Whisky-Werbung Helle Masche
In einem 21-Zeilen-Brief belehrte die Rechtsabteilung der Henkell & Co. in Wiesbaden-Biebrich (Importeur der Whisky-Marke »Black & White«) die Konkurrenz im benachbarten Schierstein. daß die Anzeigen für die Marke »J. & B. Rare Whisky eindeutig unzulässige vergleichende Werbung« enthalte. Zur Vermeidung gerichtlicher Schritte sei eine »Unterlassungserklärung« abzugeben.
Mit dem juristischen Geplänkel will Henkell eine im Spätherbst vergangenen Jahres vom J. & B.-Importeur Söhnlein gestartete Kampagne stoppen, die »den wahren Whisky-Freund« mit bisher unbekannten Scotch-Informationen versorgte.
In vier »offenen Briefen« attackierten Söhnleins Whisky-Werber die Vorurteile der deutschen Kundschaft, nach denen »Whisky nur durch zunehmendes Alter dunkler wird«. ln Wirklichkeit, so die Reklametexter« sei »dunkel nicht immer gleich alt, genauso wie hell nicht gleich jung ist. Ein jeder Whisky nimmt, während er reift, vom Holz der Fässer eine leichte Tönung an«. Am Schluß der Inserate lüftet die Firma ein bisher gut gehütetes Branchengeheimnis: Die dunkle Farbe schottischer Whiskys werde zum größten Teil durch den Zusatz von »Zuckercouleur« erreicht.
Mit den Attacken gegen die schottischen Mitbewerber ließen es die J. & 8.-Manager freilich nicht bewenden. In dem raffinierten Textwerk strichen sie sich selbst nach Kräften als Saubermänner der Branche heraus. Schlußrefrain ihrer Anzeige: »Wir haben nichts dazu getan, daß J. & B. Rare heller ist als anderer Scotch. Wir haben nur etwas weggelassen.«
Tatsächlich ist schottischer Whisky von Natur aus hellbraun. Auch nach längerer Lagerung tritt nur eine leichte Farbtönung ein. Grund: Die Destillateure im Norden Englands lassen ihren Gerstenschnaps in gebrauchten Sherry- oder Bourbonfässern reifen. Die verkaufsfördernde braune Farbe ist nur dann zu erreichen, wenn Alkoholika wie amerikanischer Bourbon oder französischer Cognac in neuen Eichenfässern gelagert werden.
Marktpsychologen haben schon lange herausgefunden, daß vor allem Bundesbürger der Meinung sind, dunkle Farbe deute bei Weinbrand, Cognac. Whisky oder Rum auf besondere Qualität hin. Immer mehr Fabrikanten des In- und Auslands haben sich deshalb darauf eingestellt und machen ihre Destillate mit Zuckercouleur und Karamellösung ansehnlicher.
Die J. & B.-Importeure glauben, westdeutsche Alkoholfreunde von solchen Vorurteilen befreien zu können. Denn ihr heller Scotch ist inzwischen in vielen anderen Ländern der Welt zu einem Verkaufsschlager geworden. In den Vereinigten Staaten und Italien zum Beispiel rangiert das von der Londoner Firma Justerini & Brooks hergestellte Feuerwasser an der Spitze aller Scotch-Whisky- Marken.
Um sich von den über 50 Mitbewerbern auf dem deutschen Whisky-Markt abzuheben, gab es für die J. & B.-Manager ohnehin nur die Möglichkeit. mit kalkulierter Ehrlichkeit aufzufallen. Denn die von Söhnlein beauftragte Werbeagentur Heumann, Ogilvy & Mather sah sich außerstande, gegen emotionsgeladene Werbesprüche von Spitzenmarken wie Black & White (»Wo Männer sind, ist Black & White«), Vat 69 (»Echt männlich, echt schottisch«). White Label (»Der Whisky der Unbestechlichen«) zugkräftige Gegenparolen zu finden.
Inzwischen hat die Justerini & Brooks-Zentrale in London die Söhnlein-Manager wissen lassen, daß auch sie mit der Werbekampagne nicht einverstanden ist Grund: J. & B. wurde von Englands größtem Schnapsbrenner. der Distillers Company, zu deren Produkt-Palette fast sämtliche Scotch-Weltmarken gehören, aufgefordert. das aggressive Werbespektakel zu unterlassen. Widrigenfalls müsse das Unternehmen mit einstweiligen Verfügungen aller großen Whisky-Marken Englands rechnen. Der Wink des Scotch-Giganten war nicht zu ignorieren, da beide Firmen gemeinsame Besitzer schottischer Destillerien sind.
Ohnehin können sich die schottischen Whisky-Hersteller auf dem deutschen Markt derzeitig keinen Bruderzwist leisten. Denn immer stärker mußten sie sich in den letzten Jahren gegen die amerikanische Bourbon-Konkurrenz zur Wehr setzen. Während die Scotch-Hersteller im letzten Jahr ihren Marktanteil nur noch um zwei Punkte auf rund 64 Prozent steigern konnten, erzielten die Amerikaner ein Plus von fast sechs Punkten und erreichten somit über 20 Prozent vom gesamten Whisky-Markt Westdeutschlands.
Gleichwohl wollen die deutschen J. & B.-Werber an der »hellen Masche« festhalten. Produkt-Manager Dieter Kiefer: »Allerdings werden wir nicht umhin können, unsere Texte abzusoften.«