KONJUNKTUR Hellwach sein
Moralische Aufrüstung tut not. Krisenfurcht durchzieht die Hauptstadt. »Wir müssen«, gab sich Wirtschaftsminister Hans Friderichs tapfer, »noch eine Weile durchhalten.« Finanzminister Helmut Schmidt verabreichte die Beruhigungspille: »Es besteht kein Grund zur Besorgnis.«
Intern aber müssen die Konjunktursteuerer, die seit fast einem halben Jahr mit einem massiven Austerity-Programm den Bürgern die Lust am Konsumieren und Produzieren zu nehmen suchen, sich bereits für den wirtschaftlichen Notstand rüsten.
»Wenn sich die Tendenz fortsetzt« warnt Schmidt-Staatssekretär Karl Otto Pöhl, »können wir in eine ganz schöne Rezession hineinkommen.«
Allenthalben, bei Unternehmern wie bei Verbrauchern, machen sich Konjunktur-Ängste breit, fast täglich signalisiert die Wirtschaft neue Gefahren.
»Einen schweren Einbruch im Inlandsgeschäft« registrierte jetzt der Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten. Im September wurden aus dem Inland real 16 Prozent weniger Maschinen als im Vorjahresmonat bestellt.
»Es wird nichts mehr neu gebaut. nichts mehr neu beantragt, nur noch Begonnenes zu Ende gebracht«, meldete Wilhelm Hankel. Präsident der Hessischen Landesbank. Vergaben die Banken im Februar dieses Jahres noch mit-
* Triumph-Werke (l.), MAN-Laster.
tel- und langfristige Kredite von neun Milliarden Mark (saisonbereinigt), so waren es im August nur noch 2,9 Milliarden.
»Wir stehen im Einzelhandel vor einer echten Rezession«, zeigte Fritz Seydaack, Vorstandsmitglied des Düsseldorfer Kaufhaus-Konzerns Horten. an: Die Textil-Einzelhändler setzten im September elf Prozent weniger um als vor einem Jahr, die Schuh-Händler zwölf Prozent weniger.
Die Berliner Handels-Gesellschaft -- Frankfurter Bank warnte, »der Trend am Arbeitsmarkt läuft schon seit Jahresanfang 1973 ähnlich wie 1966«, als die bislang schwerste Rezession der Bundesrepublik begann. Im September, einem Monat, in dem sonst die Beschäftigung auf Hochtouren läuft, gab es bereits 219 000 Arbeitslose. Ein Bonner Staatssekretär: »Im Winter können wir auf 500 000 Arbeitslose kommen.«
Doch allen Vorwarnungen, allen abgünstigen Prognosen zum Trotz scheuen sich Schmidt und Friderichs bislang, schon jetzt auf neuen Konjunktur-Kurs zu gehen. Denn noch scheint ihnen der Rückgang der Preissteigerungsraten zu mager -- die Kosten der Lebenshaltung stiegen im September gegenüber dem Vorjahresmonat immer noch um 6,4 Prozent, im Juni waren es 7,9 Prozent gewesen. Und tatsächlich zeigen sich wichtige Bereiche. etwa die Chemie. widerstandskräftig.
»Hellwach zu sein« empfiehlt Walter Hesselbach, Chef der Bank für Gemein. wirtschaft, dem Bonner Wirtschaftskabinett. Hesselbach: »Jede Woche später als nötig kann viel zu spät sein.«
Rasche Reaktion könnte vor allem deshalb bald vonnöten sein, weil die westdeutsche Wirtschaft diesmal nicht. wie bei der Rezession vor sieben Jahren, darauf setzen kann, von einem neuerlichen Export-Boom gerettet zu werden.
»Mit der erwarteten Abflachung der weltweiten Investitionskonjunktur"« so analysierten in der vergangenen Woche die fünf wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute der Bundesrepublik in einer Gemeinschaftsdiagnose, »wird auch der Nachfragesog aus dem Ausland nachlassen.« Überdies, so fürchtet Friderichs-Staatssekretär Otto Schlecht, »bekommen wir auch noch die Auswirkungen der drastischen Aufwertungen zu spüren«.
Bislang allerdings geriet noch kein typisches Export-Unternehmen wegen des Bonner Brems-Programms in rote Zahlen, am härtesten packten die Kreditklemmen vielmehr ein reines Inlands-Gewerbe: die Bauwirtschaft.
Reihenweise meldeten Baulöwen bereits Konkurs an -- der Fortfall von Steuervergünstigungen wie des Paragraphen 7 b drückte Absatz und Beschäftigung, die steigenden Zinslasten (derzeitiger Hypothekenzins: bis zu 14 Prozent) begruben immer mehr Bauträger.
Die Bilanz der letzten Tage: In Bergisch Gladbach fallierte die Weissenberger KG mit 1000 Arbeitnehmern. in Hannover offenbarten die Geschäftsführer der Heimbau-Betreuung GmbH dem Konkursrichter« die Firmenkasse sei leer; und in Gelsenkirchen beantragte die Schäfer-Baugruppe einen Vergleich mit ihren Gläubigern.
August Hackert, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes, spricht inzwischen von der schlechtesten Auftragslage in der Bauwirtschaft seit 1948. Laut Fritz Novotny, Präsident der Bundesarchitektenkammer, ist es für die Häuser-Bauer bereits »eine Minute nach zwölf«.
Die Pleiten am Bau schlugen auf die Lieferanten der Bauunternehmer zurück. So kündigte ein großer Teil der 180 Baumaschinen-Hersteller Kurzarbeit und Entlassungen an. Auch die Lastwagen-Fabrikanten, gewichtige Zulieferer der Branche, werden ihre Brummer immer schwerer los. So will die Münchner MAN wegen stark rückläufiger Aufträge bis zum nächsten Januar an 15 Tagen kurzarbeiten.
Krisenfurcht durchzieht nicht nur die Baustellen, auch bei Deutschlands Kleidermachern raschelt es. Konkurs zeigten derweil die Herrenkleiderwerke Lemcke KG in Minden an: über die Bielefelder Textilwerke GmbH, Spezialist für Haushaltswäsche. wurde das Vergleichsverfahren verhängt. Die bayrische Miederfabrik Triumph. einst prallste Stütze ihrer Branche. mußte mehrere Werke schließen.
Demnächst wollen die Textilfabriken -- von ausländischer Konkurrenz bedrängt, durch hohe Lagerkosten als Folge exotischer Zinsen und wachsende Konsumenten-Unlust in Not gebracht -- für rund 50 000 Näherinnen Kurzarbeit .
Dem Siechtum in der Bau- und Textilbranche wollen freilich auch die Bonner Hartmacher nicht mehr lange untätig zuschauen. Mit seinen Staatssekretären debattierte Wirtschaftsminister Friderichs am vergangenen Dienstag über erste Hilfen für die bedrängten Firmen. Den Bauunternehmern will Bonn bei anhaltenden Krisenzeichen mit staatlichen Bauaufträgen und Hilfen an strukturschwache Regionen sowie einer Aufstockung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau die ärgste Existenzangst nehmen.
Den Konjunktur-Opfern unter den Textilherstellern könnte -- so überlegten die Konjunkturlenker -- mit zinsgünstigen Krediten aus der Klemme geholfen werden. Der Plan: Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau. Bonns Hausbank, leitet Zinssubventionen in die Bekleidungsindustrie.
Weitere konjunkturelle Lockerungsübungen wollen sich Schmidt und Friderichs vorerst versagen -- und selbst die Notgroschen für Bau und Textil plant die Bundesregierung, wenn möglich, erst dann auszuzahlen, wenn die Gewerkschaften ihre Forderungen für die Lohnrunde vom Dezember und Januar präsentiert haben.
Das sozialliberale Kalkül: Weitere Schlagzeilen von Massenentlassungen und Kurzarbeit sollen den Werktätigen und ihren Gewerkschaften verdeutlichen, daß sie mit hohen Lohnforderungen die Arbeitsplätze gefährden.
Wie ernst die Lage ist, erfuhren die Gewerkschaftsführer bereits Anfang Oktober auf einer Vorstandssitzung des DGB im Neu-Isenburger Hotel Gravenbruch. Dort trug Heinz Markmann, Leiter des DGB-eigenen Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), eine Konjunkturanalyse vor, die -- so ein Teilnehmer -- »den Kreis schockierte --
Die DGB-Ökonomen sagten für das nächste Jahr Schlimmes voraus -- »stagflatorische Tendenzen: höhere Arbeitslosigkeit bei andauernden Preissteigerungen«. Und überdies bescheinigten die WSI-Analytiker: »Eine Gewinnexplosion hat wider Erwarten nicht stattgefunden.« Um 7,4 Prozent, so die WSI-Schätzung, werde in diesem Jahr das Nettoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen steigen, die Nettolohn- und Gehaltssumme aber um 8,7 Prozent.
Die Gewerkschafts-Basis zeigt sich von derlei Zahlenwerk bislang nicht beeindruckt. in der vergangenen Woche zogen 13 000 wild streikende Kumpel der Saarbergwerke durch Saarbrücken und forderten einen Inflations-Ausgleich von 300 Mark und 100 Mark mehr im Monat. 15 Prozent Zulage wollen die Eisen- und Stahlwerker in Nordrhein-Westfalen verlangen.
Überaus zweifelhaft scheint denn auch. daß Bonner Maßhalteappelle, wie sie Helmut Schmidt ausgibt, viel ausrichten werden. Der Finanzminister in der vergangenen Woche vor dem Bundestag: »Wer weiterhin agiert und disponiert. als befinde sich die Wirtschaft in einem ungebrochenen Boom, der treibt ein gefährliches Spiel mit der Sicherheit von Arbeitsplätzen.«
Den IG-Metall-Vorsitzenden Fugen Loderer, von seinem Anhang zu lohnpolitischer Härte gedrängt, machten Schmidts Worte böse: »Ich kann da nur mit dem Kopf schütteln. Das ist eine dreiste Drohung.«