NEUE HEIMAT
Daß er im Februar 1982 aus seinem Amt gejagt wurde, hat Albert Vietor immer als »Ungerechtigkeit« empfunden. »Ich verlange«, so ließ der gefeuerte Chef des Gewerkschaftskonzerns Neue Heimat mehrfach wissen, »die völlige Rehabilitierung.«
Das wird kaum noch glücken.
Am Mittwoch vergangener Woche befand das Hamburger Landgericht, der
Gewerkschaftskonzern habe seinen langjährigen Vorstandsvorsitzenden zu Recht fristlos entlassen.
Vietor hatte, wie seine Vorstandskollegen Wolfgang Vormbrock und Harro Iden, gegen die Kündigung geklagt. Er verlangte 27 Monatsgehälter a 44 000 Mark sowie eine Pension von monatlich 22 000 Mark.
Nach dem Mißerfolg vor dem Landgericht bleibt dem 62jährigen, der in seiner Villa Tesoro am Lago Maggiore lebt, nur eins: Er muß in die Berufung gehen und so lange wie möglich prozessieren. Sonst könnte für ihn alles noch viel schlimmer kommen.
Die Neue Heimat (NH) nämlich hatte den Spieß umgedreht und auf die Klage ihres früheren Spitzenmannes mit einer Widerklage reagiert: Weil Vietor mit seinen heimlichen Privatgeschäften die Firma um Millionenbeträge gebracht habe, soll er Schadenersatz leisten - zunächst einmal zehn Millionen Mark.
Wieviel Vietor und Genossen zusammengerafft haben, ist auch für das Unternehmen selbst schwer zu schätzen. Die Neue Heimat weiß nicht, ob ihr alle Beteiligungen bekannt sind, mit denen Vietor über Strohmänner wie seinen Freund Karl Maximilian Eberhardt oder den Bankier Ernst Wölbern verdiente. Die Neue Heimat beziffert den Schaden, der ihr durch den ausgeprägten Erwerbssinn ihrer Manager entstanden ist, auf über 100 Millionen Mark.
Nach dem Urteil der vergangenen Woche muß der ehemalige NH-Chef nun jedoch alle privaten Geschäfte offenlegen und angeben, was er dabei verdient hat. Erst wenn Vietor alle Nebenverdienste, die er außerhalbe seines Arbeitsvertrags erzielt hat, vorlegt, kann die NH eine konkrete Schadenersatz-Forderung stellen.
Die SPIEGEL-Enthüllungen, die Vietor zu Fall brachten, hatten nur einen Teil von Vietors getarnten Geschäften offengelegt. Wenig später kam dann auch noch der wohl dickste Brocken heraus, die Terrafinanz in München. Diese Firma, 1961 von Vietor und anderen NH-Spitzenmännern gegründet, spielt in der Schadenersatz-Klage des Gewerkschaftskonzerns eine entscheidende Rolle.
Damals, als Münchens Stadtväter den Bau der riesigen Trabantenstadt Neu-Perlach planten, beschlossen Vietor und vier weitere NH-Manager, eine eigene Firma aufzumachen. Die sollte die erforderlichen Grundstücke aufkaufen und dann - mit einem Gewinn - an die Neue Heimat Bayern weitergeben.
Vietor und Genossen wurden nicht als Gesellschafter der Terrafinanz ins Handelsregister eingetragen. Sie versteckten sich über einen Treuhandvertrag hinter dem Bankier Wölbern. Der hatte nach Paragraph 2 des Vertrags die Gewinne »unverzüglich an den Treugeber weiterzuleiten«. Vietor war zunächst mit 13, dann mit 13,3 Prozent dabei.
»Wir würden gern wissen«, bohrte NH-Anwalt Hans-Jürgen Rabe vergangene Woche vor Gericht, »was die Gesellschafter kassiert haben.« Vietor hat es bislang verschwiegen. Er war auch, wegen einer Krankheit, vor Gericht nicht erschienen.
Nach einem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit hatte, ein Beispiel unter vielen, die Terrafinanz in Perlach-Nord 115 000 Quadratmeter Land zum Durchschnittspreis von 39,16 Mark pro Quadratmeter erstanden und an die NH Bayern verkauft - für 308,69 Mark. Die Transaktion, an der Terrafinanz-Teilhaber Albert Vietor verdiente, genehmigte der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der NH-Bayern, Albert Vietor.
Mit solchen und ähnlichen Geschäften, von München-Perlach bis Bremen-Oyten,
habe die Terrafinanz der Neuen Heimat einen Schaden von über 60 Millionen Mark zugefügt, stellten die Wirtschaftsprüfer der Treuarbeit fest.
Alles falsch, ließ Vietor seinen Anwalt Helmut Seifert in Hamburg vortragen. Nur eine üble Pressekampagne habe seinen Mandanten gestürzt. »Mit der Jauchespritze« sei man über Vietor hergefallen und habe »ein ganz schiefes Bild« von dem vortrefflichen Mann gezeichnet.
Souverän wischte der Vietor-Anwalt das Gutachten der Treuarbeit vom Tisch: Die Treuarbeit, eine der angesehensten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Bundesrepublik, beschäftige halt auch unfähige Leute. »Der Aufgabe«, meint Seifert, »war die Treuarbeit nicht gewachsen.«
In Wahrheit, erläuterte Vietors Anwalt, sei die Terrafinanz gegründet worden, um der Neuen Heimat zu einem gewaltigen Geschäft zu verhelfen. Ohne diese Firma hätte der Konzern in Neu-Perlach gar nicht bauen können; die Tätigkeit der Terrafinanz sei »für die Neue Heimat Bayern ein ungewöhnlich günstiges Geschäft« gewesen.
Doch mit den Belegen, die diese verblüffende These stützen sollten, brach Vietors Anwalt vor Gericht ein.
So erklärte Seifert beispielsweise, die Bauern aus Perlach und vor allem ein so konservativer Herr wie der bayrische Großgrundbesitzer August von Finck hätten ihre Äcker gar nicht an ein - in ihren Augen nichtswürdiges - Gewerkschaftsunternehmen verkaufen wollen. Falsch, konterte der NH-Anwalt: Gerade von Finck habe »nach dem Grundsatz 'non olet'« nachweisbar häufig Immobiliengeschäfte mit den Gewerkschaftern gemacht.
Die Neue Heimat, so ein weiteres Argument des Vietor-Anwalts, hätte auch gar nicht die Fachleute gehabt, um ein Großprojekt wie Neu-Perlach durchzuziehen. Die Wahrheit: Als Terrafinanz im September 1961 gegründet wurde, diente deren Geschäftsführer Gustav-Adolf Blum noch als Grundstücksreferent bei der Neuen Heimat in München: Fachmann Blum, mit einem Zwölftel an der Terrafinanz beteiligt, wurde von Vietor und seinen Partnern abgeworben.
Auch mit seinem letzten Argument konnte Vietors Anwalt nicht so recht überzeugen: Die Neue Heimat habe zu wenig Geld gehabt, um die Grundstückskäufe zu finanzieren, und daher habe die Terrafinanz einspringen müssen.
Das aber hieße, daß die Terrafinanz, die mit einem eingezahlten Anfangskapital von 60 000 Mark startete, finanzkräftiger als Europas größter Wohnungsbaukonzern (Stammkapital damals: 33 Millionen Mark) gewesen sein soll. Tatsächlich jedoch kaufte die Terrafinanz die Grundstücke auf Kredit - und sie bekam die Millionenkredite von der Bayerischen Vereinsbank nur deshalb, weil Vietors Hamburger Konzernzentrale für diese Kredite bürgte.
Es gab keinen Grund, so Seifert, seinen Mandanten zu entlassen. Zumindest hätten ihm weiterhin 44 000 Mark monatlich zugestanden. Schließlich habe sogar der damalige NH-Aufsichtsratsvorsitzende und DGB-Chef Heinz Oskar Vetter bei der Entlassung Vietors versichert: »Albert, du brauchst nicht stempeln zu gehen.«
Diesen Satz indes deutet NH-Anwalt Rabe ganz anders: Vetter hätte wohl damit sagen wollen, daß Vietor genügend Millionen beiseite geschafft habe.