch schlechter bestellt, seit der Deutsche Gewerkschafts-Bund und die 17 Einzelgewerkschaften sich weigern, weiter Geld in den Konzern zu pumpen. Rund 1,3 Milliarden Mark haben sie in nur zwei Jahren in Albert Vietors Nachlaß gesteckt.
Nach monatelangen Überlegungen glaubt Hoffmann nun einen Weg aus der Krise gefunden zu haben: Die todkranke Neue Heimat Städtebau (NHS) und ihre Schwesterfirma, die Neue Heimat Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft (NHG), sollen vollständig umgebaut werden.
Der Grund für das komplizierte Manöver ist in der Bilanz zu suchen. Weil in dem NHS-Zahlenwerk eine Finanzierungslücke von fast 200 Millionen Mark klafft, hat sich Hoffmann einen besonderen Kniff einfallen lassen.
Zunächst wird die Städtebau von einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Alsdann soll das NHS-Kapital von 230 Millionen Mark um den Verlustbetrag von 200 Millionen Mark verringert werden. Der deutsche Teil der NHS wird nach und nach ganz eingestellt. Die Neugeschäfte im Inland soll die NHS-Tochter Planbaucontract durchziehen.
Für seine weiteren Umbaupläne ist Hoffmann auf einem bewährten Helfer aus den eigenen Reihen angewiesen: Walter Hesselbach, Chef der Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft (BGAG).
Die Gewerkschafts-Holding soll zu einem Preis von nur 30 Millionen Mark dem DGB und den Einzelgewerkschaften bis auf zwei Prozent ihre gesamten NHG-Anteile (siehe Graphik) abkaufen. Doch keine der Gewerkschaften von IG Metall bis IG-Bau-Steine-Erden darf sich über den Erlös lange freuen. Sie sollen das Geld gleich wieder bei Hesselbach abliefern.
Mit dieser Summe und weiteren Geldspritzen der Gewerkschaften soll das BGAG-Kapital von 450 Millionen Mark aufgestockt werden. Die Kapitalzufuhr hat die Holding dringend nötig. Hesselbach rechnet nämlich damit, daß er noch einmal einspringen muß - für den hochverschuldeten Auslandsbesitz der NHS: »Das kann rund 70 bis 100 Millionen Mark kosten.«
Die Umorganisation war kaum bekannt, da häufte sich intern die Kritik der Banken. »Das ist doch«, meinte der Chef einer Frankfurter NH-Gläubiger-Bank, »reine Trickserei. Wie Münchhausen wollen die sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.«
Für Hoffmann, den einstigen Auslandschef der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), ist die Umwandlung in der Tat nur ein Spiel auf Zeit. Mit dem rückwirkenden Bilanz-Manöver hofft er, eine ausreichende Frist für die geräuschlose Liquidation der NH-Städtebau gewonnen zu haben. Den verlustreichen Auslandsbesitz der NHS International soll künftig die BGAG abwickeln.
Als die Gläubiger um die Jahresmitte zum erstenmal von Hoffmanns Vorhaben erfuhren, verstärkte sich der Wettlauf um die besten Stücke aus dem NHS-Besitz. Die Banken fürchten, bei einem Zusammenbruch der Städtebau den größten Teil der ungesicherten Kredite völlig abschreiben zu müssen.
Um eines der letzten noch begehrten Objekte verhandelt derzeit die Deutsche Genossenschaftsbank (DG). Die DG-Bank will der NHS das Loew''s Hotel in Monte Carlo abnehmen und gegen Kredite in Höhe von 57 Millionen Mark aufrechnen.
DG-Bank-Chef Helmut Guthardt hatte sich vorher schon andere NHS-Immobilien gesichert - neben dem Frankfurter Sanierungsprojekt Bockenheimer Warte auch die Münchner Zentrale des Bayerischen Rundfunks. Die DG-Bank bringt damit ihr NHS-Engagement ganz auf Null.
Vorreiter beim Rückzug aber war die Deutsche Bank. Nachdem eine ihrer Fonds-Töchter 1983 das über 100 Millionen Mark teure Einkaufszentrum in München-Neuperlach gekauft hatte, verabschiedete sich die Deutsche Bank völlig aus dem Kreis der Städtebau-Gläubiger. Selbst die BfG hat sich inzwischen am NHS-Besitz bedient und ihre Kredite nach Übernahme des Hamburger Hotelkomplexes Plaza um 140 Millionen Mark reduziert.
Nur die Westdeutsche Landesbank (WestLB) war nicht ganz so schnell wie die Konkurrenz: Die Bank steckt bei der NH zu tief drin, als daß sie rasch heraus könnte. Mit Forderungen von rund 925 Millionen Mark steht die WestLB auf Platz eins der Gläubigerliste.
Überdies sicherten sich Konkurrenz-Banken bereits die größeren Stücke. WestLB-Chef Friedel Neuber übernahm vergleichsweise bescheidene aber einträgliche Besitzungen aus dem NH-Reich: 48 Millionen Franc kostete das Einkaufs- und Bürozentrum Nanterre bei Paris.
Doch zugleich zwang der Düsseldorfer Bankier die BfG zu einem ganz und gar ungewöhnlichen Kredittausch. Das Gewerkschaftsinstitut nahm ihm ungesicherte NHS-Darlehen in Höhe von 120 Millionen Mark ab. Dafür ließ sich Neuber vom Konkurrenten im Grundbuch abgesicherte Kredite für Objekte der Schwesterfirma NHG geben.
Der Zugriff der Großgläubiger hat inzwischen die kleinen Banken nervös gemacht. Ihnen ist nun klar geworden, wie schlecht die großen Gläubiger den Boden- und Betonkonzern von der Alster einschätzen. So kommt es, daß die Neue Heimat schon um vergleichsweise geringe Beträge feilschen muß.
Die Royal Bank of Canada verlangte bereits von Hoffmann die Rückzahlung eines Kredits in Höhe von vier Millionen Mark. Als die Manager sich weigerten, zogen die Bankiers sogar vor Gericht. Erst vor wenigen Tagen konnte sich Hoffmann mit den Kanadiern doch noch einigen.
Nach dem Verkauf ihrer Prunkstücke ähnelt die Neue Heimat Städtebau einem löchrigen Schneckenhaus, aus dem die Schnecke längst ausgezogen ist.
Der verbliebene Auslandsbesitz ist nicht nur überschuldet, für ihn sind auch kaum Käufer zu finden. Vor allem die Grundstücke und Siedlungen in Lateinamerika drücken die Städtebau kräftig ins Minus.
Die Lage in Mexiko, bekannte Hoffmann vor seinen Gläubigern, sei »unverändert problematisch«. Dort besitzt der Konzern etliche, überwiegend mit Dollar-Krediten finanzierte Wohnkomplexe.
Wegen des Höhenflugs der US-Währung gerieten die Deutschen dort obendrein noch in eine Devisenschieflage. Kredite in Höhe von rund 388 Millionen Mark seien, räumte der Vorstand zur Jahresmitte ein, mit erheblichen Währungsrisiken behaftet.
In Venezuela hat die NHS ihre Projekte zwar überwiegend in der Landeswährung finanziert. Das hat die Probleme aber auch nicht verringert.
In dem südamerikanischen Staat haben die Landerschließer aus Hamburg Grundstücke im Wert von 280 Millionen Mark gehortet. Das Areal »Los Mangos« mit rund 216 000 Quadratmetern ist schon seit Ende 1981 erschlossen. Von den 54 Parzellen wurde die NHS aber nur zwei »nahezu kostendeckend« los.
Das Auslandsengagement der Neuen Heimat Städtebau, stellten Wirtschaftsprüfer beim Durchforsten der NH-Zahlen fest, sei sehr kritisch zu betrachten. »Wenn sich latente Risiken zu akuten Risiken entwickeln sollten«, faßte Hoffmann die Diskussion mit seinen Prüfern zusammen, werden »wir uns noch einmal an unsere Gesellschafter wenden müssen«.
Fragt sich nur, an wen. Die BfG, die früher stets einsprang, wenn es brenzlig wurde, kann der Neuen Heimat und ihrer Mutter, der BGAG, mit Finanzierungen schon seit fast zwei Jahren nicht mehr dienen.
Das Gewerkschaftsinstitut hat im Frühjahr 1983 von der staatlichen Bankenaufsicht in Berlin drastische Auflagen bekommen. Erträge dürfen nur noch zur Aufstockung des Haftkapitals verwendet werden. Zugleich forderte das Amt hohe Wertberichtigungen auf Kredite an überschuldete Länder wie Polen und Israel.
Überdies erhielt BfG-Chef Thomas Wegscheider von den Banken-Kontrolleuren die Auflage, der Neuen Heimat keine zusätzlichen Kredite mehr zu gewähren und sogar einen Teil der bereits gewährten, ungedeckten NHS-Kredite abzubauen.
Hoffmann sieht sich mit seinem Konzern zu einem Zeitpunkt allein gelassen, da ihm die Probleme über den Kopf zu wachsen drohen. Denn auch bei seiner gemeinnützigen Wohnungsbau-Gruppe - mit über 300 000 Wohnungen der solidere Teil des NH-Reiches - werden die Banken ungeduldig.
Allein durch Mietverzichte und Mietausfälle verlor die NHG 1983 fast 60 Millionen Mark. Hinzu kamen Verluste durch leerstehende Wohnungen in Höhe von 43 Millionen Mark.
Bisher sei es ihm nicht gelungen, beklagte Hoffmann vor seinen Gläubigern, »den Leerstand zu verringern«. Mehr als 6100 Wohnungen des Konzerns sind nicht vermietet.
Weitere Verluste in Höhe von über 170 Millionen Mark mußte die gemeinnützige Schwesterfirma 1983 sogar beim Verkauf gerade fertiggestellter Wohnungen einstecken. Auch für 1984 rechnet Hoffmann hier mit einem Minus von mindestens 120 Millionen Mark.
Rote Zahlen beschert dem Konzern auch die riesige Grundstückshalde. Obwohl Hoffmanns Verkäufer in diesem Jahr Ländereien für rund 300 Millionen Mark verkauften, schätzt der Vorstand den Wert der zinsschluckenden Landvorräte _(Loew''s Hotel in Monte Carlo. )
noch auf immerhin 1,3 Milliarden Mark.
An ihrer Grundstückshalde hat die Neue Heimat durch Neubewertungen, Mindererlöse und Zinslasten schon 1983 einen Verlust von rund 190 Millionen verkraften müssen. Auch für dieses Jahr muß sich Hoffmann auf ein dreistelliges Millionen-Minus einstellen.
Was der Vorstand bislang nur für seine Städtebau fürchten mußte, hat nun bei der NHG eingesetzt: Auch »im gemeinnützigen Bereich« (Hoffmann) weigerte sich eine Bank, dem Stillhalteabkommen beizutreten. Erst als die Manager einen vorzeitigen Tilgungsplan vorlegten, gab der Gläubiger nach.
Das Mißtrauen der Kreditgeber ist nur schwer einzudämmen. Zwei ausländische Banken, ist von NH-Banken zu hören, kommen schon mit neuen Forderungen. Sie wollen Garantieerklärungen der Gewerkschaften.
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LETZTER VERSUCH MIT DEM SORGENKIND? Umschichtung der Anteile an der Neuen Heimat Alte Beteiligungsverhältnisse = schwarze Linien Neue Beteiligungsverhältnisse = rote Linien IG Metall IG Bergbau und Energie und weitere Einzelgewerkschaften DGB Einzelgewerkschaften im DGB BGAG Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG, Frankfurt; Kapital: 450 Mill. Mark Vermögensverwaltungs- und Treuhandgesellschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes mbH, Düsseldorf Vermögensverwaltungs- und Treuhandgesellschaften der im DGB vertretenen Gewerkschaften NEUE HEIMAT Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft mbH, Hamburg; Kapital: 60 Mill. Mark Umwandlung in eine Aktiengesellschaft NEUE HEIMAT STÄDTEBAU GMBH, Hamburg; Kapital: 230 Mill. Mark Kapitalherabsetzung zum Jahresende 1984 NEUE HEIMAT STÄDTE-BAU INTERNATIONAL, Hamburg; PLANBAUCONTRACT (Inlandbereich), Hamburg; Kapital: 15 Mill. Mark
[GrafiktextEnde]
Loew''s Hotel in Monte Carlo.