Heizöl contra Kohle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 14 / 46

BRENNSTOFF Heizöl contra Kohle

• aus DER SPIEGEL 23/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Westdeutschlands Brennstoffverbraucher haben gegenwärtig Gelegenheit, von einem Preiskampf zu profitieren, der in Ludwig Erhards vielgelobter Marktwirtschaft kaum eine Parallele aufweist: Auf dem Heizölmarkt spielt sich ein derart rabiater Konkurrenzkampf ab, daß die Heizölpreise innerhalb des letzten halben Jahres um nahezu 30 Prozent sanken.

Dieser Kampf ist der Auftakt eines in der Zukunft zu erwartenden großen Geschäfts. Bisher brannten die westdeutschen Haushalte und die Industrie fast ausschließlich Kohle. Jetzt zeichnet sich eine tiefgreifende Veränderung ab. Nach Berechnungen des Bundeswirtschaftsministeriums sollen dieses Jahr 7,4 Millionen Tonnen Heizöl in Westdeutschland abgesetzt werden, gegenüber 4,9 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Bis 1965 wird sogar ein jährlicher Heizölabsatz von 17,5 Millionen Tonnen erwartet. Um die Ausgangsposition in diesem Geschäft kämpfen gegenwärtig die Anbieter mit größter Schärfe.

So klagte der Verkaufsdirektor der Hamburger Mineralölfirma BP Benzin- und Petroleum AG, Albert Hallmann, nicht ohne Grund: »Dieses ist der rücksichtsloseste Konkurrenzkampf, den die Ölbranche seit der Weltwirtschaftskrise in Deutschland erlitt.« Fast alle Heizölsorten werden billiger angeboten als auf dem Weltmarkt. Die Anbieter, die ihre Waren zu Weltmarktpreisen beziehen müssen, sehen sich gezwungen, die Differenz draufzuzahlen. Der Generaldirektor der Hamburger Esso AG, Gerhard Geyer, bezeichnete den gegenwärtigen Preiskampf als »catch-as-catch-can«.

Kontrahenten im Catch um die deutschen Heizölkunden sind aber nicht nur die internationalen Ölgesellschaften wie Esso und BP. In das Heizölgeschäft haben sich auch die großen Ruhrzechenkonzerne eingeschaltet. Während die Zechenherren des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau dem Kanzler Konrad Adenauer und Ludwig Erhard seit Monaten in den Ohren liegen, endlich wirksame Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um die für den Bergbau angeblich ruinöse Konkurrenz des Heizöls zu beseitigen, machten sie sich gleichzeitig daran, über ihre firmeneigenen Kohlenhandelsgesellschaften und über eigene Raffinerien einen großen Teil dieses Heizölgeschäftes an sich zu bringen.

Sei es, daß der Ruhrbergbau nicht mehr ernsthaft an amtliche Bonner Schutzverordnungen glaubt, sei es, daß die Zechenherren der Kohle ohnehin keine Chance mehr einräumen, jedenfalls drängelten sich Unternehmen wie Haniel, Stinnes, Klöckner, Gelsenberg und Mannesmann derart forsch in das Heizölgeschäft, daß gegenwärtig mindestens 40 Prozent des leichten Heizöls - einschließlich der Importe - von Kohlenhandelsgesellschaften vertrieben werden. Auch beim schweren Heizöl, das zur Hauptsache in der Industrie Verwendung findet, konnten sich die Zechenfirmen einen zehnprozentigen Marktanteil sichern. Nach den traditionellen Ölhandelsfirmen, der Esso und der BP, hält der Kohlenbergbau zur Zeit die dritte Position auf dem westdeutschen Heizölmarkt.

Mit Befremden entdeckten die Direktoren der großen Ölgesellschaften, daß sich die Ruhrzechen dabei offenbar über die Auswirkungen nicht viel Gedanken machen, die ihre zusätzlichen Angebote auf den Preis des Heizöls und somit mittelbar auf den Kohleabsatz haben müssen. Seit dem vergangenen Herbst sinken die Heizölpreise nahezu jede Woche, zumal auch überseeische Raffinerien, vor allem in Venezuela, Europa mit billigem Öl überschwemmen. Amtliche Schätzungen über eine progressive Energielücke in der Bundesrepublik trugen dazu bei, den internationalen Ölgesellschaften ein neues und ertragreiches Geschäft in Westdeutschland zu suggerieren.

Tatsächlich sind die westdeutsche Industrie wie auch Haushalte seit einigen Jahren geneigt, die übliche Kohlefeuerung durch das erheblich praktischere Heizöl zu ersetzen. Bis zum Herbst vorigen Jahres stand einer breiteren Ausdehnung des Ölgeschäfts jedoch noch die Tatsache entgegen, daß einmal Importe knapp und zum anderen eigene Raffinerien, in denen das Rohöl in Heizöl, Dieselöl, Asphalt, Benzin und viele andere Mineralölprodukte gespalten wird, kaum ausreichend vorhanden waren. Obendrein hatten die Mineralölgesellschaften den Zechen zugestanden - so berichtet jedenfalls BP-Direktor Hallmann -, daß Heizöl nur zu einem Preis abgegeben werden sollte, der den Absatz von Koks und Steinkohle nicht gefährden könnte.

So kostete die Tonne schweres Heizöl bis vor wenigen Monaten in den meisten Gebieten Westdeutschlands noch 30 bis 40 Prozent mehr als Kohle; da der Wärmewert des Öls den Ausnutzungsgrad der Steinkohle um etwa 40 Prozent übertrifft, waren die Preise relativ gleich hoch. Dieses Augenzwinker-Kartell zwischen Bergbau und Mineralölindustrie enthob die Kohle -Förderer allzugroßer Sorgen, denn bei relativ gleichen Preisen scheuten viele Unternehmen und Haushalte die hohen Umstellungskosten und blieben bei der Kohlefeuerung.

Die harmonische Zusammenarbeit war allerdings nicht von Dauer, denn einmal bröckelten die Tankerfrachten im vergangenen Jahr ab, wodurch sich die Öl-Importe verbilligten, zum anderen hatten die Mineralölgesellschaften im Hinblick auf die westdeutsche Energielücke beschlossen, ihre Raffinerien zügig auszubauen, um so die Einfuhr von Fertigerzeugnissen, wie Heizöl und Benzin, abstellen zu können und dafür vermehrt Rohöl zu verarbeiten. Ab 1961 sollen nach den Plänen der Mineralölgesellschaften Esso, BP und Shell sowie des Ruhrbergbaus jährlich mehr als 32 Millionen Tonnen Rohöl in eigenen Raffinerien destilliert werden. 1957 konnten die Gesellschaften nur 16,6 Millionen Tonnen in eigenen Werken destillieren.

Um aber eine einigermaßen sichere Gewähr dafür zu haben, daß die teuren Raffinerien später auch ausreichend beschäftigt sind, müssen die Ölgesellschaften schon heute darauf bedacht sein, sich einen Marktanteil zu sichern, der ihrer künftigen Raffineriekapazität entspricht.

Durch das beginnende Rennen der Ölgesellschaften um die Marktanteile sahen sich die Kohlenhandelsgesellschaften wie Klöckner und Raab Karcher GmbH unversehens in eine schwierige Lage gebracht. Nach der Kohlepreiserhöhung am 1. Oktober vorigen Jahres trauten sie dein Kohlegeschäft nicht mehr, sondern hielten es vielmehr für richtig, auch ihrerseits in die Preisschlacht am Heizölmarkt einzugreifen, zumal eine Reihe ihrer Kunden jetzt ihre Anlagen ebenfalls mit Öl befeuern wollte. Um diese Kunden zu halten, schien es den zecheneigenen Kohlenhandlungen geraten, ebenfalls billiges Heizöl zu verkaufen, obwohl dadurch die Absatzmisere der Ruhrkohle noch kritischer werden mußte.

Den direkten Zusammenhang zwischen dem forcierten Handel der Zechen mit Heizöl und den Kohlehalden will man an der Ruhr nicht eingestehen. Erklärte der Direktor der Raab Karcher GmbH, Fritz Dittmar, dessen Firma der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) angehört: »Heizöl ist ein Brennstoff genau wie Kohle und soll ebenfalls von uns gehandelt werden. Als die Fernsehgeräte auf den Markt kamen, wurden sie ja auch vom Radiohandel verkauft. Ich lasse mir doch meine Kunden nicht wegnehmen.«

Dittmars Raab Karcher GmbH fiel es nicht einmal schwer, den Heizölabsatz zu forcieren. Die Gesellschaft verfügt innerhalb des GBAG-Konzerns über eine Raffinerie, die Gelsenberg Benzin AG. Wie erfolgreich diese Raffinerie sich in die Heizölproduktion eingeschaltet hat, erfuhren die Aktionäre der Gelsenkirchener Bergwerks-AG jüngst aus einem Aktionärsbrief. »Unser Mineralölwerk«, schrieb GBAG-Generaldirektor Dütting, »hat 1957 über zwei Millionen Tonnen Rohöl durchgesetzt, zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr. Es sind jedoch nur sechs Prozent mehr Treibstoffe hergestellt worden... Aber 153 Prozent mehr an Heizöl.«

Daß derartige Rekordproduktionen jedoch nicht allein dazu dienten, dem Bergbau den Kundenstamm zu erhalten, davon konnten sich die Mineralölgesellschaften in den letzten Monaten überzeugen. Mäkelte BP-Direktor Hallmann: »Wir kommen jeden Morgen mit Angst und Bangen ins Büro. Kürzlich erwartete uns zum Beispiel die Schreckensnachricht, daß eine Kohlenhandelsgesellschaft unser Angebot vom Tage zuvor um sage und schreibe neun Mark je Tonne unterboten hatte.«

Ähnliche Erfahrungen machte auch die Esso. Das Unternehmen erhielt Nachrichten, wonach die Kohlenhandelsgesellschaften in hafenfernen Gebieten schweres Heizöl für etwa 66 Mark je Tonne anbieten. Das sind etwa 20 Mark weniger als die Zechenfirmen selbst für Heizölimporte aus Venezuela aufwenden.

Die Mineralölgesellschaften wunderten sich über derartige Verlustverkäufe der Zechenfirmen besonders deshalb, weil die gleichen Unternehmen beispielsweise ihren Kohlenkunden keineswegs mit derartigen Preiszugeständnissen entgegenkommen. Die Ölmanager äußerten daher ihren Verdacht, daß die Zechen den Kampf um das Heizöl aus Steuergeldern finanzieren, die ihnen vom Bonner Finanzministerium seit Jahren in Form der sogenannten Hydrierpräferenz gewährt werden.

Im Ruhrgebiet war in den dreißiger Jahren eine Reihe von sogenannten Hydrierwerken gebaut worden, die eigens dazu bestimmt waren, für das rohölarme deutsche Reich Benzin und Dieseltreibstoff aus der Steinkohle zu gewinnen. Diese Kohleverflüssigung ist gemeinhin teurer als die Rohöldestillation in Raffinerien. Um diesen Werken nach dein Krieg die Umstellung auf Rohölverarbeitung zu ermöglichen, gewährte ihnen der damalige Bundesfinanzminister Fritz Schäffer einen Steuernachlaß für Benzin (8,7 Pfennig je Liter) und Dieselöl (5,3 Pfennig je Liter). Jährlich sparen die Hydrierwerke durch diese Präferenz etwa 150 Millionen Mark an Steuern ein.

Die Mineralölgesellschaften behaupten nun, die Hydrierpräferenz sei längst überholt, denn Hydrierwerke wie Gelsenberg, Wesseling und Scholven, die alle in Zecheneigentum sind, seien derart modernisiert worden, daß sie keineswegs leistungsschwächer sind als die Raffinerien.

»Alle Vermutungen«, erklärte hingegen Raab-Karcher-Direktor Dittmar - dessen Werk durch Hydrierpräferenzen jährlich 60 Millionen Mark Steuern einspart -, »wir benutzen die Präferenzbeträge zur Finanzierung von Marktkämpfen, sind barer Unsinn.«

In der Tat läßt sich der Verdacht der Ölgesellschaften nicht beweisen, ebensowenig wie Dittmar den Beweis dafür antreten möchte, daß die Hydrierwerke wirklich teurer arbeiten als die Raffinerien.

Die Kohlenhandelsgesellschaften ließen sich von ihrem unbeschwerten Preisgebaren auf dem Heizölmarkt auch nicht durch die Tatsache abbringen, daß gegenwärtig täglich etwa 50 000 Tonnen Steinkohle und Koks auf Halden befördert werden müssen. Bis zum Beginn des Wintergeschäftes Anfang Oktober dieses Jahres - so hatten Energie-Experten der Montan-Union geschätzt - würden die Halden mit acht Millionen Tonnen ihren höchsten Stand erreichen. Unter den gegebenen Verhältnissen aber wird der kritische Bestand bereits spätestens Mitte Juni erreicht sein.

In den kunststeinverzierten Palästen der westdeutschen Mineralölindustrie versucht man unterdes, sich einen Reim auf das widerspruchsvolle Verhalten des Ruhrbergbaus zu machen. Erklärte der Generaldirektor der Hamburger Esso AG, Gerhard Geyer: »Der Ruhrbergbau hat nach langem Widerstreben endlich eingesehen, daß dem Heizöl eine ständig wachsende Bedeutung im Brennstoffgeschäft zukommt. Wenn die Handelsgesellschaften der Ruhr durch Preisdrückereien auf dem Heizölmarkt nunmehr ihrer eigenen Kohle Konkurrenz machen, dann kann ich mir das nur so erklären, daß der seit 60 Jahren streng kartellierte Kohlenhandel jetzt, da er im Heizölgeschäft die ungewohnte Preisfreiheit genießt, ein wenig über das Ziel hinausschießt. Die sind eben noch ein bißchen ungezogen.«

Heizöl-Kundendienst: Die Zechen liefern Öl

Zur Ausgabe
Artikel 14 / 46

Mehr lesen über