Heißer Draht - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Heißer Draht

Frankreichs neue Einkaufszentren sind die luxuriösesten Europas -- und wohl auch die teuersten.
• aus DER SPIEGEL 20/1972
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Marketing und Management importierten sie aus Amerika, die fehlende Kultur brachten sie ein: Französische Unternehmer entwickelten einen neuen Handels-Typ.

Nachdem die Franzosen bereits den zwar volkstümlichen, aber ordinären amerikanischen Drugstore zu einem raffinierten Publikumstreff umfunktioniert hatten, verwandelten sie jetzt eine andere fade US-Institution in einen Luxustempel für Konsumenten: das Einkaufszentrum.

Im südwestlich von Paris gelegenen Vorort Vélizy-Villacoublay eröffnete im Frühjahr dieses Jahres eine französische Unternehmergruppe »Vélizy II« das »wohl luxuriöseste Shopping-Center Eurqpas« (so die »International Herald Tribune"). Es war nicht der erste Rekord: Bereits ein halbes Jahr vorher war im Süden der Metropole das mit 120 000 Quadratmetern größte europäische Einkaufszentrum -- Belle-Epine -- eingeweiht worden.

10 000 Quadratmeter Marmorwände und -böden, 140 Mahagoni-verkleidete Säulen, fußballgroße, in Stahlgerüste eingespannte Halb-Edelsteine sowie Skulpturen und Fresken bekannter Künstler sollen den Käufern große Welt vorgaukeln. »Eine neue Art zu leben«, nennen die beiden in den USA ausgebildeten Vélizy-II-Erbauer Jean-Louis Solal, 44, und Robert de Balkany, 40, ihren Verführungs-Trick.

Tatsächlich sind die Desucher der neuen Einkaufs-Tempel statistisch reicher als die Normalfranzosen, Die Kaufkraft der Klientel von Vélizy II beispielsweise liegt 47 Prozent über dem Landesdurchschnitt.

Entsprechend konzipierten die Erfinder der neuen Einkaufskunst die Zentren: Flankiert von zwei bekannten Kaufhäusern, erstrecken sich -- in Vélizy II -- zwei übereinanderliegende, vollüberdachte und klimatisierte Einkaufstrakte, deren Basar-artig angelegte Läden an 151 Einzelhändler vermietet worden sind (zum Richtsatz von sechs Prozent des Umsatzes). Die Preise in einigen Luxusboutiquen übertreffen selbst die auf den Champs-Élysées.

Während in anderen Supermärkten die Lebensmittelabteilungen oft den größten Platz einnehmen, liegt er in Vélizy II bei nur fünf Prozent der Gesamtfläche. Auch hier ließen sich die Architekten etwas Besonderes einfallen: Die Lebensmittelläden liegen in einem Seitentrakt, dessen Wände nicht mit Marmor, sondern Ziegelsteinen verkleidet sind -- ähnlich einer vertrauten französischen Einkaufsstraße.

Der Grund für die Zurückhaltung im klassischen Konsumbereich sind die relativ geringe Gewinnspanne bei Lebensmitteln und das Preisbewußtsein des französischen Durchschnittsverbrauchers, wenn es um Ausgaben für Butter und Brot geht. Anders bei den reichlich angebotenen Waren -- etwa Posters und anderem Tingeltangel: Da hier dem Normalverbraucher jegliche Vergleiche fehlten, fordern die Händler Phantasiepreise.

Sollte sich ein Käufer in den neuen Konsumenten-Zentren jedoch getäuscht oder gar betrogen fühlen, steht ihm ein Weg offen, der ihm im französischen Alltagsleben sonst verschlossen ist: Nimmt er den Hörer eines der überall herumstehenden roten Telephone ab, meldet sich am anderen Ende des heißen Drahts die Direktion.

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