Hersheys Globalisierung Aufruhr im Schoko-Disneyland
Hershey - Es ist der letzte Ort, an dem man eine Revolution vermuten würde. Eingebettet in die sanften Hügel Pennsylvanias und durchzogen von einem verführerischen Kakaoduft wirkt das 13.000-Einwohner-Städtchen Hershey tatsächlich wie der "süßeste Ort auf der Welt" - ganz so, wie die Tourismusbroschüre es verspricht.
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Amerikaner kommen gern mit der ganzen Familie in dieses Schoko-Disneyland. Die braunen Zwillings-Schornsteine der Hershey-Schokoladenfabrik sind das Wahrzeichen der Stadt. Die Hauptstraße heißt Chocolate Avenue, der Themenpark Chocolate World. Selbst die Straßenlaternen deuten auf die lokale Obsession hin. Sie sind geformt wie Hershey's Kisses, das 95 Jahre alte, bekannteste Produkt der Firma.
Über diese süße Idylle brach vor zwei Wochen jäh die zartbittere Realität herein. Das "Wall Street Journal" enthüllte einen Geheimplan des Hershey-Foods-Hauptaktionärs. Das Unternehmen, das Herz der Stadt, die Quelle allen Geldes, solle verkauft werden. Wahrscheinlich an einen "Global Player" wie Kraft oder Nestlé.
Verkaufspläne sorgen für ungläubiges Staunen
Als Grund nannte der Hauptaktionär, die Stiftung Hershey Trust, sie wolle ihr Portfolio diversifizieren. Das Stiftungskapital ist zu 52 Prozent in Hershey Foods investiert - in ihren Augen viel zu riskant. Am Mittwoch bekräftigte der Stiftungsvorstand nach einer fünfstündigen Sondersitzung noch einmal den Verkaufsplan. Der Trust kann sein Vorhaben einfach durchziehen, weil er 77 Prozent der stimmberechtigten Anteile an Hershey Foods hält.
Die Bewohner der Region reagierten ungläubig. Sowas hatte man in Hershey noch nie gehört, nicht mal geträumt. Seit 99 Jahren funktioniert die Symbiose zwischen Stadt und Fabrik, gerade erst hatte die Firma eine Gewinnsteigerung um 20 Prozent im zweiten Quartal bekannt gegeben. "Ich dachte erst, es sei ein Witz, als es mir erzählt wurde", sagt John Zimmermann, der seit 50 Jahren hier lebt. "Ich habe auf die Pointe gewartet."
Inzwischen dämmert es den Bewohnern jedoch, dass Hershey im Begriff ist, jener abstrakten Kraft namens Globalisierung zum Opfer zu fallen. Die Lebensmittelindustrie konsolidiert, die Stiftungen diversifizieren, auf der Strecke bleiben One-Company-Towns wie Hershey.
Nun tobt die Diskussion darüber, "was Milton wirklich will". Milton, Nachname Hershey, Sohn deutscher Einwanderer, hatte Stadt und Fabrik im Jahr 1903 gegründet. Als Einheit, wie die Einwohner gerne betonen.
Der Groß-Industrielle war einer jener paternalistischen Unternehmer aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die um das Wohl ihrer Arbeiter besorgt waren. Was der 1945 gestorbene Milton gesagt, gedacht und gemacht hat, ist oberstes Gesetz in Hershey, wo Gebäude entweder seinen Vor- oder seinen Nachnamen tragen (Milton Motel, Hotel Hershey). Ganz bestimmt habe "Mister Hershey" nicht gewollt, dass seine Stadt zum Spielball internationalen Kapitals werde, zürnt Kathleen Lewis, die 70-jährige Präsidentin der Derry Township Historical Society.
Entlassungen befürchtet
Die Bewohner gehen davon aus, dass ein Verkauf Schließungen und Entlassungen bedeutet. Im Online-Forum der Lokalzeitung "The Patriot" malt ein gewisser "Gordon Geko" (in Anlehnung an den skrupellosen Raider Gordon Gekko aus dem Hollywood-Film "Wall Street") mit viel Ironie bereits verschiedene Zerschlagungsszenarien aus.
Es geht um 6200 Arbeitsplätze in drei Fabriken sowie die hochqualifizierten Fachkräfte, die in Hauptquartier und Tech-Center arbeiten. Die Makler fürchten um die Immobilienpreise, die Pizzabäcker um die Kunden. Alle erdenklichen Gruppen der Stadt haben sich daher gegen den Verkauf ausgesprochen, eine Website friendsofhershey.org wurde eingerichtet.
Am vergangenen Freitag, so ging das Gerücht, sollte eine Nestlé-Delegation in der Stadt sein. Hastig wurde eine Demo anberaumt. Zwischen 500 und 1000 Menschen erschienen. "Wenn sie sehen, dass sie sich hier in ein Hornissennest setzen, kommen sie vielleicht nicht", hofft Robert Feaser, Vertreter der Schokoladen-Gewerkschaft.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Diskussion um das Luxus-Internat des Hershey-Trusts die Verkaufsdiskussion ins Rollen brachte
Längst haben sich auch die höchsten Politiker des Staates Pennsylvania eingemischt. Im November sind Gouverneurswahlen, und die Kandidaten beider Parteien wollen den Verkauf eines der größten Arbeitgeber der Region verhindern. Auch fünf ehemalige Hershey-Topmanager sowie der amtierende Hershey-Foods-Chef halten den Verkauf für falsch.
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Das Thema hat Sprengkraft: Hershey Foods ist mit 42 Prozent Marktanteil nicht nur unangefochtener Marktführer im US-Schokoladenmarkt. Das 108 Jahre alte Unternehmen (vor der Gründung der Stadt Hershey produzierte es bereits in Lancaster) ist auch eine der ältesten Marken Amerikas - älter als Coca-Cola.
Die weißhaarige Oma Lewis hat den "wohlmeinenden Diktator" Milton Hershey nie kennen gelernt. Als er starb, war sie zwar schon 13 Jahre alt, aber viel zu sehr damit beschäftigt, in dem Riesen-Freibad zu schwimmen, das "Mister Hershey" seinen Untertanen, pardon, Arbeitern gebaut hatte.
Aber eines weiß sie sicher: "Mister Hershey hat immer zuerst an die Menschen gedacht." Statt Mietskasernen wie in anderen Fabrikstädten ließ der gute Mann Häuser in baumbestandenen Straßen bauen. Die Arbeiter sollten die Häuser kaufen und sich mit ihren Familien ansiedeln. Deshalb wirkt die ganze Stadt bis heute wie ein einziger wohlhabender Suburb.
Achterbahnen für Freizeitvergnügen
Fürs Wochenende ließ Milton einen Vergnügungspark mit mehreren Achterbahnen errichten, eine der Hauptattraktionen der Stadt. Auch ein Theater entstand, eine Bank, ein Kaufhaus, eine Wäscherei, selbst eine Straßenbahn. "Es ist unglaublich, was dieser winzige Ort mit 6000 Einwohnern alles hatte", sagt Lewis.
Inzwischen wohnen 60 Prozent der Arbeiter nicht mehr in Hershey selbst - es ist zu teuer geworden. Seit 1963 ein Universitätskrankenhaus gebaut wurde, haben die Ärzte und Krankenhausangestellten die Häuser belegt. Doch Hershey macht einen satten Eindruck, die Arbeiter verdienen durchschnittlich 18 Dollar pro Stunde, laut Gewerkschaft ein guter Lohn für die Gegend.
Selbst an die Große Depression denkt man in Hershey nicht mit Trauer zurück. "Milton gab große Bauprojekte in Auftrag, damit jeder Arbeit hatte", sagt Feaser. In den Dreißigern entstanden ein luxuriöses Gästehaus auf einem Hügel (heute Hotel Hershey), eine überdachte Arena, ein Stadion und ein klassizistisches Gemeindezentrum (in dem heute die Marketingabteilung von Hershey Foods sitzt).
Doch was schließlich, 90 Jahre später, zum Zankapfel werden sollte, war die Schule. Weil das Ehepaar Hershey keine Kinder bekommen konnte, hatten sie 1909 eine Schule für Waisenkinder gegründet. Nach seinem Tod, so hatte Milton Hershey angeordnet, solle eine Stiftung die Finanzierung der Schule für benachteiligte Kinder sichern - auf ewig.
Der Hershey Trust wurde zum Stellvertreter Miltons auf Erden, zog in seine Villa ein und kontrolliert bis heute den Geldfluss in der Stadt. Lange Zeit ging das gut: Die 17 Mitglieder des Stiftungsvorstands waren Manager der verschiedenen Hershey-Unternehmen, fest verwurzelt in der Gemeinde.
Die alte Garde verlässt den Stiftungsvorstand
Doch 1993 begann die alte Garde, den Vorstand zu verlassen. Ihnen folgten Outsider, Finanzprofis aus dem ganzen Land. Heute wohnen nur noch vier Vorstandsmitglieder in der unmittelbaren Umgebung. Der Rest kommt aus Kalifornien, New York, Virginia - Gegenden, wo Milton Hersheys Gebote nicht gelten.
Der neue Vorstand argumentiert nun - unter Hinweis auf den Stiftungsauftrag -, dass eine breitere Risikostreuung im Interesse der Schule sei. "Wir müssen das Überleben der Schule sichern", so Trust-Chef Robert Vowler.
Darüber können Kritiker nur lachen. Das zum größten Teil in Hershey Foods angelegte Stiftungskapital hat sich von den ursprünglichen 60 Millionen Dollar auf 5,4 Milliarden Dollar vermehrt - kaum ein schlechtes Investment. Umgerechnet sind das 4,5 Millionen Dollar pro Schüler. Zum Vergleich: Die Harvard University, die mit Abstand reichste Uni der Welt, hat gerade mal eine Million Dollar Stiftungskapital pro Student.
Die Schule gilt daher längst als Luxus-Internat mit nicht zu wenig, sondern zu viel Geld. Zwar kommen die 1200 Schüler weiterhin aus sozial schwachen Verhältnissen. Doch die Einnahmen der Stiftung übersteigen seit Jahren die Ausgaben für die Schule. "Die schwimmen im Geld", sagt Feaser. Von Überleben zu reden erscheint daher vielen als Übertreibung.
Die Bewohner glauben, den Geist Milton Hersheys besser zu kennen. Die Stiftung habe auch die Interessen der Stadt zu berücksichtigen, sagt William Jackson, seit 30 Jahren Chefredakteur der Lokalzeitung "Hummelstown Sun". Der Ausverkauf sei daher nicht im Sinne des Gründers.
Die beste Lösung in den Augen vieler wäre ein Aktienrückkauf durch Hershey Foods. Den hatte das Unternehmen auch vorgeschlagen, der Trust hatte jedoch abgelehnt.
Analysten schätzen, dass die Stiftung zwölf Milliarden Dollar für ihren Hershey-Foods-Anteil erlösen könnte. Was sie damit machen will, ist unklar. Der bissige Vorschlag von "Gordon Geko": "Dann kann der Trust endlich die durchschnittlichen Ausgaben pro Schüler von 91.000 Dollar auf 600.000 Dollar pro Jahr anheben".