Herrscht mit Terror - DER SPIEGEL
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Gewerkschaften Herrscht mit Terror

Zum Jubiläum der IG Metall häuft sich die Kritik am Stil des selbstherrlichen Vorsitzenden Franz Steinkühler.
• aus DER SPIEGEL 23/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es wird ein Fest, wie es die Bundesrepublik selten erlebt hat. Mit viel Pomp und Prominenz feiert die IG Metall am 5. Juni den 100. Geburtstag ihrer Organisation.

Das ZDF berichtet aus der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden über die riesige Geburtstagsparty. Doch für den eigentlichen Höhepunkt des Spektakels hat die Gewerkschaft, die noch nie an mangelndem Selbstbewußtsein litt, die Frankfurter Paulskirche gewählt.

Ganz harmonisch wird der Geburtstag allerdings nicht verlaufen, einige Metaller haben Proteste angekündigt. Sie stört, daß ihr Vorsitzender Franz Steinkühler auch den Bundeskanzler eingeladen hat.

»Wir verstehen uns doch als Gegenmacht zur Regierung«, wettert der Frankfurter IG-Metall-Bevollmächtigte Heinz Bierbaum. »Warum muß der Kohl da ausgerechnet zu unserem Geburtstag kommen?«

In Baden-Württemberg, der Heimat des Vorsitzenden, erregen sich besonders viele Metaller über Steinkühlers Entscheidung. »An seiner Stelle«, rügt der Stuttgarter IG-Metall-Bevollmächtigte Ludwig Kemeth, »hätte ich vorher wenigstens den Vorstand gefragt.«

Der Streit um den Kanzler-Besuch ist typisch für den Zustand der einflußreichsten Arbeitnehmer-Organisation des Landes. Nach außen scheint die IG Metall mit 3,6 Millionen Mitgliedern stärker denn je. Doch im Innern der straff geführten Organisation rumort es gewaltig, immer mehr Metaller üben Kritik an ihrem Vorsitzenden.

Die Gewerkschafter werfen ihrem Chef Arroganz und Selbstherrlichkeit vor. »Steinkühlers Vorgänger haben mit Herzblut regiert«, klagt ein hoher Funktionär in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale, »der Franz dagegen herrscht mit Terror.«

Wie gespannt das Verhältnis zwischen Führung und Fußvolk ist, zeigte sich bereits beim letzten IG-Metall-Kongreß im Oktober 1989. Schon damals wurde der Gewerkschaftsführer von seinen Kollegen heftig angegriffen. Unter Steinkühler, tadelten erboste Delegierte, verkomme die IG Metall langsam, aber sicher zur »Ein-Mann-Organisation«.

Die Proteste haben Steinkühler offenbar wenig beeindruckt. Der IG-Metall-Chef managt seine Gewerkschaft weiterhin wie ein Großunternehmen: kalt, technokratisch und autoritär. Wichtige Entscheidungen trifft er am liebsten allein oder im kleinen Kreis.

Bereits im vergangenen Dezember beschloß Steinkühler, wieder engeren Kontakt zur Bundesregierung zu suchen. Das macht durchaus Sinn: Die Probleme in Ostdeutschland sind so groß, sie können nur von Regierung, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften gemeinsam gelöst werden. Die Gespräche mit Helmut Kohl waren bald nach Beginn seiner Kanzlerschaft abgebrochen worden. Damals hatte die Regierung das Streikrecht verschärft und der Kanzler die Forderung der IG Metall nach der 35-Stunden-Woche als »dumm und töricht« bezeichnet.

Für die Metaller kommt Steinkühlers Schwenk überraschend, in der Organisation wurde über den Kurswechsel nie diskutiert. Doch es ist nicht Steinkühlers Stil, um Verständnis für seine Entscheidungen zu werben. Kritiker an der Einladung Kohls kanzelte er statt dessen als »kleinkariert« und »pepita« ab.

Ebenso selbstherrlich besetzt der IG-Metall-Chef Schlüsselpositionen. Steinkühler sucht sich einen Wunschkandidaten aus, präsentiert ihn dem Vorstand - und der stimmt zu.

In dem 30köpfigen Gremium muckt selten einer auf. Außer dem badenwürttembergischen IG-Metall-Bezirksleiter Walter Riester, dem Hamburger IG-Metall-Statthalter Frank Teichmüller oder dem niedersächsischen IG-Metall-Chef Jürgen Peters wagt keiner, dem Chef zu widersprechen.

Im engeren Kreis der elf geschäftsführenden Vorstandsmitglieder hat Steinkühler ohnehin freie Hand. Starke Persönlichkeiten wie den Hattinger IG-Metall-Bevollmächtigten Otto Köhler läßt er in die engste Führungsspitze erst gar nicht aufsteigen.

Steinkühler umgibt sich gern mit loyalen Anhängern. Am kommenden Dienstag sollen die Metaller auf seinen Wunsch erneut einen wenig profilierten Kollegen in den Vorstand wählen, den Betriebsratschef der Thyssen Stahl AG, Dieter Schulte. Der gelernte Maurer soll den Stahlexperten Georg Ippers ersetzen, der Ende Juni aus Altersgründen ausscheidet.

Die einseitige, auf Machterhalt ausgerichtete Personalpolitik dürfte sich in den kommenden Jahren bitter rächen. An der Führungsspitze der Massenorganisation ist ein politisches Vakuum entstanden, das sich bei der Diskussion um die deutsche Einheit bereits schmerzlich bemerkbar machte.

Nach dem Fall der Mauer meldete sich die IG Metall monatelang nicht zu Wort. Statt dessen feilschten die Funktionäre in den vergangenen Tarifverhandlungen für die rund vier Millionen westdeutschen Metaller um Leichtlohngruppen und Lohnprozente, als wäre nichts geschehen. »Politische Funken«, rügt ein Frankfurter Vorstandshelfer, »sprüht die IG-Metall-Spitze schon lange nicht mehr.«

Franz Steinkühler, der einstige Hoffnungsträger vieler Metaller, zeigt nach Einschätzung von Mitarbeitern Zeichen der Ermüdung. Kollegen und Mitarbeiter bürstet der IG-Metall-Chef aus nichtigstem Anlaß ab, selbst Nebensächliches bringt ihn in Rage.

Vertraute spekulieren bereits, der Vorsitzende suche insgeheim nach einer neuen Herausforderung. Im Herbst vergangenen Jahres kam sogar das Gerücht auf, Steinkühler sei als möglicher Nachfolger von VW-Chef Carl Hahn im Gespräch. Sollte der neue SPD-Vorsitzende Björn Engholm 1994 die Bundestagswahl gewinnen, könnte der Metaller in einer SPD-geführten Regierung vielleicht Minister werden.

Welches Amt ihn in diesem Fall interessiert, hat Steinkühler auch schon mitgeteilt. »Der Job des Wirtschafts- oder Finanzministers«, gesteht er, »könnte mich schon reizen.«

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