Herbe Absatz-Verluste Deutsche Autobauer haken 2008 ab
Detroit/Frankfurt am Main - Zehn Monate lang konnten die Autohersteller von den hohen Zulassungszahlen zu Jahresbeginn zehren. Neun Wochen genügten, um das Polster zu pulverisieren. Die Umsatzeinbrüche im September und Oktober waren so heftig, dass an ein Wachstum oder wenigstens an eine schwarze Null in diesem Jahr nicht mehr zu denken ist.
Volkswagenproduktion in Zwickau: VW stemmt sich gegen die Krise
Foto: DPAAllein im Oktober sank die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) um 8,2 Prozent auf rund 258.800 Fahrzeuge. Der VDA senkte seine ohnehin schon vorsichtige Prognose für das Gesamtjahr von bislang 3,2 Millionen Neuzulassungen auf maximal 3,1 Millionen Pkw. "Derzeit ist noch unklar, ob die Weltwirtschaft in eine länger anhaltende Rezession steuert. Sicher ist nur, dass diese Krise erhebliche Auswirkungen auf die globale Automobilkonjunktur haben wird", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann.
Auch der Export verlor durch die weltweite Konjunkturabkühlung deutlich an Fahrt. Während in den ersten Monaten die Exporte noch leicht über dem Rekordjahr 2007 lagen, gingen sie im Oktober um zehn Prozent zurück.
Kollabierender US-Markt
Das schlechte Exportgeschäft ist in erster Linie dem kollabierenden US-Markt geschuldet. Dort stürzte der Absatz im Oktober auf den tiefsten Stand seit mehr als 17 Jahren. Der Verkauf von Neuwagen brach gegenüber dem Vorjahresmonat um 32 Prozent auf 838.156 Fahrzeuge ein, wie die Organisation Autodata mitteilte.
Die härtesten Rückschläge mussten die US-Autobauer verkraften: Allein General Motors kämpft mit einem Absatz-Rückgang um 45 Prozent, bei der früheren Daimler-Tochter Chrysler, die mit GM über eine Fusion verhandelt, waren es 35, bei Ford 30 Prozent. Auch die japanischen Hersteller wurden von dem Sog der sinkenden Nachfrage erfasst. Toyota meldete einen Absatzrückgang um 23 Prozent, bei Honda waren es 25 und bei Nissan 33 Prozent.
Der Aderlass bei den Verkäufen der Deutschen in den USA steht dem bei den Japanern nicht viel nach. So verzeichnete Daimler einen Absatzrückgang von 24,5 Prozent. Ohne den im Januar in den USA eingeführten Smart wäre das Minus noch stärker ausgefallen. Im Oktober wurden 2236 Smarts an Kunden in den USA ausgeliefert. Die Kernmarke Mercedes-Benz verlor dagegen 34,3 Prozent.
Mini mit deutlichen Zuwachsraten
BMW sieht dank des Mini immerhin "noch Leben im Markt", aber es werde schwieriger, gute Ergebnisse zu erzielen, sagte USA-Chef Jim O'Donnell. Der Absatz von BMWs brach im Oktober um 14 Prozent auf 20.203 Fahrzeuge ein. Für das Gesamtjahr ergibt sich bisher ein Minus von 10 Prozent. Der Mini entwickelt sich dagegen mit einem Plus von 56 Prozent zum echten Renner.
Lediglich Volkswagen steht derzeit noch wesentlich besser da als der Gesamtmarkt. Die Rettung für VW waren die drei neuen Modelle Tiguan, Routan und das Coupe CC, die im Vorjahr noch nicht im Angebot waren. Dagegen verzeichnen die klassischen Modelle wie Golf oder Passat ebenfalls deutliche Einbrüche.
Porsche dagegen setzte auf dem US-Markt 39 Prozent weniger Autos ab. "Dies zeigt, dass sich auch Porsche den Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Nachfrageschwäche in allen Bereichen nicht entziehen kann", erklärte das Unternehmen in Stuttgart.
Doch die nackten Absatzzahlen sind nur eine Seite der Medaille. Die Situation bei den einzelnen Herstellern sieht sehr unterschiedlich aus. Zurzeit können noch alle den Nachfrageschwund durch geschickte Absenkung der Produktion ausgleichen, ohne Mitarbeiter entlassen zu müssen.
Opel beschließt erneut Produktionsstopp
Am heutigen Dienstag erst kündigte Opel nach einer dreiwöchigen Zwangspause erneut den Wegfall einiger Schichten an, um die werkseigenen Parkplätze um 5200 Autos zu entlasten. Zwar müssen die Monteure geringe Lohneinbußen hinnehmen, doch nach Angaben des Unternehmens stehen Arbeitsplätze nicht zur Disposition. Experten wie der Gelsenkirchener Professor Ferdinand Dudenhöffer befürchten allerdings, dass über kurz oder lang Entlassungen unvermeidlich sein werden. Im schlimmsten Fall seien bis zu 50.000 Jobs in Gefahr.
Die Unterschiede zwischen den Konzernen offenbaren sich eher beim Blick in die Bilanzen. BMW revidierte heute bei der Vorlage der tristen Zahlen für das dritte Quartal erneut seine Jahresprognose. Die angestrebten Ziele seien nicht mehr zu erreichen, hieß es. Wegen der sinkenden Erlöse für Fahrzeuge, die aus Leasingverträgen zurückkommen, musste die Firma auch die Risikovorsorge für faule Kredite und Zahlungsverzögerungen um 342 Millionen Euro aufstocken. Im ersten Halbjahr hatten die Münchener bereits 695 Millionen Euro zurücklegen müssen.
Porsche plant dagegen nach Informationen der "Financial Times" wieder einmal eine Sonderdividende, die informierten Kreisen zufolge mehr als 1,50 Euro je Vorzugsaktie betragen soll. Für das Ende Juli 2007 abgeschlossene Geschäftsjahr hatte Porsche eine Sonderdividende von 15 Euro ausgeschüttet, seitdem gab es allerdings einen Aktiensplit im Verhältnis 10:1. Der Überschuss geht weniger auf die guten Geschäfte mit Sportwagen zurück, als vielmehr auf die hohen Spekulationsgewinne mit VW-Aktien und Optionen. Diese sollen so hoch ausgefallen sein, dass abermals der Gesamterlös höher ist als der Umsatz. Porsche will die Zahlen Ende November vorlegen.
Auto-5000-Werker steigen auf
Auch Volkswagen konnte der Krise bislang recht erfolgreich trotzen - speziell zur Freude der Mitarbeiter der VW-Tochter Auto 5000. Deren rund 4200 Mitarbeiter werden künftig in Wolfsburg zu gleichen Bedingungen arbeiten, wie die Stammbelegschaft, was mit einem spürbaren Einkommenszuwachs einhergeht.
Das Projekt 5000 mal 5000 sah ursprünglich vor, 5000 Arbeitslose bei VW zu einem Pauschalgehalt von 5000 Mark (2556 Euro) im Monat zusätzlich zur Belegschaft einzustellen. Die Summe lag deutlich unter dem, was Arbeiter damals nach dem übertariflich ausgestatteten Haustarifvertrag bei VW verdienten. Die Mitarbeiter müssen mehr Verantwortung für ihre Arbeit und vor allem die Qualität der Autos übernehmen. Die Arbeitszeit richtet sich nach den fertig gestellten Wagen. Falls die Qualität nicht stimmt, muss nachgearbeitet werden.
Inzwischen jedoch haben sich die einstigen Außenseiter Anerkennung von allen Seiten erworben. "Die Beschäftigten der Auto 5000 haben bewiesen, dass sie erfolgreich Autos bauen können, insofern war die Zeit reif, das Projekt zu beenden und eine Regelung gemäß der Leitlinie der IG Metall - gleiches Geld für gleiche Arbeit - durchzusetzen", sagte IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine am Dienstag in Hannover.
Mit Material von AP, dpa und Reuters