meinung •Energiekrise Wie wir richtig viel Gas sparen – wenn Mieter, Vermieter und Politik mitziehen
Drehen am Thermostat: Auch kleine Maßnahmen helfen
Foto:Hauke-Christian Dittrich / dpa
Deutschland steckt in der schwersten Energiekrise seit dem Ölpreisschock von 1973. In der Diskussion geht es schnell um Atomkraft, Flüssiggas-Terminals und grünen Wasserstoff. Dabei ist das größte Thema weit profaner: Heizen.
Etwa die Hälfte der deutschen Wohn- und Bürogebäude wird mit Erdgas beheizt und mit Warmwasser versorgt. Für Gebäudewärme wird fast die Hälfte des insgesamt genutzten Gases verbraucht, weit mehr als in Industrie oder Kraftwerken. Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin den Gashahn endgültig zudreht – und das könnte jeden Tag passieren – ist eine deutliche Einsparung beim Heizen sinnvoll, damit Deutschland sicher und entspannt durch den Winter kommt.
Tatsache ist auch: Selbst wenn Russland weiter Gas liefert, werden die Heizkosten im kommenden Winter explodieren. Energiesparen ist also auch mit Blick auf den eigenen Geldbeutel zu empfehlen. Aber was sind die Optionen, wie groß das Einsparpotenzial, und was muss die Politik tun, damit dieses Potenzial gehoben werden kann?
Was jeder tun kann
Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten, den Gasverbrauch kurzfristig zu senken, die jede und jeder umsetzen kann: Stoßlüften statt Fenster kippen, nachts und bei Abwesenheit die Heizung ausstellen, wenig genutzte Räume kühler lassen, Duschen statt Baden, Sparduschkopf und intelligente Heizköperthermostate installieren sowie die Wohnungstemperatur um wenige Grad reduzieren – all das kostet nichts oder wenig, bedarf keiner Handwerker und bringt erstaunlich viel: In einer aktuellen Studie zeigen wir, dass die Deutschen bereits sparen. Nach der russischen Invasion reduzierten die privaten Haushalte ihren Gasverbrauch sofort um etwa sechs Prozent.
Bei anderen Maßnahmen müssen die Eigentümer der Wohnungen handeln, etwa bei der Optimierung der Heizungsanlagen, der Absenkung der Heiztemperatur ganztags oder nachts oder der besseren Isolierung von Heizungsrohren im Keller und in Wirtschaftsräumen. Eine wissenschaftliche Studie der Immobilienhochschule EBZ Business School und der TU Dresden kommt zum Schluss, dass bei 86 Prozent der Heizungsanlagen in Deutschland Optimierungsspielraum besteht. Allein zehn Prozent des Jahresgasverbrauchs könnten beispielsweise eingespart werden, wenn die Kessel im Sommer tatsächlich abgeschaltet würden. Der Verband der Wohnungsunternehmen GdW spricht von 17 Prozent Energieeinsparung , die ohne Komfortverlust erreichbar seien.
Wenn durch diese einfachen Maßnahmen zusammen beispielsweise 20 Prozent Gas eingespart werden könnten, entspräche das bereits der gewaltigen Menge von 90 Milliarden Kilowattstunden – das ist mehr als der gesamte Gasverbrauch der Lebensmittel-, Stahl- und Autoindustrie zusammen. Finanziell würde dies eine Entlastung der privaten Haushalte von rund 15 Milliarden Euro pro Jahr bedeuten – fast so viel wie die Entlastungspakete der Bundesregierung. Es geht also auch schlicht um sehr viel Geld.
Was die Politik jetzt tun muss
-
4 Min
-
7 Min
-
Wegen hoher Energiepreise: Sächsische Wohnungsgenossenschaft schränkt Warmwasserversorgung ein2 Min
2 Min
Umfragen zeigen: Die meisten Deutschen unterschätzen massiv, welche Kostensteigerungen drohen. Preissteigerungen beim Gas von 200 bis 300 Prozent sind realistisch. Die Menschen müssen wissen, was auf sie zukommt. Jeder Energieversorger sollte deswegen seine Kundinnen und Kunden frühzeitig und regelmäßig über Kostensteigerungen informieren, Abschlagszahlungen anpassen – und mit Energiespartipps versorgen.
Rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland wohnen zur Miete. Sie sind oft ökonomisch schlechter gestellt und vulnerabler als Wohnungs- oder Hauseigentümer. Zu ihrem Schutz hat die Rechtsprechung viele Regelungen gefunden, die an sich sinnvoll, in der Krise aber problematisch sind, weil sie die Anreize und Möglichkeiten zum Energiesparen einschränken. Wir sehen deswegen in vier Bereichen Handlungsbedarf:
Über Kostensteigerungen informieren: Um Mieterinnen und Mieter zu schützen, sollten Vermieter Abschlagszahlungen anpassen und die ohnehin seit diesem Jahr einmal im Monat gesetzlich vorgeschriebene Informationen über den monatlichen Energieverbrauch um eine Kostenprognose ergänzen. Wenn die Menschen den Winter fröhlich heizen und dann mit riesigen Nachzahlungen konfrontiert werden, ist niemandem geholfen.
Finanzielle Anreize zum Energiesparen – auch für Vermieter: In Deutschland sind Kaltmieten der Normalfall. Hier können Vermieterinnen alle Heizkosten weitergeben. Deshalb lohnt es sich für sie trotz der hohen Energiepreise finanziell kaum, ins Energiesparen zu investieren. Die Bundesregierung will langfristig die Einführung einer sogenannten Teilwarmmiete prüfen – dabei verbleibt ein Teil der Heizkosten beim Vermieter, sodass auch dieser einen finanziellen Vorteil von gesunkenen Energiekosten hat. Als Sofortmaßnahme für den kommenden Winter sollte die Politik prüfen, wie Vermieter in die Pflicht genommen werden können, um die selbst von der Immobilienbranche identifizierten Einsparpotenziale tatsächlich zu heben. Was wäre beispielsweise, wenn Vermieter nur dann die Kosten vollständig weitergeben können, wenn sie diese Einsparziele erreicht haben?
Den Spielraum für Vermieter erhöhen: Damit Vermieter in diesem Winter zusätzliche Einsparpotentiale heben können, wäre eine Absenkung der Raumtemperaturen sinnvoll. Die Rechtsprechung steht dem allerdings entgegen: In allen Wohn- und Büroräumen müssen tagsüber 20 bis 22 Grad Celsius erreicht werden können. Damit Vermieterinnen die Heizperiode später einsetzen lassen oder die Heiztemperatur absenken können, halten wir es für sinnvoll, für diesen Winter eine gesetzliche Regelung zu erlassen, die das Absenken der Mindesttemperatur um wenige Grad zulässt. Die Regelung müsste befristet sein und sollte erst dann greifen, wenn Vermieterinnen bereits andere Maßnahmen ohne Komfortverlust ergriffen haben.
Den Spielraum für Mieter erhöhen: Viele Mietverträge verpflichten auch Mieterinnen dazu, bestimmte Temperaturen zu erreichen. So soll Schimmelbildung vorgebeugt werden, obwohl regelmäßiges Stoßlüften oft die wirksamere Maßnahme gegen Schimmel ist. Wenn Mieter jetzt weniger heizen wollen oder aus Kostengründen müssen, so können sie für Schäden an der Gebäudesubstanz verantwortlich gemacht werden. Wir halten es deshalb für sinnvoll, diese Anforderungen an Mieter in diesem Winter außer Kraft zu setzen.
Trotz aller Sparanstrengungen werden die steigenden Heizkosten für viele Menschen eine existenzielle Belastung darstellen. Die zusätzlichen Belastungen müssen abgefedert werden, vor allem für wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen. Aber dies muss auf eine Weise geschehen, die die Energiesparanstrengungen nicht unterläuft. Das geeignete Instrument dafür sind Direktzahlungen. Dadurch werden die Menschen entlastet, aber Sparen lohnt sich weiter.
Und wenn das Gas doch weiter fließt? Dann haben wir Klima und Geldbeutel geschont und gehen mit vollen Gasspeichern entspannt ins nächste Jahr.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes wurden an einer Stelle Warmmiete und Kaltmiete vertauscht. Wir haben die Stelle korrigiert.