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STANDORT Heimliche Freude

Wird DaimlerChrysler künftig von Amerika aus geführt? Das Gerücht beflügelte die Börse, doch tatsächlich macht eine Verlagerung der Zentrale keinen Sinn.
• aus DER SPIEGEL 41/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Selten sorgte eine Falschmeldung für so viel Wirbel. Nachdem der »Stern« am vergangenen Dienstag berichtet hatte, der DaimlerChrysler-Konzern wolle seinen Firmensitz möglicherweise in die USA verlagern, reagierten sie alle wie elektrisiert: Börsianer, die den Kurs der Aktie um 2,5 Prozent nach oben trieben; deutsche DaimlerChrysler-Mitarbeiter, die um ihren Job bangten, und Beobachter, die den drohenden Exodus deutscher Firmenzentralen ins Ausland befürchteten.

Die Vorstände und das gesamte Top-Management des Konzerns bekamen von den deutschen Aufgeregtheiten zunächst wenig mit. Sie tagten in Washington, und die Stallwache in Stuttgart reagierte strikt nach dem Handbuch für Dementis: Sie verbreitete, der Konzern nehme zu Spekulationen keine Stellung.

Damit aber wurden die Spekulationen nur angeheizt. Wäre es nicht tatsächlich lohnend für DaimlerChrysler, in die USA zu wechseln, dort niedrigere Steuern zu zahlen und zugleich in den wichtigen Aktienindex für US-Firmen, den Standard & Poor's, aufgenommen zu werden? Und ist in den Zeiten der Globalisierung, in denen Traditionskonzerne wie Hoechst oder Mannesmann einfach zerlegt werden, nicht auch ein Umzug des größten Industriekonzerns vorstellbar?

Nichts ist unmöglich, fand offenbar auch das Massenblatt »Bild«, das sich wegen des »Hochsteuerlandes Deutschland« sorgte: »Haut Daimler ab in die USA?«

Bei ruhiger Betrachtung ergibt sich schnell: Der Konzern hat keinen Grund dazu. Bislang ist Deutschland für DaimlerChrysler ein wahres Steuerparadies. Das Unternehmen profitiert von den besonderen Abschreibungsmöglichkeiten und zahlte hier zu Lande jahrelang fast gar keine Ertragsteuern.

Wegen hoher Verluste, vor allem bei den einstigen Töchtern AEG und Fokker, kann DaimlerChrysler seit Jahren einen Verlustvortrag, der zeitweise 17 Milliarden Mark betrug, geltend machen. Dieser Verlustvortrag wird den aktuell erzielten Gewinnen gegenübergestellt. Erst wenn sie ihn nach mehreren Jahren übersteigen, werden wieder Ertragsteuern fällig.

Doch auch dann ist eine Verlagerung in die USA wenig sinnvoll. Zwar liegt die Besteuerung des Unternehmensgewinns in den USA (35 Prozent plus regionale Abgaben) weit niedriger als in Deutschland (über 50 Prozent), aber setzt die rot-grüne Koalition ihre Pläne um, wird Deutschland zum Niedrigsteuerland. Geplant ist ein Steuersatz von 25 Prozent (plus Gewerbesteuer).

Ein Umzug würde schon am Widerstand des größten Aktionärs scheitern. Die Deutsche Bank hält einen Anteil von rund zwölf Prozent an DaimlerChrysler, der derzeit an der Börse mit 15,8 Milliarden Mark bewertet wird. In den eigenen Bilanzen steht das Aktienpaket, das die Bank schon seit Jahrzehnten hält, nur mit einem Buchwert von rund zwei Milliarden. Wenn die deutsche Aktiengesellschaft DaimlerChrysler in eine US-Gesellschaft umgewandelt wird, müsste die Deutsche Bank die Differenz zwischen Buchwert und aktuellem Kurswert, insgesamt 13,8 Milliarden, als Buchgewinn versteuern: Sie müsste fast sieben Milliarden Mark an den Fiskus abführen.

Auch auf DaimlerChrysler kämen bei einem Wechsel der Zentrale in die USA hohe Kosten zu. Der Konzern müsste in Deutschland eine Abschlussbilanz erstellen, in der Grundstücke und Gebäude mit den aktuellen Werten berücksichtigt werden. Da diese in den Bilanzen meist nur mit einem viel niedrigeren Wert erfasst sind, wäre die Differenz als Buchgewinn zu versteuern - und damit eine Steuerzahlung von mehreren Milliarden Mark fällig.

Für den abgestürzten Börsenkurs würde der Wechsel der Konzernzentrale wenig bringen. Als US-Konzern wäre DaimlerChrysler zwar im Standard & Poor's-Index vertreten und große Fonds würden die Aktie ordern. Doch dafür würde die Aktie aus den Indizes der größten deutschen und europäischen Unternehmen (Dax und Euro-Stoxx) ausscheiden; Fonds, die in diesen Indizes engagiert sind, würden DaimlerChrysler dann verkaufen.

In Deutschland würde die Auswanderung zudem auf massiven Protest der Betriebsräte stoßen, die ihre Mitbestimmungsrechte verlören. Und der Marke Mercedes-Benz drohte Imageschaden: Sie wäre nur noch die Tochter eines US-Konzerns so wie Opel oder Ford.

An dem Gerücht der Auswanderung sei absolut nichts dran, sagt Aufsichtsratsvorsitzender Hilmar Kopper von der Deutschen Bank. Und Konzernchef Jürgen Schrempp kommentiert gewohnt deutlich: »Das ist alles Quatsch.«

Andere Führungskräfte bei DaimlerChrysler, die über Aktienoptionen persönlich an Kurssteigerungen profitieren, offenbaren eine klammheimliche Freude an der Aufregung um eine mögliche Verlagerung: »Ist doch toll«, so ein Manager, »wie eine Falschmeldung den Kurs hochtreiben kann.« DIETMAR HAWRANEK

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