HANDEL Herzlichen Dank
Jahrelang mußte Bernd Otto schweigen, wenn seine großen Konkurrenten im Handel »mit glitzernden Blicken« (Otto) ihre prall gefüllten Kassen vorwiesen. Für größere Beutezüge, wie sie etwa Asko-Chef Helmut Wagner vorführte, fehlte dem Vorstandschef der Frankfurter Co op AG das Geld.
Im Sommer dieses Jahres jedoch glitzerte es endlich auch bei Otto. In der Bilanz für das Geschäftsjahr 1986 waren die flüssigen Mittel auf 385 Millionen Mark gestiegen. Damit, berichtete Otto stolz, »haben wir uns auf eventuelle Unternehmenszukäufe vorbereitet«.
Vergangene Woche war es soweit. Beim Kartellamt in Berlin erstattete Otto Bericht über seine Expansionspläne. Die Co op AG, mit gut zehn Milliarden Mark Umsatz einer der größten Handelskonzerne in Deutschland, will von dem Neusser Familienclan Werhahn drei Supermarktketten (Bolle, Schätzlein, Schade & Füllgrabe) mit zusammen rund 400 Filialen und zwei Milliarden Mark Gesamtumsatz übernehmen. Der Preis dürfte bei 500 Millionen Mark liegen.
Otto hat den Zeitpunkt gut gewählt. Nach dem Urteil des Berliner Kammergerichts von Ende vergangenen Jahres darf das Kartellamt selbst Mammutfusionen im Handel nicht ablehnen. Nur wenn sich auf lokalen Märkten monopolartige Stellungen ergeben, können die Kartellwächter den Zusammenschluß verhindern.
Handelskenner sind denn auch überzeugt, daß der Bundestag spätestens im nächsten Jahr ein neues Gesetz verabschieden wird, das diese großzügige Fusionsregelung wieder aufhebt. »Bis dahin«, so der Manager eines expansionsfreudigen Handelsriesen, »müssen wir die Ernte in der Scheune haben.«
Die Werhahn-Offerte kam überdies für Otto auch deshalb gerade zur rechten Zeit, weil von Mitte des Monats an die Co-op-Aktie zum ersten Mal offiziell an der Börse notiert werden soll. Da macht es sich gut, wenn sich der Handelskonzern kurz vorher noch einmal als potentes Unternehmen präsentieren kann.
Das ist auch dringend nötig. Trotz optimistischer Sprüche des Co-op-Chefs und trotz einer teuren Anzeigenkampagne in den Tageszeitungen will kaum jemand an einen glänzenden Start des Börsenneulings glauben. Für das Wirtschaftsblatt »Capital« ist die Co-op-Aktie schlicht eine »Mogelpackung«.
Schon das unglückliche Taktieren vor dem Börsenstart war nicht dazu angetan, Vertrauen bei den Anlegern zu verbreiten. Ursprünglich nämlich hatte Otto den Gang an die Börse schon zum Jahreswechsel 1985/86 geplant. Bei der eigens zu diesem Zweck einberufenen außerordentlichen Hauptversammlung mußte Otto jedoch den verdutzten Kleinanlegern berichten, daß aus der Börseneinführung vorerst nichts werde.
Nach Ottos Drehbuch sollte die Frankfurter DG Bank, das Spitzeninstitut der Raiffeisenbanken, den Gewerkschaften ihre Co-op-Anteile (39 Prozent) abkaufen und dieses Paket anschließend an der Börse plazieren. Doch nur wenige Stunden vor der Aktionärssitzung zog die DG Bank ihr Angebot zurück.
Damit die Gewerkschaften wenigstens das für die Sanierung der Neuen Heimat dringend benötigte Geld bekamen, sprang kurzfristig der Bund deutscher Konsumgenossenschaften (BdK) ein. Mit einem Darlehen der niederländischen Amro-Bank übernahm der BdK für knapp 200 Millionen Mark das Gewerkschaftspaket. Seither ist die Co op, betont Otto, den »Gewerkschaftsgeruch los.«
In den folgenden Monaten versuchte Otto, »die Braut Co op zu verschönen« und die Bilanzzahlen zu verbessern, was ihm auch gelang. Nahezu 30 Millionen Mark, zehn Prozent mehr als im Vorjahr, konnte die Co op AG in ihrer Bilanz für 1985 als Gewinn ausweisen.
Doch das half wenig. Wo Otto auch anklopfte, um einen Partner für seinen Gang an die Börse zu finden, stets winkten die Banken ab. Ihnen erschien der in den Siebzigern aus unzähligen, meist maroden Konsumgenossenschaften gezimmerte Konzern mit seinen fast 2300 Läden noch nicht börsenreif zu sein.
Im August schließlich konnte Otto ein Emissionshaus präsentieren: den Schweizerischen Bankverein (SBV), der seit Ende 1985 in Frankfurt eine Filiale unterhält. Die Emission, behauptete SBV-Manager Klaus Stenzel, sei »ein risikoloses Geschäft, wenn man seine Schulaufgaben gemacht hat«.
Der Bankverein und die Co op arbeiten seit längerem eng zusammen. Ein Tochterunternehmen des SBV, die Basler Handelsbank, verfügt in der Bundesrepublik über Mehrheitsbeteiligungen an einigen Handelsunternehmen, an denen auch die Co op beteiligt ist.
Zwar ist die Co-op-Aktie mit einem Einführungspreis von 160 Mark kein besonders teures Papier. Dennoch ist nach Ansicht von Finanzexperten Skepsis angebracht. Viele Posten in der jüngsten Co-op-Bilanz sind erklärungsbedürftig.
So ist der Umsatz in den vergangenen zwei Jahren trotz einiger Zukäufe gefallen - von 10,34 Milliarden auf 10,08 Milliarden Mark. Auch im laufenden Jahr werden die Einnahmen, zumindest im Lebensmittelbereich, weiter sinken.
Gleichzeitig ist der Jahresüberschuß im Konzern von 35 Millionen (1984) auf 104 Millionen Mark hochgeschnellt. Wie diese »Meisterleistung«, so die »Lebensmittelzeitung«, zustande kam, darüber rätseln vor allem die Konkurrenten.
Die glänzenden Zahlen sind um so erstaunlicher, als die Bankschulden der AG innerhalb eines Jahres von 433 auf 800 Millionen Mark anstiegen. Der Zinsaufwand kletterte dementsprechend von 84 auf 137 Millionen.
Die Konkurrenten argwöhnen, daß ein Großteil des stark gewachsenen Überschusses auf einmaligen Zahlungen der Lieferanten beruht. Die Co op hat im vergangenen Jahr die Frischwarenbelieferung umgestellt und auf einige wenige Hersteller konzentriert. In der Branche hält sich hartnäckig das Gerücht, die als Generalagenten ausgewählten Lieferanten hätten Millionen gezahlt, um mit der Co op ins Geschäft zu kommen.
Otto bestreitet das. Er habe lediglich eine »Verbesserung des Konditionengefüges« erreicht. Im übrigen, so erklärt er gern die erstaunlichen Bilanzzahlen, sei die Co op eben ein »großer und sehr verschachtelter Konzern«. Der allerdings
wird durch den Kauf der Werhahn-Filialen kaum übersichtlicher. Die Werhahn-Gruppe hat der Belegschaft in einem lakonischen Schreiben ("Wir möchten Ihnen für Ihre langjährige Treue und erfolgreiche Mitarbeit herzlich Dank sagen") lediglich mitgeteilt, ihre drei Supermarktketten verkauft zu haben.
Damit hat sich einer der verschwiegensten Familien-Konzerne der Republik aus dem Einzelhandel zurückgezogen. Dem weitverzweigten Neusser Clan der Werhahns gehört unter anderem die Brauerei Wicküler, die Baufirma Strabag, die Solinger Schneidwaren-Firma Zwillingswerk, die Kölner ABC-Bank sowie die Rheinland Rückversicherung, und er verfügt über ein beachtliches Aktienpaket des Stromkonzerns RWE.
Die Einzelhandelsketten hatten die Werhahns schon vor Jahrzehnten erworben: Bolle bereits 1911 nach dem Tode des Kommerzienrats Carl Bolle, dessen Milchwagen in vielen Berliner Stadtteilen fast ein Monopol besaßen. Die Ladenkette des alten Georg Schätzlein aus Mülheim an der Ruhr kam 1929 dazu, und im Frankfurter Raum wurden schließlich die Delikatessenläden von Schade & Füllgrabe übernommen.
Aus den dürftigen Bilanzen der Eigentümer läßt sich erkennen, daß die Erträge der drei Lebensmittelketten in den letzten Jahren stetig abnahmen. Zwar hatten die Werhahns vor zwei Jahren noch einmal einen Sanierungsversuch unternommen, einen Ex-Metro-Mann engagiert und sogar der kanadischen Safeway-Kette einige Supermärkte in Hamburg abgekauft. Aber der Erfolg blieb aus.
Wer nun wirklich der neue Arbeitgeber der fast 8000 Beschäftigten in den Bolle-, Schätzlein- und Schade-Filialen sein wird, konnte die Werhahn-Geschäftsleitung in ihrem Abschiedsbrief noch nicht sagen. »Voraussichtlich«, heißt es da vielsagend, werde »eine Schweizer Bankengruppe Enderwerber« sein - gemeint ist die BMB Trade + Investmentbank in Genf, ein Gemeinschaftsunternehmen der Schweizer Privatbanken Leu und Aubert sowie der Bahrein Middle East Bank.
Fürs erste will die Co op die Ladenketten von der BMB nur pachten und zunächst gerade zwei Prozent des Firmenkapitals übernehmen. Später, so heißt es bei der Co op, könnte die Beteiligung eventuell aufgestockt werden.
Das Verfahren macht Sinn. Durch die Mini-Beteiligung und die Pachtverträge kann die Co op, sofern das Kartellamt keine Einwände erhebt, ihr Ladennetz mit einem Schlag um 400 Filialen erweitern - ohne die nicht gerade übervolle »Kriegskasse« (Otto) zu strapazieren.
Otto nämlich hat noch viel vor: Bei ihrem letzten Gespräch im Kartellamt haben die Co-op-Manager bereits erkennen lassen, daß sie »weitere Akquisitionen« planen.