NEUE HEIMAT
Die Prozedur im 36. Stock dauerte von ein Uhr mittags bis weit nach Mitternacht. Stunde um Stunde verlas dort, in der Frankfurter Zentrale der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), der Notar Christian Raabe die Texte von Kaufverträgen.
Ab und zu änderten die Sitzungsteilnehmer noch Formulierungsdetails. Dann, endlich, standen die Unterschriften unter den Verträgen über die bisher wohl größte Immobilien-Transaktion der Geschichte: Für rund eine Milliarde Mark hat die gemeinnützige Neue Heimat (NH) am vorigen Dienstag 22 000 Wohnungen verkauft.
Der Dimension des Geschäfts entsprechen die Nebenkosten. Allein 20 Millionen Mark Grunderwerbsteuer werden fällig. Das Honorar des Notars Raabe schätzen die Kollegen auf 150 000 Mark, mindestens.
Es ist in jedem Fall ein merkwürdiges Geschäft, das da im BfG-Hochhaus vollendet wurde. Denn nicht nur der Verkäufer Neue Heimat, auch der Käufer, die Beteiligungsgesellschaft für Immobilien (BGI), gehört zum gewerkschaftlichen Wirtschaftsimperium.
Von dem schlechten Schein, den die hastige und dubiose Veräußerung von 22 000 Wohnungen auf ihr Unternehmen wirft, konnten sich die Neue-Heimat-Manager nicht beirren lassen. Sie mußten verkaufen, um ganz schnell Geld auf die Konten zu bekommen.
NH-Chef Diether Hoffmann ist auf solche Verkäufe angewiesen, um mit der Hinterlassenschaft des 1982 wegen seiner Strohmann-Geschäfte gefeuerten Albert Vietor fertig zu werden. Er verlagert das Risiko nun auf alle anderen Unternehmen der Gewerkschaften.
Aus einem Firmengeflecht von Gewerkschaftsholdings und Beteiligungsgesellschaften kommt das Geld, mit dem die Neue Heimat vor dem Konkurs gerettet werden soll. Die Millionen werden auf die Konten der BGI geleitet. Die reicht sie an die Neue Heimat weiter, im Gegenzug werden der BGI die Wohnungen überschrieben.
Die Transaktion im 36. Stock half der Neuen Heimat, Bankschulden von 600 Millionen Mark loszuwerden. Das war dringend nötig: Das Testat der Wirtschaftsprüfer für den Jahresabschluß 1984 erhielt Hoffmann erst, als das Milliardending in Frankfurt gelaufen war.
An diesem Montag trifft der NH-Chef sich mit den Vertretern der Gläubiger-Banken, die versprochen haben, bis Ende 1986 stillzuhalten. Der Ex-Bankier Hoffmann, der 1982 von der BfG zur Neuen Heimat kam, wird Mühe haben, alle Gläubiger ruhigzustellen.
Die Zahlen aus dem Geschäftsbericht für 1984, die Hoffmann am Mittwoch in einer Pressekonferenz präsentieren will, sind für die Banken keine Ermutigung. Die Neue Heimat mußte voriges Jahr einen Verlust von 373,6 Millionen Mark ausgleichen. Sie schaffte das, indem sie für 377,9 Millionen Mark Wohnungen verkaufte.
Im laufenden Geschäftsjahr sind die Probleme nicht kleiner geworden; sie haben, so Hoffmann, »eher zugenommen«. Die Verluste steigen auf 500 bis 600 Millionen Mark. Hoffmann: »Wir stecken tiefer drin, als wir uns vor zwei Jahren vorgestellt haben.« Daran wird sich so bald nichts ändern. Die Schuldenlast drückt den gewerkschaftlichen Wohnungskonzern nach wie vor schwer.
In den letzten fünf Jahren mußte das Unternehmen rund zwei Milliarden Mark an Verlust ausgleichen, wie es in einem internen Bericht für die Aufsichtsratssitzung der Gewerkschafts-Holding BGAG heißt. Bis Ende 1985 sollen nach der jetzigen Planung zur Deckung dieser Verluste für 1,67 Milliarden Mark Wohnungen verkauft werden - »ohne daß sich die strukturellen Probleme grundlegend geändert hätten« (Berichtstext).
Die Probleme stammen allesamt aus den siebziger Jahren. Auf immerwährendes Wachstum vertrauend, hatten Vietor und seine Vorstandskollegen in Deutschland wie im Ausland Grundstücke gekauft und Mietshäuser hochgezogen. Das Desaster war unvermeidlich, als die auf Pump gekauften Grundstücke nicht bebaut, als bei den neuen Wohnungen nicht die kalkulierten Mieterhöhungen durchgesetzt werden konnten.
Anfangs traten die Gewerkschaften an, um mit ihren Mitteln den Wohnungskonzern
zu stützen. Doch dann erzwang die Mitgliedschaft, die ihre Beträge zweckentfremdet sah, einen Stopp dieser Transfusion. Fortan mußte Neue-Heimat-Chef Hoffmann Wohnungen verkaufen.
57 000 Wohnungen haben inzwischen den Eigentümer gewechselt; über 30 000 sollen noch dazukommen.
Ursprünglich wollte Hoffmann die Wohnungen bevorzugt an die Mieter verkaufen; auch an sogenannte institutionelle Anleger, Versicherungen zum Beispiel, war gedacht.
Doch es lief nicht wie erwartet. Nur wenige Mieter können sich leisten, ihre Wohnungen zu kaufen. Versicherungen und andere seriöse Immobilienkäufer halten sich zurück, weil die Wohnblocks der Neuen Heimat ihnen nicht als gute Geldanlage erscheinen.
In den fünfziger und sechziger Jahren zumeist als Sozialwohnungen hochgezogen, müßten die Wohnanlagen erst einmal saniert und dann erheblich teurer vermietet werden.
Hoffmann aber hatte versprochen, seine Mieter gegen solche Luxusmodernisierungen zu schützen. So sind die Käufer rar. Die Wohnungen werden zunächst einmal en bloc auf die BGI überschrieben, die sie, wie NH-Manager formulieren, »vorsichtig in den Wohnungsmarkt streuen soll«.
Mangels Verkäuflichkeit würde sich also zunächst für die meisten Mieter wenig ändern, außer daß »hier und da die Mieten um vielleicht eine Mark pro Quadratmeter steigen«, versucht Hoffmann seine bisherige Kundschaft zu beruhigen. Doch das gelingt nicht. Immer mehr Mieter sperren sich gegen den Verkauf ihrer Behausung.
In München, wo 2093 NH-Wohnungen auf die BGI übergehen sollten, schaltete sich SPD-Oberbürgermeister Georg Kronawitter ein. Die Stadt will die Wohnungen nun für 165 Millionen Mark selbst kaufen.
In Bremen scheiterten die Sozialdemokraten mit einem ähnlichen Vorhaben. Nach Münchner Vorbild sollten 8000 NH-Wohnungen in der Neuen Vahr, der Gartenstadt Vahr und der Neustadt an zwei städtische Baugesellschaften verkauft werden.
Obwohl Bausenator Bernd Meyer 355 Millionen Mark bot, kaum weniger, als die BGI zahlte, kam der Handel nicht zustande. NH-Chef Hoffmann war nicht bereit, sich auf eine Bedingung der Bremer einzulassen: Der NH-Manager sollte zusichern, daß der Gewerkschaftskonzern in Bremen in den nächsten fünf Jahren keine weiteren Wohnungen verkaufen werde.
»Eine Riesensauerei«, empörte sich ÖTV-Mitglied Meyer über den »Ausverkauf an Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften«. Besorgt wandten sich die Bremer Sozialdemokraten an ihren Parteivorsitzenden Willy Brandt; schließlich liegen die von der Neuen Heimat verkauften Wohnungen durchweg in SPD-Hochburgen. Die Genossen in Bonn sollen Druck beim DGB machen.
Norbert Schiffer, Sprecher der Mieterinitiative in Bremen-Vahr, will darauf nicht warten. Er sucht Kontakt zu anderen Mietergruppen in München, Berlin oder Frankfurt, um »den Widerstand überregional zu organisieren«.
Helfen wird das nichts: Ohne Wohnungsverkäufe wäre die Neue Heimat am Ende. Und dann würden sich die Gläubiger-Banken die Käufer suchen.