Herbst - DER SPIEGEL
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KÜHLSCHRANK-PREISE Herbst

• aus DER SPIEGEL 39/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf der Kölner Hausrat- und Eisenwaren-Messe vom 11. bis 13. September unterzogen sich führende westdeutsche Kühlschrank-Fabrikanten der unvermeidlich gewordenen Notwendigkeit, die Gesetze eines funktionierenden freien Marktes mit barem Geld zu honorieren. Sie ermäßigten den Preis für das gängige Modell ihrer Branche - für den Kühlschrank mit 110 Liter Rauminhalt - glatt um einen Hundertmarkschein.

Nach Kavaliersart genossen sie den dadurch ausgelösten Beifall, schwiegen aber über die Ursachen, denen Westdeutschlands Verbraucher diese herbstliche Überraschung verdanken. Insbesondere vermied es Diplomingenieur Scholl, Leiter der Fachabteilung Kühlschränke im Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie, an Branchen-Meldungen vom Frühjahr anzuknüpfen, die der Verbraucherschaft versichert hatten, »weitere Preissenkungen für Kühlschränke« seien »angesichts der hohen Kosten nicht zu erwarten«.

Nur in Messe-Fachgesprächen wurde deutlich, daß der Preisrutsch in erster Linie das Resultat eines sich immer mehr verschärfenden Konkurrenzkampfes ist, in dein die Versandhändler der Bundesrepublik als Sturmtruppe operieren. Im Herbst 1954, als für 110-Liter-Schränke noch rund 650 Mark gezahlt werden mußten, eröffnete der Frankfurter Versand-Matador Josef Neckermann die Partie: Er nahm einen Kühlschrank von 55 Liter Rauminhalt zum Preise von 295 Mark und einen 92-Liter-Schrank zum Preise von 574 Mark in seinen Katalog auf.

Neckermann war gezwungen, die Kühlschränke im Ausland zu kaufen, nachdem die »Arbeitsgemeinschaft Kälteindustrie« namens ihrer Mitglieder jede Geschäftsverbindung mit dem als etwas anrüchig geltenden Versandgewerbe ablehnte. So bestand sein 55-Liter-Schrank aus einem Luxemburger Kälteaggregat und einem deutschen Gehäuse. Der größere Kühlschrank war das importierte Modell »Prestcold« der englischen Firma Pressed -Steel Company Ltd. in Oxford.

Die Arbeitsgemeinschaft wand dem neuen Mitbewerber nicht gerade Kränze. Vielmehr warnte sie die Öffentlichkeit: »Tatsächlich kommt in dem niedrigeren Preis der fehlende Kundendienst, sowie die mangelnde fachmännische Beratung und das Fehlen der hierzu notwendigen Voraussetzungen zum Ausdruck ... Hochspezialisierte technische Geräte durch einen Katalog verkaufen zu wollen, ist unsinnig.«

Die Herstellerfirma Alaska attackierte den billigen Josef Neckermann aus Frankfurt in Zeitungsannoncen mit einer Karikatur, die einen unrasierten Hausierer zeigt, der einen Bauchladen mit einem Kühlschrank um den Leib gehängt hat. Unterschrift: Ein Kühlschrank ist kein Schnürsenkel!

Handel und Handwerk schlossen sich

dem Boykott an. Mehrere Innungsmeister verschickten an ihre Mitglieder Rundbriefe der Art, wie sie die Elektroinnung des Kreises Aalen verfaßte: »Wir machen unsere Mitglieder darauf aufmerksam, sich in keinem Fall als Handlanger für das Versandhaus herzugeben, was auch letzten Endes mit unserer Berufsehre in keiner Weise in Einklang steht.« Der Boykott funktionierte selbst indirekt. Elektro-Großhändler Hermann Albert Bumke aus Hannover etwa annullierte einen Auftrag auf die Lieferung von Herden bei der Lüneburger Firma Wilhelm Köppen, nachdem deren Kühlschrank-Zulieferungen an Neckermann ruchbar geworden waren. Bumke bumste aus Hannover: »Wir sehen uns daher gezwungen, den Ihnen erteilten Abschluß -Auftrag über Herdlieferungen zu annullieren.«

Trotz solcher Anfeindungen lieferte das Frankfurter Versandhaus jedoch Monat für Monat mehr Kühlschränke an seine Kunden aus. Andere Versandfirmen nahmen ebenfalls Kühlschränke in ihr Verkaufsprogramm auf. Das Fürther Versandhaus Quelle bot ein Modell französischer Herkunft an, und Neckermann verkaufte im Sommer dieses Jahres mit einigem Tamtam seinen 200 000. Kühlschrank in ein Dorf der Lüneburger Heide.

Angesichts derartiger Absatzmöglichkeiten schwenkte sogar ein deutscher Fabrikant, die Firma Loh in Siegen, in das Lager der Versender über. Die Siegener Kühlschrankbauer, die vorher ihr Markenfabrikat »Silo« bauten, übernahmen es, für Neckermann einen Kühlschrank mit 115 Liter Rauminhalt herzustellen, dessen Preis der Versandhändler schließlich unter die Grenze von 400 Mark herabdrückte. Er zeichnete ihn im Katalog mit 368 Mark aus.

Vierzehn Tage vor Beginn der Kölner Hausrat-Messe ließ Neckermann überdies in seine ausgedruckten drei Millionen Herbstkataloge einen roten Zettel legen, demzufolge der Preis

nochmals um einen kleinen Propaganda -Tick - ganze 10 Mark - reduziert wurde. Als Begründung diente ihm die Tatsache, daß er seinen Kühlschrankverkauf von Januar bis Ende August 1959 gegenüber dem Vorjahr um 68 Prozent erhöhen konnte, während die Zuwachsrate der gesamten westdeutschen Kühlschrank-Industrie für das ganze Jahr nur etwa 20 Prozent beträgt.

In den Kämpfen mit Versandhäusern und Konsumgenossenschaften war der ursprüngliche Preis für den 110-Liter-Schrank (650 Mark) ohnehin mehrfach gesenkt worden. Seit dem Sommer 1958 lag er bei 470 Mark. Diesen Preis und das System der gebundenen Endverkaufspreise allerdings wollte die Kühlschrankindustrie auch nach dem Preisrutsch in der Rundfunk- und Fernseh-Branche um die Jahreswende (SPIEGEL 5/1959) nicht aufgeben, wie ihre Sprecher im Frühjahr bekanntgegeben hatten.

Die anschwellende Produktion jedoch - 1957 rund 920 000, 1958 rund 1,5 Millionen und 1959 vermutlich zwei Millionen Kühlschränke - und der Preiskampf bedrückten die Branche vor Herbstbeginn so stark, daß die Frühjahrsthese - »Die hohen Kosten lassen weitere Preissenkungen einfach nicht mehr zu« - zusammenbrach.

Den entscheidenden Schritt taten die drei größten Kühlschrankhersteller der Bundesrepublik - sie vereinigten etwa 60 Prozent des Marktes auf sich -, die Firmen Bauknecht, Bosch und Linde. Sie setzten während der Messe die Preise für ihr 110-Liter-Modell von bisher zwischen 460 und 480 Mark auf 382 bis 384 Mark herab. Die neuen Kölner Preise für Schränke größeren Rauminhalts lagen um sechs bis zwölf Prozent niedriger als bisher.

Um dem Verdacht entgegenzuwirken, sie hätten Kühlschränke bisher zu ungerechtfertigt hohen, also sogenannten Luftpreisen verkauft, zwangen die drei Großhersteller ihre Vertragshändler, auf einen Teil der bisherigen Handelsspanne zu verzichten. Für das Modell zu 110 Liter setzten Bauknecht, Bosch und Linde die Großhandelsspannen von 25 bis 29 Prozent auf 22 bis 24 Prozent herab. Die Einzelhändler, deren Spanne zuletzt 17 bis 25 Prozent betrug, müssen sich künftig mit 15 bis 19 Prozent begnügen.

Kampfannonce der Konkurrenz

Ein Kühlschrank ist kein Schnürsenkel

Versandhändler Neckermann: Preisabschlag auf roten Zetteln

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